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December 23 2017

Fragebogen 2017

 

Irgendwie passt es ja, dass dieses Jahr der Mittelteil der neuen Star Wars Trilogie herausgekommen ist. Denn irgendwie fühlt sich dieses Jahr auch so an, als ob ich in einem Mittelteil eines Filmes mitgespielt hätte. Nachdem zunächst alles wirklich gut lief, kam ich ins Zweifeln, ergriff eine Gelegenheit, wieder in mein altes Leben zurückzukehren und stellte dann fest: Da geht es nicht zurück. Mehr noch: Ich will gar nicht mehr zurück. In der typischen westlichen Filmplot-Struktur ist das der 2. Akt: Der hört damit auf, dass der Hauptcharakter des Films einnen Rückzug macht und dabei natürlich scheitert, denn das ist die Stelle, an der er bemerkt, dass er die wichtige Entscheidung schon längst getroffen hat.

Insgesamt war das Jahr eigentlich eins der schönen Jahre: Es gab einen wunderbaren Urlaub, ich war auf coolen LARPs, ich habe wunderbare Freundinnen und Freunde mit denen ich schöne Dinge mache (zB auch einen inzwischen gut und regelmäßig laufenden Podcast, etwas, was ich seit Jahren haben wollte). Aber da über allem so ein bisschen das Gefühl schwebte, insgesamt in eine verkehrte Richtung zu laufen, war ich viel mehr genervt, besorgt und schlecht gelaunt als ich hätte sein müssen. Dafür maßgeblich verantwortlich war meine Entscheidung, mich noch mal anstellen zu lassen. Nicht falsch verstehen: Die Firma war top und die KollegInnen super. Aber es passte einfach nicht. Das passiert, wir waren uns darüber auch beidseitig einig und ich überlegte, warum es nicht passte. Der Grund war, wie ich mit dem Plot-Gleichnis versucht habe, zu bebildern: Ich bin eigentlich schon auf dem Weg ganz woanders hin, auch wenn ich das Anfang des Jahres noch gar nicht wusste, als ich die Vorstellungsgespräche hatte. Natürlich ist es müßig, sich darüber zu ärgern, aber so ein bisschen tu ich es doch, denn diese vier Monate haben mich mehr als nur aufgehalten. Sie haben mich zurückgeworfen und ich bin jetzt sehr darauf aus, diesen Setback wieder aufzuholen.

Nun zum alljährlichen Fragebogen:

(Und natürlich vorab auch wieder die Rückblicke auf 20162015201420132012201120102009200820072006200520042003)

Zugenommen oder abgenommen? Gleich geblieben, meine ich.

Haare länger oder kürzer? Auch gleich geblieben.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Jaja, auch gleich geblieben.

Mehr bewegt oder weniger? Weniger und dazu leider ungesünder. Dafür weiß ich jetzt, dass Laufen definitiv nicht meins ist, wenn ich nicht 2 Wochen lang Schmerzen im Knie haben will.

Mehr Kohle oder weniger? Weniger. Der Ausflug ins Angestelltenverhältnis hat mich auch finanziell ein gutes Jahr zurückgeworfen.

Mehr ausgegeben oder weniger? Mehr, weil dieses Jahr eine Woche Urlaub dran war. Eine Woche! So lange war ich seit 2007 nicht mehr weg.

Der hirnrissigste Plan? Mich noch mal anstellen zu lassen. Erstaunlich, wie man nach nur einem guten Jahr Selbständigkeit merkt, wie eingeschränkt man in einer Firma ist.

Die gefährlichste Unternehmung? Gefährlich war dieses Jahr zum Glück nichts. Ein gewisses Risiko war es wohl, aus dem Job wieder ins Freelancertum zurückzugehen ohne Reserven und erste Aufträge. Ich hab das mit Einparken bei Vollgas verglichen. Ich wusste aber, dass länger warten alles nur noch schwieriger machen würde.

Der beste Sex? Ich kann nicht klagen. 

Die teuerste Anschaffung? Eine Steuerberaterin.

Das leckerste Essen? Fisch in Irland. 

Das beeindruckendste Buch? Ich habe dieses Jahr zwar wieder etwas mehr gelesen, aber tatsächlich eher alte Bücher, die ich in meiner Jugend gelesen habe, wie zum Beispiel Robert Heinleins 'Die Katze, die durch Wände geht'.

Der ergreifendste Film? The Last Jedi. Eventuell gar nicht so sehr wegen der Story, die ist halt typisch Star Wars - inklusive der üblichen Plotholes und Zufälle (meine Güte, nach acht Filmen sollten die Leute sich doch dran gewöhnt haben und wenn nicht, warum schauen sie sie dann trotzdem immer wieder?). Nein, wegen Carrie Fisher. Ich habe jede einzelne Szene mit ihr geliebt und der musikalische Tribut am Ende war hart, weil er klar machte, dass man sie jetzt nie wieder in einem neune Film sehen wird. Always my Princess, always my General.

Die beste CD? My Terrible Friend, I Tried To Be Kind.

Das schönste Konzert? Dieses Jahr war das erste Jahr seit sehr langer Zeit, in dem ich auf keinem Konzert war. Das muss 2018 anders werden.

Die meiste Zeit verbracht mit...? Gefühlt dem Zahnarzt. Ich hab mir mit einem Körnerbrot ein Stück Backenzahn abgebrochen und war danach fünf Mal beim Zahnarzt, weil der natürlich zig andere Sachen gefunden und behandelt hat. Ja, musste auch alles sein.

Die schönste Zeit verbracht damit...? Auch dieses Jahr: Babysitten. Eine Woche Luna auf dem Conquest betreuen. 

Vorherrschendes Gefühl 2017? Anspannung. Erst wegen des Jobs, dann weil der Job nicht das richtige war, dann weil ich bei Vollgas einparken muss (was immer noch im Gange ist).

2017 zum ersten Mal getan? In der Probezeit die Firma verlassen. Auf einer Bühne Klavier gespielt und gesungen.

2017 nach langer Zeit wieder getan? Ich glaube nicht, dass ich dieses Jahr irgendwas gemacht habe, was ich lange Zeit nicht getan habe. Vielleicht "an die Schulzeit denken", da vor einigen Wochen eine Klassenkameradin verstorben ist und wir das zum Anlass nahmen, ein paar alte Fotos herauszukramen und zu teilen. 

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Meinem Bauchgefühl nicht getraut zu haben und einen Job anzunehmen, der nicht der richtige war. 2. Zahnarzt. 3. Dass Netflix Sense8 absetzte.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Dass Erinnerung wichtig ist.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Ein unerwartetes Kompliment an Karneval.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? Besagtes Kompliment.

2017 war mit 1 Wort...? Act 2.

October 25 2017

Drei ehemals schwierige Eigenschaften, die mich heute besser leben lassen

Heute schreibe ich mal wieder so wie bloggen früher war: Ein bisschen Nabelschau und Selbstreflexion, ein bisschen was über früher und heute.

Ich schreibe ja schon seit jeher viel auf - vor allem in Tagebüchern und Kalendern - und beim Herumblättern fand ich einige Themen, mit denen ich früher extrem viel gekämpft habe, die mich heute aber nicht mehr in Schwierigkeiten bringen (täten sie das immer noch, würde ich wahrscheinlich nicht darüber bloggen). Bei der Überlegung, was sich geändert hat, habe ich bemerkt, dass viele Eigenschaften, die früher für Probleme gesorgt haben, heute noch da sind, aber dass ich sie anders nutze. Drei davon hab ich für diesen Eintrag mal herausgegriffen:

1. Aversion gegen Wiederholungen

Das war diese eine Eigenschaft, die mich am längsten schlechter leben ließ: In der zweiten Klasse fiel meine Begeisterung für die Schule rapide ab, nachdem unsere Lehrerin ständig Diktate ansetzte und das schulische lernen, das ja vor allem auswendig lernen war, ist für mich fast körperlich schmerzhaft gewesen. Hausaufgaben habe ich selten gemacht, weil ich mich einfach nicht dazu durchringen konnte, Dinge, die im Unterricht schon mal besprochen und geübt wurden, stupide mit immer weiteren Varianten zu wiederholen. Ich habe nach dem Zivildienst im Krankenhaus gearbeitet und musste irgendwann aufhören, weil ich mich schon bei der Hinfahrt in einer verzweifelten Stimmung befand ob der Aussicht, jetzt einen ganzen Tag lang Dinge zu tun, die ich schon tausend mal gemacht habe. Ich würde (auch heute noch) auf keinen Fall irgendwo hin umziehen, wo ich schon mal gewohnt habe, weil ich das als schrecklichen Rückschritt empfinden würde.

Mit fortschreitendem Alter jedoch konnte ich feststellen, dass diese Aversion mir extrem zu Gute kommt. Da ich dieser schmerzhafte Repetitivität, die es nun mal hier und da immer gibt und geben wird, mit der Aufnahme von möglichst vielen Informationen entgegenwirke, bin ich immer über sehr viele Themen gut bis halbwegs gut informiert. Das schöne daran, dass ich das seit nunmehr Jahrzehnten tue ist, dass ich Entwicklungen und Prozesse nachvollziehen und erklären kann, von denen viele andere Menschen nur Bruchstücke kennen - ich habe völlig aus Versehen eine gut funktionierende Kontextdatenbank im Kopf und möchte gerne, dass sich alles immer weiterentwickelt, verbessert und voran kommt.

Der andere - noch viel wichtigere - Vorteil ist, dass ich mit fast 50 Jahren keine Angst vor Veränderung habe. Im Gegenteil, mir geht es gerade gar nicht schnell genug, ich ärgere mich über so viel Stillstand an Stellen, an denen eigentlich dringend was getan werden muss. Ich fühle mich so beweglich wie nie zuvor, auch weil ich aus dem eben erwähnten gesammelten und ständig aktualisierten und erweiterten Wissen die Sicherheit spüre, dass ich gut genug Bescheid weiß, um nicht nur mithalten zu können sondern sogar vieles von dem zu pushen, was mir wichtig erscheint. Es kommt nicht vor, dass ich wegen Veränderungen jammere oder auf die Bremse trete und ich denke, dass das auch den Beziehungen zu Gute kommt, die ich hatte und habe.

2. Gelassenheit

Wie kann das eine Eigenschaft sein, die einem Probleme macht? Nun, wenn man sie nicht erkennt und kanalisiert, hat man einen Menschen, der sich anscheinend über nichts richtig freut, der nie total überrascht ist, der anscheinend keinen Enthusiasmus zeigen kann und der viel zu spät "Oh, das freut mich." sagt, als dass das noch als spontane Reaktion rüberkommt und nicht als Pflichtschuldigkeit. Und es stimmt, ich war sehr lange nicht besonders gut darin, Begeisterung (oder andere Überschwänglichkeiten) zu zeigen, selbst wenn ich sie verspürt habe. Was das angeht, habe ich aber inzwischen Ausdrucksformen gelernt und nutze sie auch - ich würde mal sagen, dass das heute niemand mehr mit Interesselosigkeit oder Gefühlskälte verwechselt.

Das liegt auch daran, dass ich bei der Beschäftigung mit dieser Eigenschaft erkannt habe, dass meine Zurückhaltung auch gute Seiten hat und nicht nur mir, sondern auch anderen sehr helfen kann, denn sie bewirkt ein hohes Maß an sehr beruhigender Akzeptanz: Ich weiß, dass vieles schwierig ist. Ich habe einige Dinge, die mir täglich Sorgen machen. Ich habe Freundinnen und Freunde, denen es genauso oder zuweilen auch noch schlechter geht und es gibt diesen Punkt, an dem Angst und Panik überhand nehmen. Das passiert dann, wenn es immer wieder ein neues Problem gibt, nie ein Problem alleine auftaucht und weil es zuweilen wirklich haarig wird, wenn schon wieder neue Schwierigkeiten kommen, während man noch dabei ist, andere zu lösen oder mit ihnen klar zu kommen.

Meine Erfahrung nach nunmehr 49 Jahren ist: Dass es immer wieder neue Probleme gibt wird sich nie ändern. Das ist offensichtlich das Leben wie es ist. Diese Erkenntnis führte allerdings nicht dazu, zu verzweifeln, sondern dazu, es zu akzeptieren und das wiederum führte dazu, dass ich in meinen besten Momenten lächelnd im Chaos stehe und in Ruhe ein Problem nach dem anderen löse. Erst das wichtigste, dann die, die ich lösen kann. Und dann mache ich mir vielleicht mal Gedanken über die, die ich nicht lösen kann. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich habe nie Panik oder Ängste, aber ich kann sagen, dass Panik und Ängste mir nie dabei geholfen haben, Probleme zu lösen. Gelassenheit aber schon.

3. Introvertiertheit

Wenn ich diese Myers-Briggs Tests machen muss, kommt immer INTJ raus und mein Exchef wunderte sich darüber, weil er mich überhaupt nicht als "Introvertiert" eingestuft hat. Wegen Eigenschaft 1 konnte ich ihm erklären, dass es sich bei solchen Tests nicht um Persönlichkeitsprofile handelt und daher nicht das Verhalten bestimmt wird - das I und E in der Skala zeigt nur an, ob Interaktionen anregen oder stressen - und mich stressen sie. Nichtsdestotrotz mag ich sie inzwischen, weil ich mit der Zeit darin immer besser wurde und mein Beruf basiert inzwischen darauf, da mich der ständige bewusste Umgang damit und die damit lange Übung zu einem guten Beobachter und Berater gemacht hat.

Auch eins meiner wichtigsten Hobbies - das LARP - basiert darauf, sogar noch viel weitgehender als mein Beruf, denn im LARP geht es zum Teil darum, Extremsituationen zu provozieren und zu erfahren, was man im echten Leben niemals tun würde (was, wie ich gerade merke, eine Erweiterung der ersten Eigenschaft ist, denn mit der Zeit wiederholen sich natürlich auch emotionale Situationen).

Da sowas aber immer noch schnell meinen Energiehaushalt erschöpfen kann, habe ich gelernt, regelmäßig auf die Einhaltung von Abstand zu achten. Ich nutze dafür viele Auszeiten aber auch zum Beispiel diese Technik, die auch bestimmt in irgendwelchen Lebensratgebern beschrieben ist und bestimmt einen fancy Namen hat: Wenn ich merke, dass ich mit einer Situation nicht klar zu kommen drohe - ob im Kleinen, wie der typische sensory overload auf einer Veranstaltung oder im Großen, wie ungefähr das ganze Jahr 2015 - setze ich mich eine halbe Stunde hin und entkoppele mich von allem. Ich atme regelmäßig und tief, entspanne den Körper und stelle mir vor, alles um mich herum entfernt sich von mir. Alles wird leiser und kleiner und ist nur noch am Horizont sichtbar. Ich habe nichts mehr damit zu tun. Dann stelle ich mir vor, die ganze Erde, auf der all diese Dinge ohnehin schon weit weg von mir sind, entfernt sich von mir (oder ich mich von ihr), bis auch die nur noch ein kleiner Punkt in der Ferne ist.

Dann habe ich nur noch mich und kann mich spüren. Es geht überhaupt nicht darum, Entscheidungen zu treffen, wichtige Überlegungen anzustellen oder sonst was zu erreichen. Es geht ausschließlich darum, dass ich merke, dass ich noch da bin. Dass es mich gibt. Wie ich und nur ich mich anfühle, ohne die ganzen Reflexionen von außen. Wenn ich mich lange genug (und das lange genug wirklich abzuwarten ist wichtig) wieder wahrgenommen habe, lasse ich mich wieder zur Erde absinken und ziehe den leeren Raum zwischen mir und meiner Umgebung wieder zurück. Dann öffne ich die Augen und gehe zurück in die Situation, aus der ich mich gerade zurückgezogen habe und etwas interessantes passiert: Ich bin konzentriert und voll anwesend, habe ein klares Bild davon, was passiert und kann vernünftig und ruhig darin agieren und reagieren.

September 29 2017

Über das Fremde

Es gibt viele Aspekte, die auf den momentanen Erfolg von Populisten und Rechtsextremen einzahlen. Ich will auf einen eingehen, den ich für besonders relevant halte. Was weder heißt, dass das der wichtigste oder der einzige ist, noch dass ich mir über andere keine Gedanken mache. Das vorab als Disclaimer, damit niemand kommentieren muss, dass ich ja das ihnen wichtige, "eigentliche" Thema ignorieren würde (was wahrscheinlich dennoch passiert, aber egal).

Warum wir Fremde fürchten

Es gibt wahrscheinlich, seit der Mensch eine gewisse Selbstwahrnehmung und Intelligenz entwickelt hat, eine wichtige Instanz im Bewusstsein, die ihm hilft, mit der Realität klarzukommen und sein Dasein zu ordnen. Das ist die Wahrnehmung von Veränderung und die Angst vor dem Fremden. Wahrzunehmen, wenn sich etwas in der direkten Umwelt eines Menschen verändert oder wenn sie andere Menschen bemerken, die sie in ihrer gewohnten Umgebung noch nie gesehen haben, ist ein wichtiger Instinkt, denn darauf zu reagieren kann lebenswichtig sein. Daher reagieren wir auch heute mit Stress auf Neues und Fremdes. Stress erhöht die Leistungsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und setzt den Fokus auf alles, was uns hilft, eventuell notwendige Abwehr- oder Fluchtmaßnahmen einzuleiten und erfolgreich eine Krisensituation zu bewältigen, falls sich diese Veränderung oder die fremde Person als Bedrohung herausstellt.

Leider ist eine der negativen Folgen dieses Instinktes der Verlust der Gesamtübersicht, denn er fokussiert uns auf den Moment und blendet alles aus, was gerade nicht wichtig scheint, um eine akute mögliche Bedrohungslage in einem größeren Maßstab oder mit einem rationalen Abstand zu bewerten. Bei Gefahr ist es wichtig, möglichst schnell und direkt zu reagieren und wenn es um Sekunden geht, ist der rationale Teil unseres Hirns dem emotionalen weit unterlegen: Der Sinn von Affekt ist es, schneller zu reagieren als man denken kann und um eine plötzliche Gefahrensituation durch Angriff oder Flucht zu beenden kann das schnelle Handeln aus dem Bauch heraus statt das überlegte Handeln aus dem Kopf heraus entscheidend sein. Wenn wir diesen wichtigen Instinkt nicht hätten, würden wir wahrscheinlich jeden Tag von einem Bus überfahren werden.

Das Fremde in der Dauerschleife

Bleiben wir mal beim Bus: Ich sitze im zweiten Stock und auf der Straße unter meinem Fenster fährt alle 10 Minuten ein KVB-Bus vorbei. Wenn das Fenster offen ist, hört man den auch, und zwar sehr laut. Wenn ich Besuch habe, fragt der mich nach einer Weile, ob mich das nicht stört und ich sage "Wie? Bus? Ich hör das gar nicht". Das liegt nicht daran, dass ich schlechte Ohren habe, sondern daran, dass ich weiß, was da vorbeifährt. Ich habe offenbar gelernt, dass er keine Gefahr ist, da er mich nicht im Wohnzimmer einer Wohnung im zweiten Stock überfahren wird. Mein Hirn blendet ihn aus. So sehr, dass ich nicht mal mehr das laute Geräusch wahrnehme, das er ja unverändert macht. Mein Besuch ist aber in einer fremden Umgebung und sein Hirn meldet ihm daher jedes Geräusch mit der Frage "was ist das? Muss ich darauf reagieren? Ist das gefährlich?"

Wofür dieses Beispiel steht ist: Wir leben in einer Zeit, in der sich die Menge der Geräusche - und ich meine nicht nur akustische - in unserer Umgebung viel schneller erhöht und potenziert hat, als wir uns daran als Gesellschaft gewöhnen konnten. Klar, einzelnen Menschen gelingt das problemlos, einigen ganz gut (zu denen zähle ich mich), einige bemühen sich redlich und erkennen und benennen ihre Überforderung, dann kommen noch ein paar mehr Abstufungen und dann gibt es irgendwann die, die nicht mehr verstehen, was da eigentlich passiert. Das sind die, die im Dauerstress landen und von ihm getrieben in einem ständigen Zustand der Panik, der Angst und der Bedrohung leben.

Stress ist wichtig und hilfreich in ganz konkreten kritischen Situationen, die eine ganz konkrete direkte Reaktion benötigen. Wenn ich aber den Eindruck vermittelt bekomme, ständig von neuen Gefahren umgeben zu sein und die Informationskanäle über die ich darüber informiert werde nutzen dazu noch eine Form, die so tut als wären diese Gefahren alle so dringlich und konkret wie ein Bus, der gerade auf mich zu kommt, und wenn, sobald ich mich dann diesen Gefahren zuwende um sie zu bekämpfen oder aus ihnen zu fliehen, irgendwie gar keine Möglichkeit dazu besteht, dann hab ich irgendwann ein Problem. Nicht mit den Gefahren selbst, weil die natürlich gar nicht so konkret und direkt sind wie sie uns verkauft und vermittelt werden. Nein, dann gerate ich in einen Dauerstress und ein permanentes Gefühl der Panik, der Angst oder der Wut - je nachdem, wie ich da disponiert bin.

Und genau diese Panik, Angst und Wut erkenne ich bei den Menschen, die uns das Fernsehen zeigt, wenn sie sich darüber wundern, dass Menschen selbst dann, wenn Journalisten und Politiker auf sie zugehen um mit ihnen zu reden, diese nur noch anpöbeln, beschimpfen und vielleicht sogar tätlich gegen sie werden.

Opfer der Populisten

Menschen haben ja berechtigte Sorgen: Haben sie morgen noch Arbeit? Reicht die Rente? Wird alles teurer? Warum verändert sich alles so schnell, dass sie nicht mehr mitkommen? Bekommt irgendjemand was geschenkt, während sie sich für alles anstrengen müssen (ja, wichtige Frage für manche)? Und dann kommt jemand und bietet mir Erklärungen: Die Medien belügen Dich! Die Ausländer nehmen Dir Arbeitsplätze und Frauen weg! Die Politiker nehmen Dir Dein Geld und Deine Rente weg! Und das im Affekt-Abwehmodus befindliche Hirn sagt: Da ist endlich ein konkreter Feind! Auf ihn mit Gebrüll!

Natürlich ist die Wahrheit anders: Die Vergangenheit war nie stabiler und sicherer als die Gegenwart. Es sind aber Dinge unsicherer geworden die mal sicherer waren. Es sind dem gegenüber auch genauso Dinge sicherer geworden, die früher unsicherer waren. Es haben sich immer Dinge geändert, es gab immer Fremde. Es gab auch immer Gefahren. Aber wir bekommen inzwischen viel früher davon erzählt, bekommen sofort Livebilder geliefert, hören alle Spekulationen von jedem, der eine äußert und können uns selbst mit beteiligen und helfen, die Panik der Unsicherheit zu erhöhen. Darüber wie das funktioniert und wie wir damit umgehen können hab ich schon mal ausführlich geschrieben.

Die Wähler der AfD sind schon weit über der Grenze dessen, was mit ein bisschen Vernunft, Ruhe und Reflexion behebbar ist. Die Welt in der sie leben ist eine, in der ihre Kultur, ihr Leben, ihre Perspektiven von allen Seiten unter Dauerbeschuss stehen. Je abstrakter und weiter weg, desto mehr sogar: Man weiß ja, dass ausgerechnet dort, wo die wenigsten Ausländer leben, die Angst vor Ausländern am größten ist. Sie sind im Kampfmodus, mit allen Konsequenzen, auch der, dass jedes Entgegenkommen als Angriff empfunden wird. Wenn alle außer denen, die ihre Weltsicht teilen, Feinde sind, kann man mit denen ja nicht reden. Sie sind umzingelt von Fremden. Ihre Heimat verwandelt sich in die Fremde. Wenn sie sagen, sie fühlen sich "fremd im eigenen Land" ist das keine Metapher. Sie sagen die Wahrheit - aber eben die gefühlte, und die ist echter und tiefsitzender als jede objektive Wahrheit - und sobald man versucht, ihnen zu erklären, dass das ja nicht stimmt, hat man schon verloren. Denn es ist die Welt in der sie leben, die sie wahrnehmen und die sie spüren. Wahrer kann sie gar nicht mehr werden. Ich kann einem Ertrinkenden nicht sagen, dass da kein Wasser ist, wenn das Wasser, in dem er gerade ertrinkt, für ihn so echt ist wie es nur sein kann.

Und das ist das Dilemma: Die einzige Lösung, die es für diese Menschen gibt, ist, das Wasser abzulassen. Also Ausländer raus, Politiker an die Wand, Journalisten berichten nur noch was sie hören wollen. Das kann man ja nicht machen, weil die Welt so nicht funktioniert. Aber die Forderungen haben eine übersetzbare Bedeutung: Ich will keine Fremde Menschen um mich herum, die alles anders machen als ich. Ich will keine Regierung, die immer nur Kompromisse von mir verlangt und mir die nicht erklärt, sondern einfach mit einem "Basta" als "alternativlos" durchsetzt. Und ich will nicht ständig immer mehr Dinge lesen und hören, die mich verusichern und ängstigen.

Wo sind die besseren Lösungsansätze?

Und da sind wahrscheinlich die Ansatzpunkte, wenn man einen Teil der Gesellschaft in einer leider auch noch sehr ansteckenden Dauerpanik verliert. Einen Teil, der nach Auswegen aus dem Stress sucht, den all das Fremde um ihn herum erzeugt und deren Drang nach einem Ventil und einer schnellen Linderung ihrer Ängste zusätzlich von Leuten ausgenutzt wird, die ihm alle anderen Teile der Gesellschaft als Feindbilder für ihre Agressionen anbieten sie dadurch gegen jeden Versuch des Entgegenkommens immunisieren.

Das schafft man nicht mit sachlichen Informationen. Die müssen natürlich da sein. Aber zunächst muss ja überhaupt wieder die Bereitschaft das sein, sich die anzusehen. Die herkömmlichen Formen der Kommunikation sind aber wirklungslos - die Menschen wissen, wie Politiker heutzutage reden. Sie wissen, wie Journalisten heutzutage reden. Sie wissen, wie Werbung funktioniert. Sie erkennen Phrasen. Sie wissen genau, dass man ihnen nicht geben will, was sie verlangen. Sie wissen nur nicht, dass der Schlüssel, um ihr Problem besser und nachhaltiger zu lösen als ihre Wut, ihr Hass, ihre Angst es ihnen vorgaukelt, nicht in der Welt um sie herum liegt, sondern in ihnen selbst. Dass es ihr Umgang mit Veränderung und mit dem Fremden ist, der "falsch" ist. Denn Veränderung und das Fremde ist nichts, was man bekämpfen kann. Es sind Prinzipien und die gehen nicht weg. Mit denen muss man lernen, umzugehen. Man muss sie kennenlernen, auf sie zugehen, sich für sie interessieren. Erst dann kann man die Gefahr einschätzen, die von ihnen ausgeht. Oder erkennt eben, dass es da gar keine konkrete Gefahr gibt. Dass sie der größte Teil der Veränderungen auf der Welt gar nicht betrifft und wenn sie wollen, können sie die ignorieren wie den Bus, der vor dem Haus vorbeifährt.

Das bekommt man nur mit neuen Formen hin. Neue Formen der Bildung, neue Formen der Erzählung. Mit ehrlicherer Kommunikation. Und dann auch mit klaren Ansagen und Grenzen des Tolerierbaren. Das ist, worüber ich gerne reden will und wo ich gerne helfen will, denn mit den neuen Erzählformen kenne ich mich aus: Bloggen war so eine. Social Media transportiert einige. Und vor allem LARP ist so eine - sie verbindet sogar Erzählung und Bildung, indem sie Erfahrungen ermöglicht, die auf emotionaler Ebene die Türen für ein viel breiteres Verständnis und tiefere Erkenntnisse öffnet, Vorurteile auflöst und Empathie erzeugt. Das ist eine Stelle, an der man konkret etwas tun kann und ich habe daher vor, mich da wesentlich mehr einzubringen.

September 15 2017

Die Angst der Linken vor der Partei

führt in den letzten Tagen zu seltsamen Diskussionen. Ok, vor jeder Wahl beginnen spätestens zu dem Zeitpunkt, ab dem es dem ein oder anderen schwant, dass "seine" Partei womöglich mal richtig abkacken wird, die Emotionen hochzukochen und auf der hysterischen Suche nach doch noch einer Wählergruppe, die vielleicht dieses unausweichliche Ergebnis drehen könnte, überwältigt sie die Wut der Verzweiflung und sie können nicht anders, als sie laut (und dabei auch noch sehr dumm) zu beschimpfen.

Das dürfte normal sein, das beobachte ich seit ich wählen kann und anfangs tat ich das durchaus ebenso.

Aber in den letzten vier Tagen hat das eine absurde Dimension angenommen, und zwar vor allem bei sich politisch links einordnenden Menschen in meinem Bekanntenkreis: Der erklärte Feind, der für den kommenden Sieg der AfD, das Abwandern aller sich links einordnenden Parteien (ja, ich schreib das mit Absicht so) in die Opposition und die drohende Schwarz-Gelbe Mehrheit und natürlich dafür, dass alle Deutschen demnächst zu Nazis werden sind: Die Wähler der Partei DIE PARTEI.

Irre, oder? 0,2% der Wähler sollen Schuld sein, wenn ein von allen etablierten Parteien jahrelang gefütterter politischer Backlash sich in einer Wahl manifestiert. Eigentlich muss man darauf inhaltlich gar nicht eingehen, oder auf die falschen Rechenbeispiele, nach denen eine Stimme für eine Partei, die unter 5% bleiben wird, eine Stimme für die AfD sei. Ein Freund von mir verstieg sich tatsächlich in die Aussage, dass es schlimmer sei, DIE PARTEI zu wählen als gar nicht. All diesen Unsinn habe ich viel zu ausführlich auf Facebook usw diskutiert, wo das alles zum Glück durch die ihm zugestandenen Kurzlebigkeit nicht lange sichtbar ist.

Aber es gibt eine Argumentation, auf die ich doch etwas nachhaltiger eingehen will, nämlich die, die in der Bildzeitung für Linke, der taz aufgemacht wird: Die Wähler der PARTEI sind verantwortungslose, dumme, junge, nur an Spaß interessierte männliche Menschen ohne echte Probleme, der sich auch sonst generell für überhaupt nichts anderes einsetzen, als für die eigene Lustbefriedigung. Diese Leute würden die PARTEI just for the lulz wählen und seien damit gar verachtenswerter als AfD-Wähler. Der taz-autor versteigt sich am Ende sogar in einen Vergleich von Wählern der PARTEI mit Nazi-Mitläufern im dritten Reich.

Sidenote: Ich nannte das in den Diskussionen Wählerbeschimpfung und es gab tatsächlich genügend Mitdiskutanten, die meinten, das wäre doch nicht beleidigend, sondern alles ganz rational.
 

Die gesamte harsche Verurteilung des PARTEI-Wählers fußt jedenfalls auf einer Behauptung, nämlich der, wer dieser Wähler ist. Ich vermisse da aber die Fakten, die Beweise für all die Annahmen, die da eben mal so über ihn aufgestellt und einfach als gegeben hingestellt werden.

Was wäre denn, wenn es genau die anderen sind, die die Partei wählen? Also die prekär lebenden intelligenten Abgehängten? Immigranten, die in allen Parteien diese Leute ansehen und hören müssen, die sie als Menschen zweiter Klasse und Verhandlungsmasse behandeln? Die Alleinerziehenden, die Menschen die gerade in die Altersarmut rutschen, Hartz4-EmpfängerInnen, KünstlerInnen, Behinderte, junge Frauen die keine Lust mehr haben ständig zu hören, dass sich ihre Zukunftsperspektiven schon irgendwann verbessern obwohl sie sehen wie sie gerade immer schlechter werden? Also die, die unter dem Stillstand am meisten leiden? Die seit vielen Jahren von den "ernsthaften" Parteien ignoriert werden oder sich von ihnen arrogante Sprüche darüber anhören müssen, dass sie halt mal was "leisten" sollen?

Was wenn die PARTEI-Wähler die Menschen sind, für die die großen Parteien nie etwas getan haben, weil ihre Problem keine Presse machen und weil sie den Parteien zu klein und zu unbedeutend sind, um sich ernsthaft um ihre Sorgen zu kümmern?

Wäre das Urteil dann immer noch dasselbe?

Hier wurde erst mal das Urteil ausgesprochen und sich dann nur noch die Vorraussetzung dafür passend zurechtgelegt, statt erst mal zu schauen, wer denn die Wähler sind, über die da gesprochen wird. Aber das ist ja auch nicht neu - man spricht ja immer über die Marginalisierten, nie mit ihnen. Man müsste ja sonst eventuell das vorgefertigte Urteil überdenken, das einem die moralische Überlegenheit sichert und rechtfertigt, warum es trotz seiner "linken" Gesinnung irgendwo insgeheim ganz recht ist, dass es einem selbst besser geht als den anderen.

 Abgesehen davon ist so zu tun als ob Partei-Wähler und AfD-Wähler dasselbe sei - oder gar schlimmer - schon irgendwie seltsam, wenn das dieselben Leute tun, die Trumps "there were bad people on both sides" als Verharmlosung von Rassisten verurteilen. Wenn irgendwas Verharmlosung von Rassisten ist, dann doch, ihre erklärten Gegner als schlimmer zu bezeichnen als die Rassisten selbst, oder?

0,2% der Wähler einer Partei, die im Übrigen die einzige ist, die sich klar und lautstark gegen alles positioniert, wofür die AfD steht, sollen für die Krise der linken Parteien verantwortlich sein? Und um dieses haardünne Brett überhaupt hinstellen zu können, muss man auch noch einen Strohmann aus Opas Ressentiment-Kiste gegen Millennials aufbauen, wer diese Wähler sind? Das ist schon arg verzweifeltes wegschauen von den eigenen, riesengroßen Fehlern.

Ich erwähne hier mal nur einen: Es gab in den letzten fünf Jahren eine klare linke Mehrheit im Bundestag.

Wer hat also hier über Jahre aus welchen lächerlichen, egoistischen Gründen nichts getan?

---

Kleine Schlußanmerkung, um die (wahrscheinlich dennoch kommenden) Abwehrreflexe und Projektionen zu mildern: Ich selbst weiß noch nicht, welche Partei ich wähle. Ich mag Progressivität (zB in Bildung, Wissenschaft, sozialer Entwicklung), halte das Bedingungslose Grundeinkommen für dringend notwendig und möchte ein Land, in dem Diversität und Pluralismus als positive Eigenschaften und Chance erkannt wird und die Wirtschaft wieder in die Verantwortung für die Gesellschaft genommen wird statt umgekehrt. D.h. es gibt etwa dreieinhalb Parteien, in denen zumindest ein bisschen was davon auftaucht und zwischen denen ich mich am Ende entscheiden werde.

August 14 2017

Blogparade “Digitaler Nachlass”

Ich hab noch nie eine Blogparade mitgemacht. Nicht, weil ich das Prinzip nicht mag, sondern weil mich bisher kein Thema so angesprochen hat, dass ich dazu dringend etwas beitragen wollte (oder weil ich zu wenig Ahnung darüber habe und die Teilnehmer schon alles viel besser aufgeschrieben haben, was ich hätte beitragen können). Nun aber gibt es eine, die ich unterstützen möchte und die mir persönlich sehr wichtig ist, aus Gründen, die ich vor einer Weile beschrieben habe.

Volker König hatte diese Idee und schreibt folgendes:

Auch, wenn wir es meist verdrängen: Wir alle werden sterben. Irgendwann, aber dass wir sterben ist sicher.

Testamente und gesetzliche Regelungen zur Verwaltung des physischen Nachlasses gibt es reichlich, aber was ist mit unserem digitalen Nachlass? Mit Blogs, Facebook- und Twitterprofilen oder dem Instagramstream? Sogar die Bundesregierung empfiehlt, Vorsorge zu treffen, aber wie sollen Angehörige oder Erben mit unserem Nachlass umgehen – und wie ermögliche ich ihnen das?

Was für Konventionen bei Todesfällen wünschen wir uns überhaupt? Welche Mechanismen sollen oder sollten Soziale Netzwerke zur Verfügung stellen?

Auf Digital Danach existiert bereits ein Blog zum Thema und auf der re:publica haben Jens Scholz und Wibke Ladwig spontan eine Aktion “re:member” ins Leben gerufen.

Das Digitale Leben nach dem physischen Tod ist ein Thema, bei dem viele Fragen noch gar nicht gestellt sind.

Aber nicht nur die Frage, wie wir digital mit unserem eigenen Tod umgehen, ist wichtig. Es sterben ja auch Verwandte, Freunde, Bekannte. Wie funktioniert digitales Gedenken für die Hinterbliebenen?

Wir – das sind Jens Scholz und ich – laden Euch ein, über Eure Wünsche, Gedanken, Ängste und Erlebnisse zum Thema “Tod und Soziale Medien” zu bloggen und auf diese Weise eine Sammlung von Texten zu verlinken.

 Ich würde mich sehr freuen, wenn hier viele Beiträge zusammenkämen. Ich habe vor, nächstes Jahr auf der re:publica ein paar Ideen und Konzepte vorzustellen, wie wir mit Tod und Trauer umgehen können, sei es digital oder auf Veranstaltungen, in denen sich jedes Jahr Menschen treffen, die bemerken, dass einige von ihnen nicht mehr da sind. Ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam ein paar gute Impulse zusammenbekommen, wie wir das anfangen können.

July 29 2017

Liebes Tagebuch ("Sommer")

Ach komm, nee, so schlimm war er nicht, der Sommer bis jetzt. Dass es im Moment einfach seit ner guten Woche kalt ist und regnet ist ja für Ende Juli auch gar nicht unnormal. Aber es nervt trotzdem. Kalt, trübe, dunkel, verregnet bringt mich nun mal schneller runter als es Sonne, Wärme und Helligkeit schafft, mich wieder aufzumuntern.

Genug vom Wetter, was war los in der letzten Zeit?

Ich hab meinen neuen Job bei Fork begonnen. Ich blogge ja üblicherweise nicht viel über meinen Arbeitsplatz, daher wird das auch hier eher wenig stattfinden. Nur soviel: Es ist ein steiler Einstieg gewesen und ich bin auch noch nicht an der Stelle angekommen, an der ich am Ende sein möchte. Die Firma, das Arbeitklima, die KollegInnen und die Themen sind super. Die Gleichzeitigkeit und Menge dessen, was ich alles herausfinden muss, um in den Flow zu kommen in dem ich sein möchte ist das, was mich gerade anstrengt. Mein Eigenanspruch, der mir sagt, dass ich noch so unscharf sehe und der mich verbissen die Augen zusammenkneifen lässt obwohl ich weiß dass das nicht hilft, macht mich ungeduldig. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich nicht gebloggt habe: So lange ich dort eine Baustelle habe, gestehe ich mir an anderen Stellen nicht zu, entspannt zu sein. Als ob das eine am anderen was ändern kann. Eigentlich doof, aber das ist halt so'n Muster bei mir.

Ich habe aber natürlich nicht gar nichts gemacht. Jan und ich haben uns ein weiteres Mal zum Podcasten hingesetzt - diesmal sogar mit Plan - und darüber gesprochen, wo LARPs in Deutschland herkommen, wie das da mit Regeln und Charakteren läuft und wie man es schafft, auf LARPs Spaß zu haben, wenn man damit anfangen will. Wir sind hier allerdings vor allem bei klassischen Fantasy-LARPs geblieben. Die ganzen abgefahreneren Ansätze, die gerade entstehen, gehen wir in einer eigenen Folge durch.

Und a propos LARP: Ich war auch wieder auf einem und nachdem es uns beim letzten Mal in den Dreißigjährigen Krieg verschlagen hat, landeten wir diesmal in der Zukuft. Genauer gesagt in der Zukunft, die die Fernsehserie Defiance erzählt, die mir damals sehr gut gefiel und weswegen ich natürlich auch sofort interessiert war, als die Ankündigung kam.


Foto: Leuengold Photographie

 Auch diesmal gab es neben dem Spiel selbst einiges zu beobachten, denn es gab einerseits viele Fraktionen mit eigenen sozialen Regeln und andererseits jede Menge Einzelpersonen mit eigener Agenda und das wiederum in einer Situation, in der die ganze Gruppe irgendwann gemeinsam auf der Flucht war.

Was ich diesbezüglich am interessantesten fand war, wie sich die politische Führung - das City Council, das dadurch, dass es ein demokratisch legitimiertes Gremium war, ja eigentlich gut begründet die Führungsrolle der Flüchtenden beanspruchen hätte können - sich selbst immer mehr schwächte. Zuletzt dergestalt, dass als sie feststellten, dass die verschiedenen Alien-Gruppen zusammenrücken, die Menschen sich aber immer mehr entzweien, sie quasi eigenmächtig aus jeder Aliengruppe eine Person ins Council beriefen und dabei darauf achteten, dass es die möglichst schwächste oder niederste Person ist. Anstatt auf die Gruppen zuzugehen und diese darum zu bitten, jeweils einen Vertreter zu bestimmen und sich damit zu legitimieren und zu stärken. Die Angst vor dem Machtverlust führte somit zum tatsächlichen Machtverlust. Und das wiederum führte dann sehr schnell zum Ruf nach der einen Person, die sagt wo es lang gehen soll. Auf meine Frage, wann denn diese Ausnahmezustand-Diktatur beendet sein soll, kam nur die Antwort "Sobald alle wieder sicher sind".

Für mein persönliches Spiel habe ich mich auf den Teil meines vorgegebenen Charakters konzentriert, der sich möglichst aus jeder Verantwortung heraushält - etwas, was mir im echten Leben sehr schwer fällt. Da meine Figur aber durch ein Unglück in der Vergangenheit alles verloren hatte und ich so den Charakter dergestalt aufbauen konnte, dass ich die Vergangenheit nicht loslassen will (ich war insgeheim auf der Suche nach dem Verursacher dieses Unglücks) und dadurch auch einen Neuanfang verweigere, fand ich darin einen guten Weg, mich nicht mehr an Commitments zu binden. Natürlich entstanden daraus dann ganz interessante Konflikte, als andere versuchten, mich in Verantwortung zu nehmen und ich stellte fest, das diese "Ich hab eh nichts zu verlieren"-Einstellung auch zu einer gewissen Risikobereitschaft führt, die in meinem Fall dazu führte, dass ich mich - mit mehr Vernunft bertrachtet völlig unnötig - mit einem Earth Republic Offizier angelegt habe, was natürlich ziemlich eskalierte, als die Earth Republic Truppen am Ende des Spiels die Stadt und uns als Bewohner übernahmen. Im Nachhinein und von meiner persönlichen Warte betrachtet, wusste ich durchaus die ganze Zeit insgeheim, dass mein Charakter da ganz klar eine Situation provozierte, die zu einen tödlichen Ausgang entweder für ihn oder den Offizier führen sollte und beides wäre für ihn akzeptabel gewesen.

Ich kann wirklich nur immer wieder empfehlen, LARPs zu spielen, man findet viel über sich, über andere Menschen in deren Rolle man sich begibt und über wichtige Gruppendynamiken heraus. Man wird aufmerksamer, empathischer, verständnisvoller. Man kann mal in Emotions- und Gefühlsräume gehen, in die man sich eigentlich nie hineintraut und man findet durch völlig veränderte Kontexte Verhaltensweisen und Seiten an sich, von denen man nicht wusste, dass es sie überhaupt gibt.

Daher am Ende noch ein Tip: In Berlin findet das nächste ifoL statt - ein Minilarp-Festival, das ich wärmstens empfehlen kann. Minilarps sollten sich alle anschauen, die an immersiven Narrationstechniken und viel Spaß und Drama interessiert sind. Das schöne daran ist, dass sie sehr zugänglich sind: Man braucht eigentlich keinerlei Vorkenntnisse und es wird sich meistens auch nicht wirklich verkleidet. Wem unsere IfoLs auf dem Lande bisher zu weit weg waren, sollte sich schnellstens anmelden.

May 31 2017

Liebes Tagebuch (Mai)

Ab Morgen bin ich wieder angestellt. Komisches Gefühl, aber die neuen KollegInnen haben mir eine Postkarte geschickt, in der sie mich baten, doch bitte nicht vor halb zehn im Büro aufzuschlagen, wenn ich an meinem ersten Arbeitstag nicht auch der erste im Büro sein will und das fand ich schon wieder sehr herzig. Ach ja, wer wissen will, wo ich eigentlich bin und was ich da mache, das aktualisiere ich alles morgen.

Ansonsten war der Mai tatsächlich sehr voll: Natürlich zuallererst wegen der re:publica, über die hab ich aber schon geschrieben.

Dann waren wir im Urlaub. So richtig Urlaub. Eine ganze Woche weg, in Irland mit wandern und Sachen anschauen und gut essen und gemütlich herumsitzen und lesen und all dem, was man in einem Urlaub so macht. Ich glaube, das sollte ich öfter machen. Das letzte mal, dass ich eine ganze Woche irgendwohin bin und Urlaub gemacht habe, war erschreckenderweise im März 2006.

 

Wir waren vor allem im Nordwesten, die Wild Antlantic West Road entlang. Der name ist auch nicht schlecht gewählt, denn es hat ordentlich gezogen und war auch nicht wirklich warm - was aber super zum Wandern gewesen ist. Wir sind über Strände und Klippen gelaufen und sind auf den Diamond Hill im Connemara National Park geklettert. Es gab einen tollen Rundweg durch den Burren und wir fanden heraus, dass man für gutes vegetarisches Essen am besten einfach nur in den nächsten Pub geht statt in teure Restaurants. Wer mehr wissen mag: Ein bisschen über Irland erzählt hab ich letztens in unserem Podcast.

A propos Podcast: Letztes Wochenende fand in Köln die Role Play Convention statt. Die gab sich wieder alle Mühe, durch ihre wirklich bescheuerte Standplanung dafür zu sorgen, dass es völlig unmöglich war, sich zurechtzufinden. Wer auf die Idee kam, alles durcheinanderzuwerfen - wahrscheinlich mit der Absicht, für mehr Vermischung zu sorgen - gehört nachträglich noch mal mit 10 Stunden David Hasselhoff zugedröhnt. Das sorgte nämlich lediglich dafür, dass man niemanden gefunden hat und um innerhalb eines Interessensgebietes von einem Stand zum nächsten zu kommen immer wieder eine Ewigkeit laufen und suchen zu müssen. Und das Problem, dass die Besucher die untere Halle gar nicht erst finden hat man seit letztem Jahr auch nicht gelöst. Aber egal, die RPC ist für mich in Sachen LARP ungefähr das, was die re:publica zum Thema Internet ist: Ich treffe all die tollen und ein bisschen verückten Leute, die da unterwegs sind und da ist es am Ende egal, ob die Location saugt.

Gefreut habe ich mich vor allem, dass ich mich mit Tommy Krappweis unterhalten konnte. ich spreche ja Menschen nicht gerne einfach so an, wenn ich keinen konkreten Anlass habe (oder finde), daher war ich ganz froh, dass ich tatsächlich was mit ihm zu besprechen hatte - ich führe nämlich beim kommenden Conquest durch das Abendprogramm der Pre-Party und da ist Tommy einer der Gäste, mit denen ich in einem Interviewpanel reden werde. Und als Bonus hat er mir auch gleich noch die Gelegenheit gegeben, Professor Simek die Hand zu schütteln, den ich seit Jahren bewundere (der ein oder andere kennt ja vielleicht mein Interesse an vorchristlichen Kulturen).

Jetzt hab ich aber die Überleitung mit dem Podcast begonnen und das hat auch einen Grund: Ich habe nämlich ziemlich lange mit Jan geredet und ihn dann gefragt, ob er Lust hat, an einem halbwegs regelmäßigen Podcast über LARP-Themen mitzumachen. Er fand das prima, wir haben uns direkt für den Dienstag drauf verabredet und schwupp: die erste Folge ist auch schon online. Das heißt, ich habe es endlich geschafft, mit dem We Know Kung Fu Podcast auch das zu machen, was ich ursprünglich damit vorhatte, nämlich mit Menschen, die sich zwar auskennen, aber dadurch dass sie eher im Hintergrund arbeiten, nicht wirklich sichtbar sind, über ihr Thema zu sprechen.

War noch was? Ja, ich war vier mal beim Zahnarzt und muss noch mindestens zwei mal hin. Darauf hätte ich doch lieber verzichtet.

May 13 2017

Die Geister der re:publica

Ich war - wie jedes Jahr - auf der re:publica und es war - wie jedes Jahr - einer der wichtigsten Termine des Jahres für mich. Ich denke mal, wer mich kennt weiß, dass ich nicht beruflich dort bin, mir keine Businesstalks ansehe und keine geschäftlichen Interessen mit dem Besuch der Veranstaltung verbinde. Dennoch, oder besser deswegen, ist diese Woche für mich wichtig. Die re:publica ist für mich ein Familientreffen. Ich würde jede Unannehmlickeit in kauf nehmen, um sie nicht zu verpassen. Es gibt keine andere Veranstaltung, auf der so viele Menschen sind, denen ich mich verbunden fühle und die ich innigst in mein Herz geschlossen habe, auch wenn viele von ihnen das gar nicht wissen, weil ich gar nicht die Gelegenheit habe, mit allen zu sprechen.

Dieses Jahr fühlte sich aber die Vorbereitung auf die re:publica anders an als sonst. Denn einer der Menschen, die ich Jahre lang bewundert habe, war Johannes Korten und er ist tot. Ich habe ihn auf vielen vorangegangenen Veranstaltungen gesehen, aber erst letztes Jahr persönlich kennengelernt. Dass er dieses Jahr nicht da sein würde, ging mir näher als ich dachte. So nahe, dass ich Angst hatte, wie es sein würde, auf einer re:publica zu sein und er ist kein Teil mehr von ihr. Schlimmer, er findet gar nicht statt.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, denn in meinem Blog hier fand er ja auch nicht statt. Ich hatte durchaus letztes Jahr mehrmals versucht, Worte zu finden, aber es ging nicht. Ich habe am Ende mangels Worte ein Lied aufgenommen und auf Facebook gepostet und selbst da wurde der Text, den ich dazu schrieb, immer kürzer. Erst am Ende des Jahres hatte ich ein paar Zeilen mehr schreiben können.

Nachdem ich meine Situation auf Facebook schilderte kam heraus, dass ich nicht der einzige bin, dem es so ging. So überlegten Wibke und ich, wie wir in der kurzen Zeit doch noch etwas tun können. Um es kurz zu machen: Ich habe direkt am Sonntag abend noch Tanja und die Orga angesprochen die uns sofort alle Unterstützung zukommen ließen die wir brauchten (besonderen Dank an Simone, die trotz Krankheit am Montag ständig für uns da war), Wibke und ich haben Plakattafeln machen lassen und es hing am Ende eine Erinnerungswand für die Geister der re:publica.

Das war zwar aus dem Ärmel geschüttelt und ein erster Schritt, aber besser als gar nichts. Was sich aber bei den ganzen Gesprächen darüber herauskristallisierte war ein wichtiger Punkt: Wir haben noch überhaupt keine Erinnerungskultur. Wir treffen uns seit über zehn Jahren, sind stolz auf den Zusammenhalt und die Familiarität, die wir bewahrt haben und die trotz aller kritikwürdigen Dinge, Fehler, Schwierigkeiten, Dissonanzen, die auf der re:publica nicht ausbleiben, in ihrer DNA verankert ist. Wir erkannten, dass die re:publica nicht nur Themen aufgreift sondern auch eine Kultur geschaffen hat und diese weiterträgt. Aber eine Kultur muss gelebt werden, gepflegt werden und sie muss Platz beanspruchen. Platz für die Dinge, die alle betreffen, ob Businessfuzzi, Nerd, AktivistIn, HackerIn, BloggerIn und einfach egal wen. Und der Tod gehört zu den existenziellen Themen, ohne die es keine Kultur geben kann. Daher brauchen wir Erinnerung. Ich habe dieses Jahr mit so vielen Menschen über ganz persönliche, intime Dinge gesprochen wie lange nicht mehr. Der Bedarf dafür ist immens.

Ich werde daher nächstes Jahr einen Vorschlag machen, der kein Schnellschuss mehr ist: Ich stelle mir vor, dass wir weiterhin auf der re:publica über Technik und über Politik reden, uns über zu viel Business und zu wenig Aktivismus streiten, dass es Blödsinn, Trollerei und Party gibt und dass all das sogar besser wird, wenn wir unsere Geister nicht vergessen, die inzwischen unter uns wandeln. Die DNA der re:publica hat uns, die Menschen, die die Welt irgendwie besser machen wollen, im Mittelpunkt. Wenn wir in unserer Kultur Trauer, Erinnerung und Freude darüber, so wunderbare Menschen gekannt zu haben, dass sie uns fehlen wenn sie fort sind, zulassen, wird diese Kultur auch alle anderen Bereiche aktivieren und uns die Sicherheit geben, dass die re:publica nicht vergessen wird, wo sie herkommt.

April 24 2017

Liebes Tagebuch (April)

Hab ich letzten Monat noch gesagt, ich fühle mich als Selbständiger sehr wohl? Stimmt immer noch. Aber dennoch kam Anfang April ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte, denn es war quasi genau der Job, für den ich vor 2 Jahren sagte, dass ich mich noch mal anstellen lassen würde und nach zwei Gesprächen, die mir sehr gut gefallen haben, war klar, dass ich das machen will. Das besonders Angenehme diesmal ist, dass ich aus einer Situation heraus verhandeln konnte, in der ich keinen Druck hatte und zu der ich auch jederzeit wieder zurückkommen kann, wenn sich herausstellen sollte, dass es nicht klappt. Nicht dass ich glaube, dass dazu Anlass besteht, aber es ist einfach mal ein schönes Gefühl der Sicherheit, das zu haben mich sehr entspannt. Über das wie und wo schreibe ich dann etwas später.

 


(Foto: Boris Bernhard)

Dann war ich letztes Wochenende auf einem Larp. Die weiße Dohle spielte im dreißigjährigen Krieg. Da es im Herbst noch einen zweiten Run geben wird, kann ich nicht viel erzählen, aber es ging um Flüchtlinge - von denen ich einer war -, um religiösen Wahn, um die Angst vor dem Fremden und darum, wie unterschiedliche Interessen dazu führen, dass sich am ende keiner mehr vertraut und sich jede gesellschaftliche Gruppierung nur noch um ihre eingenen Interessen kümmert. Für mich war interessant, dass ich verstanden habe, wie Parallelgesellschaften ticken: Es hatte sich mit meiner kleinen Gaunertruppe, die der eigenen "Familie" gegenüber schnell eine hundertprozentige Loyalität und ein Zusammenhalt entwickelt, der uns aber gleichzeitig gegen alle Autoritäten  - ob das die Burgherrschaft, der Klerus oder ein Soldatentrupp war - abgrenzte. Und ich muss sagen: das hat sich sehr gut angefühlt, vor allem, weil wir sehen konnten wie schwach, korrupt oder ideologisch diese ihre Entscheidungen getroffen haben, in denen "wir" keine Rolle spielten.

Ein anderer Effekt, der im Debriefing am Sonntag ganz klar herauskam war, wie erschreckt die SpielerInnen darüber waren, dass sie entgegen besseren Wissens ein Gefühl der Rückerlangung von Kontrolle spüren konnten, als sie am Ende noch ein paar Hexen verbrannten. Der Gedanke war "Wenigstens passiert mal was" oder "Wenigstens tut jemand was", was man auch heute immer mal hört, wenn zum Beispiel ein Asylbewerberheim brennt. Die Erfahrung, dass man mal mitbekommt, wie dieser Gedanke zustande kommen kann - nämlich vor allem durch das Gefühl der Überwältigung und Machtlosigkeit durch die Umstände - war wohl sehr gruselig. Wer so nicht dachte, sagte dennoch nichts, sondern war insgeheim froh, dass es ihn nicht erwischt hat. Am Ende führte beides dazu, dass niemand sich dem sich entfaltenden, offensichtlichen Wahnsinn in den Weg stellte...

Was gabs noch? Ich war auf einer schönen Party eingeladen, die ein warmes und sonniges Wochenende lang dauerte. Sich mit Freundinnen und Freunden viel Zeit zum gemütlichen Feiern und Quatschen und essen und trinken zu nehmen ist etwas, was man viel öfter tun sollte. Leider bin ich sehr schlecht darin, sowas zu initiieren, daher war ich sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte.

Das unangenehme Ereignis diesen Monats war, dass ich mir ein gefühlt riesiges Stück Backenzahn abgebrochen habe (Nie wieder Körnerbrot!) und ich jetzt einige Zahnarzttermine vor mir habe.

March 02 2017

Liebes Tagebuch

Ich hab hier eine ganze Weile nichts mehr reingeschrieben. Das liegt nicht daran, dass nichts passiert ist, sondern im Gegenteil: Ich hatte einfach woanders zu tun. Letzte Woche zum Beispiel war Karneval und ich war tatsächlich mal wieder ein bisschen unterwegs mit Freunden und wie es halt so ist, sind private Wasserstandsmeldungen, die weder für die gesamte Nachwelt relevant sind bzw nur Menschen interessieren, mit denen ich irgendwie persönlich verbunden bin, ja in die entsprechenden sozialen Medien abgewandert.

Außerdem war ja Februar und da mache ich gerne beim February Album Writing Month mit. Dieses Jahr wollte ich mal was anderes machen als sonst, nämlich Lieder schreiben und aufnehmen, die ich nur am Klavier begleite und singe, möglichst in einem Aufnahmetake. Nicht, weil ich das so gut könnte, sondern weil ich das so noch nie gemacht habe und seit etwas über einem Jahr genau das übe. Das heißt, ich wollte so weit wie möglich raus aus meiner Komfortzone. Das führte dann zu für mich durchaus überraschend akzeptablen Ergebnissen und sogar meinen ersten Collaborations mit anderen FAWMern.

Dann haben Sven und ich unseren Podcast We Know Kung Fu weitergeführt, immer noch ziemlich unter Ausschluss einer größeren Öffentlichkeit (wir haben inzwischen etwa 200 regelmäßige Hörer). Zu meinem letzten Artikel hier über die neuen alten Bullies entstand zum Beispiel eine eigene Folge, die meiner Meinung recht gelungen ist. Wir werden diese Woche eine neue Folge aufnehmen, es ist also höchste Zeit, uns mal zu abonnieren. Was ich leider immer noch nicht geschafft habe ist, eine zweite Podcast-Linie zu anderen Themen zu machen, die mich interessieren, aber ist ja alles Hobby. Ich hab auch keine Lust, mich selbst unter Druck zu setzen.

Ebenfalls viel Zeit beansprucht hat meine Arbeit an unserem Ghostbusters-LARP Zeitgeist, für das im Januar und Februar endlich mehr Informationen veröffentlicht werden konnten, wie und was da eigentlich gespielt wird. Ich betreue die Website und Facebook-Page und habe einen Artikel für die aktuelle Ausgabe der LARPZeit geschrieben.

Und nicht zuletzt habe ich mich im Februar mit meiner Kusine Diana dazu entschlossen, ein Buch zu schreiben, für das wir uns in den letzten Wochen einige Male zusammengesetzt haben und gerade das Konzept fertigstellen. Darüber kann ich leider jetzt noch nicht viel erzählen, obwohl wir das ganze quasi schon fast vollständig in unseren Köpfen haben. Zumindest hab ich es jetzt - ein bisschen versteckt - zum ersten mal angekündigt. Bitte ansonsten noch um etwas Geduld.

Ach ja, und für Geld arbeiten musste ich ja auch noch hin und wieder. Vielleicht hier noch ein Update: Es geht mir sehr gut damit, selbständig zu sein. Vieles von dem, was ich gerade mache und worüber ich hier schreibe wäre gar nicht - oder nur mit viel Stress - möglich, würde ich immer noch irgendwo ein Angestellter sein. Der Plan, nur so viel für Geld zu arbeiten wie nötig, um mehr Zeit für Dinge zu haben, die ich gerne mache, hat bislang wunderbar funktioniert. Ich bin so entspannt, wie ich es seit vielen Jahren nicht war.

Es ist also jede Menge los gewesen in den letzten sechs Wochen und ich habe auch einiges produziert und veröffentlicht, nur eben alles irgendwo anders als hier im Blog.

January 14 2017

Die Rückkehr der Bullies

Es ist schon ein Weilchen her, dass ich mit Patrick Breitenbach mal darüber gesprochen habe, wie enttäuscht ich von Nerds bin, die es nicht schaffen, aus unserer Geschichte der Diskriminierung und einer Kindheit und Jugend als Opfer von Bullies den einfachen Transfer hin zu bekommen, dass der Schutz und die Solidarität mit Minderheiten und Diskriminierten ein Thema für uns sein muss. Dass es jetzt, wo wir mal Gehör finden und an vielen Stellen sogar die Oberhand haben, wichtig ist, nicht so zu tun, als ob wir nichts mit diskriminierten Gruppen und Menschen, die unter Vorurteile und Klischees leiden, zu tun hätten. Ich habe damals gesagt, dass wenn Nerds hier nichts unternehmen, das ganze Thema Nerds sehr schnell wieder untergehen wird, so wie es den Hippies gegangen ist. Und dass das in diesem Fall auch zu Recht passieren würde, denn dann haben wir es nicht anders verdient.

Ich bin ja bekanntlich kein negativer Mensch. Aber ich versuche, die Dinge realistisch zu sehen, wenn es um eine Einordnung geht. Meine Beurteilung von Dingen, die für andere Menschen gerne mal den Vorabend des Weltuntergangs einläutet, ist meistens wesentlich weniger aufregend. So auch jetzt: Natürlich ist der Aufstieg der Rechten bedenklich und gefährlich. Natürlich ist ein Präsident Trump eine grauenhafte Vorstellung. Natürlich ist die Übernahme der öffentlichen Diskussionen im Netz durch krakeelende Schreihälse, stumpfe Extremisten und hemmunglose Hater schlimm. aber es ist kein Weltuntergang und es ist nicht so, als ob man dagegen nichts tun kann, denn wir haben es weder mit einer Naturkatastrophe zu tun, noch mit einer völlig neuen Sorte Menschen. Gleichzeitig aber sind die momentanen Effekte bedenklich, denn es war nicht zuletzt das Internet und seine Dienste wie Twitter und Facebook, in dem gerade marginalisierte Gruppen sich endlich Gehör verschaffen konnten und in den letzten Monaten wird deutlich, dass der Ton in eben diesen Diensten so unfreundlich und giftig wird, dass sich diese Gruppen daraus zurückziehen müssen und damit Gefahr laufen, wieder zu verstummen.

Vielleicht muss man ein an die Fünfzig Jahre alter Nerd sein, um das zu erkennen, aber: Wir kennen das doch. Wir wissen, wie es ist, "die" zu sein gegenüber denen, die sich als "wir" bezeichnen. Wir kennen die Anführer. Die Trumps. Ich meine: Der Vergleich von Trump mit Biff Tannen, dem Bully aus "Zurück in die Zukunft" lag doch derart auf der Hand, dass er sofort aufkam, sobald Trump seine Kandidatur bekannt gab. Wir kennen diese (virtuellen) Muskelprotze und wir kennen auch die Clique die diesen Leuten hinterherläuft und glaubt, wenn sie nur genauso herumblöken, wären sie wie die oder bekämen ein bisschen von ihrem Fame ab. 

Das sind also schlicht die Bullies von früher und jetzt werden sie auch im Internet aktiv: Genauso ignorant, laut, rücksichtlos und schamlos wie eh und je. Mit dem selben klaren Bewusstsein, mit allem durchzukommen, solange sie einfach nur zeigen, wer hier der Macker ist. Und wie früher scharen sie ihre Anhänger und Anhängerinnen hinter sich, die auf der Gewinnerseite stehen wollen, denn der Bully sagt an, wer die Loser sind: Nämlich jeder, der schwächer ist als er und nicht hinter ihm steht. Wir kennen auch die, die sich fein raushalten und zwar nicht mitmachen, aber auch keinen Finger rühren, so lange etwas nicht ihren eigenen Status in Gefahr bringt. Das war für uns als bebrillte, schmale, unbeliebte Kids lange und in zig Variationen das alltägliche Verhältnis zum "Mainstream", dem gegenüber wir daher ein starkes Misstrauen aufgebaut haben, das viele aber offenbar zu schnell wieder vergaßen, als Nerds plötzlich selbst zum Mainstream-"Wir" gehörten.

Der größte Feind des Bullies und seines Gefolges ist die Vielfalt und der Pluralismus. Dass Unterschiede akzeptiert werden mindert seine Deutungshoheit und verunsichert seine Fans, für die es nur ein richtiges und viele falsche Leben geben kann. Und das richtige Leben muss das der Mehrheit sein. Sehen sie plötzlich zu viel von dem, wie Schwule und Lesben leben, dass es Trans- und andere Sexualitäten gibt, dass Frauen individuelle Menschen mit unterschiedlichen persönlichen Zielen sind, dass es unterschiedliche Kulturen, Religionen, Weltanschauungen und Lebensentwürfe gibt, die ihnen den Eindruck vermitteln, dass ihr Anteil an der Welt ein viel geringerer ist, als sie dachten und vor allem fühlten, erscheint ihnen das bedrohlich. Als Angriff auf ihre Vorherrschaft. Und da es ihnen um Macht geht, reagieren sie darauf mit den bekannten Mitteln der Bullies: Den Drohgebärden aus hemmungslosem Hass, verletzendem Spott und - nach diesen Angriffen auf die Seele und der Rückversicherung, dass niemand sich wehrt - am Ende auch körperlicher Gewalt.

Wie konnte das passieren? Wie konnte das, was das Internet zur Vielfalt beigetragen hat, verloren gehen und zu seinem Gegenteil gedreht werden? Wie konnte es passieren, dass Menschen in den Diensten, die mal für Empowerment und Pluralismus standen, heute so massiv Hass und Häme entgegenschlägt, sobald sie wagen, etwas zu sagen?

Eine Erklärung meinerseits dafür ist: Weil das der Mainstream ist. Er war so und ist so. Egal, wie sehr wir dachten, ihn überwunden zu haben. Haben wir nicht, wir waren nur lange an einer Stelle, in dem der Mainstream nicht die Deutungshoheit hatte. Jetzt gewinnt er ihn gerade zurück, auch im Internet. Das ist auch nicht neu, es gibt Stellen, da hat er sie schon seit Jahren: Zum Beispiel in den Kommentarspalten der Massenmedien. Die Community Manager dort bemerken das Fehlen der Meinungsvielfalt gar nicht - es sieht ja so aus, als ob es die gibt, aber es ist nur der alte polare Kampf "die" gegen "wir", "links" gegen "rechts", "richtig" gegen "falsch" oder "gut" gegen "böse", bei dem es immer nur zwei Lager gibt und jede Stimme gnadenlos untergeht, die sagt, es gibt auch noch was "anderes" als diese beiden. Das Andere fand dort noch nie statt. Aber das Andere verschwindet inzwischen auch auf Twitter und Facebook wieder.

Was kann man tun?

Einiges. Zunächst können wir Älteren mal versuchen, nicht entweder in Panik zu geraten oder zu resignieren, sondern festzustellen, dass wir solche Situationen schon mehrfach erlebt, überstanden und auch verbessert haben. Wir müssen uns auch eingestehen, dass wir es nicht geschafft haben, Solidarität zu zeigen und die Tools so zu bauen und zu gestalten, dass Minderheiten geschützt und Pluralismus erhalten oder gefördert wird. Wir können anderen beibringen, dass man nicht auf den ersten hören muss, der was meldet, sondern abwarten kann, bis die Fakten klar sind.

Es gibt die Rückzugsräume. Das waren früher die Selbsthilfegruppen, die Nerdkeller, die Schwulenbars und die Untergrund-Clubs, in denen man sein konnte wie man ist. Das sind im Internet Messenger-Gruppen, geschlossene Foren und Blogs. Mainstream-Plattformen bieten das zum Teil zwar auch, aber die wichtige Anonymität und Pseudonymität gibt es da ja nicht und das ist einer der Gründe, warum gerade junge Menschen sich dort schon länger nicht mehr sicher fühlen und sich beteiligen. Das ist auch alles gut, aber es ist am Ende so wie früher: Man sieht sie nicht mehr. Sie verschwinden aus der Welt.

Was hat das Netz früher richtiger gemacht? Eins war sicherlich die dezentralere Vernetzung über Blogs. Das andere war, dass man in Blogs sein Hausrecht durchsetzen konnte und dumme Kommentare löschen oder die Funktion gar nicht erst freischalten konnte. Die Geschwindigkeit und Heftigkeit, mit der eine Konversation über kontroverse Themen stattfand sowie die Sichtbarkeit, die für die- und denjenigen erträglich war, war durch diese beiden Eigenschaften in einem Rahmen, den man verwalten konnte. Allerdings: Natürlich ist "Back to the Blogs" keine Lösung. "Früher war alles besser, also lasst uns alles so machen wie damals" hat noch nie funktioniert. Aber man kann aus den Prinzipien und aus den erfolgreichen Mustern lernen.

Eins ist, dass die Deutungshoheit wichtig ist. Bei Twitter ist sie verlorengegangen: Zu leicht kann man dort Mobs organisieren, inzwischen unterstützt von zig Bots, die einen unliebigen Account in kürzester Zeit mürbe machen bis er entnervt gelöscht oder verlassen wird. Seit Twitter Threads auch noch automatisch anzeigt und auch noch das hervor hebt, was eine vermeintliche Mehrheit gut findet, ist Twitter für Minderheiten tot, wenn sie nicht als Multiplikatoren etabliert sind. Auf Facebook sieht das noch etwas anders aus, da man dort die Möglichkeit hat, sich wichtige Filterblasen zu bilden (weshalb ich auch gegen das Narrativ bin, dass Filterblasen etwas schlechtes seien) und sich gegen die Bullies zu immunisieren. Dennoch sind auch hier die Algorithmen so geschnitten, dass Lautstärke siegt, was den Bullies und Mobs momentan in die Hände spielt. Daher ist es auch dort an den Multiplikatoren, sich zu äußern und auch rigoroser die Bullies abzuwehren - zum Beispiel, indem sie sie nicht in ihren Threads zulassen (sprich: löschen) und klarstellen, dass sie sich nicht von ihnen einschüchtern lassen. Es gibt keinen Grund, bei Facebook darauf zu verzichten, sich und andere vor Anfeindungen und vor Bullies zu schützen, so wie wir es in den ersten 10 Jahren der Zweitausender Jahre in unseren Blogs auch getan haben. 

Was auch damals gut funktioniert hat und was man daher auch mal in die heutige Internet-Landschaft übertragen kann ist, nicht über jedes hingehaltene Stöckchen zu springen und sich damit zu Empörungsgehilfen machen zu lassen. Natürlich ist es ärgerlich, wenn Politiker oder Medienmenschen versuchen, mit Provokationen und Hass gegen Minderheiten zu punkten. Aber man reagiert immer wieder auf neue Provokationen, die doch immer nur das selbe Lied singen. Eigene Lieder sind aber das, was bleibt. Lasst uns daher mehr eigene Themen setzen statt uns an den Themen der Hetzer abzuarbeiten und die auch noch zu verbreiten. Sind wir doch mal erster. Sollen die sich doch an unseren Themen reiben. Auch das funktionierte in der Blogger-Ära gut: Selbst schreiben, statt woanders zu kommentieren. Die eigenen Positionen festigen und die Menschen unterstützen, die unsere Solidarität brauchen geht auch in den heutigen sozialen Medien und funktioniert auf lange Sicht besser, als seine Zeit in endlosen Kommentarthreads auf Seiten zu verschwenden, in denen Community-Manager ihre Arbeit nicht machen. Sichtbarkeit erhält man nicht in Kommentarspalten.

Was auch passieren muss - und meiner Meinung auch wird - ist, dass die Algorithmen, mit denen Aufmerksamkeit geschaffen oder verhindert wird, sich ändern. Es kann nicht sein, dass wer am lautesten und am wüstesten schreit, mit Reichweite belohnt wird. Die "wir zeigen Dir das, was Relevant ist" Mechaniken der Social Media Plattformen, die die frühere, diskriminierungsfreie schlicht nach absteigender Aktualität sortierte Reihenfolge abgelöst haben, haben unsere Timelines in Schlachtfelder verwandelt: Sobald sich irgendwo ein Bully das Wort ergreift, wird diese Stelle für seinesgleichen auch noch hervorgehoben, damit auch ja alle mitbekommen, wo sie mit Fackeln und Heugabeln einfallen müssen.

Ich bin mir sicher, dass Plattformen, die das nicht erkennen und reagieren, mittelfristig untergehen werden und dass andere Plattformen entstehen und wachsen, die es schaffen, sicherere Orte für alle Gruppen zu sein. Da ist dann mein relativer Optimismus: Ich glaube, dass Pluralismus immer im Vorteil sein wird, egal wie oft ein Backlash es schafft, das für eine Weile anders aussehen zu lassen. In der langen Sicht wird die Welt sichtbar bunter, vielfältiger und multikultureller im eigentlichen Sinne des Wortes. Ich kenne die Siebziger, in denen die heutige menschliche Vielfalt kaum sichtbar war, die Achtziger mit dem Aufstieg von Diversität trotz heftiger Vorurteile und die Neunziger, in denen sich so viele Subkulturen nicht mehr im Untergrund verstecken mussten. Die Richtung war und ist immer vorwärts gerichtet und progressiv. Die Welt der Fünfziger ist Vergangenheit und ihre Weltsicht hat bestenfalls nostalgische Bedeutung. Sie ist so weit Weg von unserer heutigen Realität und der Richtung, in die sich diese entwickelt, dass sie genauso wenig wiederkommen wird wie das Deutsche Kaiserreich oder das Mittelalter.

Soweit mal meine Gedanken. Da ist noch viel unsortiert und offen, vielleicht habt ihr ja noch Ideen und Vorschläge, wie wir mit der Situation und mit den Bullies besser umgehen können, denn das wird uns jetzt die nächste Zeit erst mal beschäftigen.

December 19 2016

Fragebogen 2016

 

Das war ein seltsames Jahr, denn was in der Welt und in meinem Leben so passiert ist könnte diametraler nicht sein. Ich persönlich hatte ein großartiges Jahr, wenn nicht eins der besten der letzten zehn Jahre. Nachdem letztes Jahr quasi alles um mich herum zunächst in Schutt und Asche gelegt wurde, so dass ich vor lauter Aufräumen, Lecks abdichten und Status Quo aufrecht erhalten gar keine Zeit hatte, meine eigene Situation zu betrachten und zu steuern, dies aber am Ende dazu führte, dass ich mich auf einem komplett neuen Spielfeld wiederfand - vor allem durch die Entscheidung, mich endlich selbständig zu machen - konnte ich mich dieses Jahr so sehr auf den Aufbau meiner eigenen Wirklichkeit und auf das, was ich für mich wollte konzentrieren wie schon sehr lange nicht mehr.

Was mich freute war, dass mir dabei meine Erfahrungen zu pass kam, die ich inzwischen gemacht hatte. Ich bin kein Endzwanziger mehr, der sich nicht wirklich gut darin auskennt, weitreichende Entscheidungen zu treffen oder kritische Wissenslücken hat, die einen Plan mit zu vielen Unbekannten versetzen, um ihn umzusetzen. Ich konnte auf so viel Wissen, auf Können und auch auf gute Kontakte zurückgreifen, die ich in den letzten zwanzig Jahren gesammelt hatte, dass es mir nach diesem Jahr so vorkommt, als ob ich keine Minute ins Schlingern gekommen bin. Und besser noch, ich bin schon jetzt viel weiter, als ich geplant hatte: Das Geld reicht, ich habe mehr Zeit als je zuvor und das was ich tue macht schon jetzt so viel mehr Spass, ist thematisch und inhaltlich spannender, innovativer und cooler und es ist by the way auch so viel sinnvoller als ich dachte. Das ist ein großartiges Gefühl.

Die zusätzliche Zeit konnte ich in Themen und Projekte stecken, die ich seit Jahren vor mich herschob: Einen Podcast starten, LARPs organisieren und drüber reden, etwas mehr Sport treiben, viel mehr Musik machen. Es war für mich endlich ein Jahr, wie ich es mir lange wünschte: Wo viele Dinge ins Rollen kamen, mit denen ich mich in Zukunftt mehr beschäftigen will und kann.

Währenddessen sterben meine Helden - vor allem David Bowie und Leonard Cohen (mit dem ich dieses Jahr zum letzten mal in Gedanken zum gleichzeitigen Geburtstag anstoßen konnte), die Engländer und Amerikaner fallen auf die billigsten Rattenfänger rein und in Deutschland glauben viele Menschen, dass es wieder in Ordnung gehe, Menschen zu jagen und zu verletzen, die anders sind als sie selbst. Darauf hätte ich gerne verzichten können.

Nun aber zum alljährlichen Fragebogen:

(Und natürlich vorab auch wieder die Rückblicke auf 201520142013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003)

Zugenommen oder abgenommen? Ich glaube, ein bisschen abgenommen. Fühlt sich jedenfalls so an. Oder der "Sport" hat geholfen und vielleicht bin ich auch einfach nur fitter. Ich hab immer noch keine Waage.

Haare länger oder kürzer? Ich hab mich ja Ende letzten Jahres stark verkürzt, das ist - zumindest was die Frisur angeht - genug Veränderung an dieser Stelle gewesen und ich habe das dieses Jahr nicht noch weiter getrieben.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleich. Auch hier habe ich Ende letzten Jahres ja endlich mal ein Update gemacht, so dass sich da nichts mehr weiter verändert hat.

Mehr bewegt oder weniger? Tatsächlich mehr - ohne das jetzt genau beziffern zu können. Nicht dass ich jetzt plötzlich zum Sportler geworden wäre oder irgendwas regelmäßiges trainiert hätte. Aber ich hab mir im Sommer ein Rudergerät gekauft und nutze es seitdem tatsächlich mindestens zwei mal die Woche für 30 Minuten. Das hat meiner Meinung nach auch tatsächlich was gebracht, weil ich viel seltener meine eigentlich typischen Wetterkopfschmerzen hatte und auch das ganze Jahr nur ein mal (nämlich jetzt grade) krank war. Außerdem wandern Frauke und ich (ok, sagen wir, wir machen längere Spaziergänge) wann immer die Gelegenheit es erlaubt. 

Mehr Kohle oder weniger? Gefühlt mehr. Aber es kann gut sein dass das gar nicht stimmt, sondern dass ich anders damit umgegangen bin.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gefühlt weniger, zumindest was Ausgaben für mich persönlich angeht. Wahrscheinlich wars aber ein gutes Stück mehr. Anfang des Jahres ist die ganze Familie ein mal kreuz und quer umgezogen, was ein paar auch durchaus unerwartete Folgekosten verursacht hat. Viele der Ausgaben, die ansonsten hatte, waren daher vor allem Altlasten von mir oder jemandem anders. Durch einen ansonsten strikten Sparkurs konnte ich ohne allzu viel nachzurechnen mir liebe und wichtige Menschen unterstützen, was mir wichtiger war als irgendwas zu kaufen, was ich eh nicht brauche.

Warum Sparkurs? Ich hab vor allem mal Rücklagen gebildet, da ich als jetzt neu Selbständiger schlicht zu wenig Ahnung davon habe, was ich am Ende an Kosten habe werde. Da ich zusätzlich eine gewisse Panik vor allem habe, was mit Ämtern zu tun hat, war mir wichtig, sicher zu sein, dass ich nach der ersten Steuererklärung nicht plötzlich auf die Schnauze falle. Die erste Schätzung der Steuerberaterin hat gezeigt, dass das richtig war, denn das zurückgelegte Geld reicht selbst für das teuerste rechnerische Szenario aus. 

Der hirnrissigste Plan? Wie jedes Jahr muss ich diese Frage etwas uminterpretieren, da ich eigentlich nichts hirnrissiges im Sinne von etwas total beklopptem mache. Wenn man das so liest, dass es um was für meine Verhältnisse völlig wahnwitziges geht, dann gibt es was: Ich organisiere ein extrem aufwändiges, internationales high-budget LARP mit, das nächstes Jahr im Sommer stattfinden wird. Zum Glück sind da viele großartige Menschen dabei, die sowas in der ein oder anderen Form schon gemacht haben, aber für mich ist das ein spannender Schritt, denn wenn 'Zeitgeist' Erfolg hat, kann wirklich alles passieren.

Ein anderer hirnrissiger Plan ist nicht meiner, deshalb kann ich da noch nichts sagen. Ich nehme aber an, er wird nächstes Jahr unter dieser Rubrik auftauchen.

Die gefährlichste Unternehmung? Selbständig zu sein. Ich habe das Gefühl, dass es super geklappt hat. Sogar besser, als erwartet. Ich wäre aber nicht ich, wenn ich nicht ständig Angst davor hätte, dass ich irgendwas falsch gemacht habe und alles implodiert. Meine Steuerberaterin meint, es sei alles ok und meine Rücklagen wären auch ausreichend, egal was die Steuern sagen, aber das hilft meinen gelegentlichen Grübeleien mitten in der Nacht nicht wirklich. Ich habe mich aber andererseits noch nie beruflich so wohl gefühlt wie in diesem Jahr. Ich hatte noch nie so viel Zeit (das war ja mein Ziel: Gar nicht mal mehr Geld, sondern mehr Zeit zu haben), um irgendwelche tollen Projekte zu starten (wie z.B den hirnrissigen Plan) oder einfach mal spazieren zu gehen, wenn ich gerade Lust habe. Insoweit gibt es absolut kein Bedauern, aus der Tretmühle des Angestelltendaseins ausgestiegen zu sein.

Der beste Sex? 2015 war ja ein sehr anstrengendes Jahr, in dem ich sehr wenig Zeit oder Lust auf sexuelle Abenteuer hatte. Zweisamkeiten waren von allem Gelegenheiten zum Runterkommen und Ausruhen und ich brauchte das auch genau so. Dieses Jahr war es so ähnlich, aber aus zum Glück anderen Gründen. Ich musste ja sehr viel im Auge behalten und vor allem in den ersten Monaten war die Anspannung noch extrem groß, ob ich nach 20 Jahren als Angestellter mein Leben so radikal umstellen könnte. Daher war mir immer noch Rückhalt und die Sicherheit, dass mir liebe Menschen da sind und es uns zusammen gut geht, wichtiger und nicht, ob ich viel oder aufregenden Sex habe (keine Sorge, hatte ich auch). 

Die teuerste Anschaffung? Ein neuer Monitor.

Das leckerste Essen? Ich erinnere mich tatsächlich nicht an irgendwelche Highlights in diesem Jahr, aber ich habe mich mit FreundInnen eine Zeit lang Dienstags zum Schnitzel essen getroffen, was viel Spaß gemacht hat. Warum haben wir das eigentlich wieder aufgehört? Gleich mal nachhaken...

Das beeindruckendste Buch? Es gibt zwei Bücher, für die ich dieses Jahr Crowdfunding-Aktionen mitgemacht habe und beide haben sich gelohnt. Lustigerweise hatten beide dieselbe Idee, nämlich interessante Frauen der Geschichte vorszustellen. Unterschiedlich war lediglich der Design-Ansatz. Während das eine Buch sie wie abgelehnte Disney-Prinzessinnen katalogisierte, hat das andere Buch sie als Gutenachtgeschichten für Mädchen inszeniert. Die Disney-Idee ist als Ansatz sogar interessanter, leider limitiert das aber die Bildsprache und trägt auf dauer nicht wirklich. Textlich allerdings ist das Buch hervorragend umgesetzt. Das andere Buch hat auf jeden Fall die besseren Illustrationen von unterschiedlichen Künstlerinnen. Beide Bücher sind aber am Ende großartig gemacht und absolut empfehlenswert. Ich könnte nicht entscheiden, welches besser ist.

Der ergreifendste Film? Ich war dieses Jahr vor allem zur Unterhaltung im Kino. Die Filme waren spannend oder witzig, aber ergreifendes war da natürlich eher weniger dabei  Rogue One. Du meine Güte. Das hätte ich nicht gedacht.

Die beste CD? Blackstar, David Bowie. Was sonst.

Das schönste Konzert? Amanda Palmer in der Kantine Köln. Die Location war nicht so toll, aber sie spielte drei Stunden und war großartig.

Die meiste Zeit verbracht mit...? neuen Ideen. So viele neue Dinge wie in diesem einen Jahr hab ich in den letzten fünf Jahren nicht angefangen. Ich habe das Gefühl, ich war ständig damit beschäftigt, irgend was neues aufzugreifen und auf den Weg zu bringen. Was natürlich auch daran liegt, dass ich viele tolle mEnschen kenne, die tolle Ideen haben, die ich für unterstützenswert halte. Und da ich mehr Zeit hatte als je zuvor, konnte ich das auch tun.

Die schönste Zeit verbracht damit...? ...Babysitten. Im Ernst. Eva und Dominics kleine Luna, auf die ich während Evas Workshops oder auf den ifols aufgepasst habe, ist mir total ans Herz gewachsen. Sie zieht demnächst nach Regensburg, was mich ein bisschen besorgt, denn das ist schon sehr weit weg...

Vorherrschendes Gefühl 2016? Zufriedenheit. Tatsächlich. So häufig wie in diesem Jahr hatte ich noch nie das Gefühl, dass alles in meinem Leben gerade irgendwie richtig ist. Dass ich schon jetzt viel mehr von dem tun kann, was ich wirklich tun möchte, dass das was ich noch tun will mit jedem Tag in greifbarere Nähe kommt, dass sich alles so entwickelt wie ich es mir vorgestellt habe und besser noch, dass es sogar viel schneller geht als gedacht.

2016 zum ersten Mal getan? Ein Alternate Reality Game geschrieben. Das hat richtig Spaß gemacht und war für mich auch ein ganz persönliches Highlight. Denn genau da wollte ich ja hin: Weg von Marketing, Werbung und Standardkram sondern tolle und interessante Geschichten und Projekte machen, hinter denen mehr steckt als ein ödes Verkaufsziel.

2016 nach langer Zeit wieder getan? Mich um ein Baby gekümmert. Nicht nur eine Stunde oder so, sondern den ganzen Tag und für jeweils eine knappe Woche, mit all dem Schlafen legen, Windeln wechseln, füttern und mit Spielen und Spaziergängen bei Laune halten. Meine zwei eigenen sind ja seit diesem Jahr beide erwachsen, da ist sowas wirklich schon sehr lange her. Aber offenbar kann ichs noch. Und ich kann nur immer wieder sagen, dass es großartig ist, sich mit Kindern zu beschäftigen. Es gibt nichts, was einen mehr öffnet, in den Moment bringt, erdet und einem ein so grundsätzlich und bedingungslos positives Zukunftsbild weckt, als sich auf die ungebremste Neugier und klare Ehrlichkeit eines kleinen Kindes einzulassen. 

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Johannes' Selbstmord. Ich konnte nicht im Blog drüber schreiben. Ich hab ihn lange Zeit bewundert und war froh, ihn im Mai endlich mal persönlich kennenzulernen und festzustellen, dass er wirklich so ein großartiger Mensch ist wie er mir immer erschien. Und nur wenige Wochen später war er tot. Ich hab nur auf Facebook ein bisschen mit FreundInnen geschrieben und habe meine eigene Sprachlosigkeit mit einem Lied umgangen. 2. Der Aufstieg der Autokraten, der dieses Jahr die ersten echten politischen Implikationen außerhalb von eher kleinen Ländern wie Ungarn oder Polen hatte. Die Lust am Bürgerkrieg, die m.E. inzwischen ohne sich noch zu verstellen von Rechts hörbar ist, scheint aber immer noch zu wenig wahrnehmbar zu sein, um ein echtes Umdenken bei etablierten Politikern zu bewirken, die weitermachen, als ob nichts wäre. 3. Die Erkältung jetzt am Ende des Jahres. Ich hab mich in den letzten zehn noch nie so lange am Stück so gesund gefühlt, wie dieses Jahr. Da kommt mir diese blöde Grippe dazwischen und versemmelt mir den Highscore.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Dass ich noch viel besser bin, sobald ich nicht mehr in den eingefahrenen Strukturen arbeiten muss.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Das waren viele kleine Geschenke. Von vielen lieben Menschen (und Kindern). Das kann ich dieses Jahr nicht beantworten.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? "Es wird ja auch Zeit, dass mehr Leute mitbekommen, wie gut Du bist." - Ja, das ist interessantweise der schönste Satz. Ich versuche ja immer, so knapp unterm Radar zu bleiben. Ob das aus Angst war, aus Faulheit, aus Schüchternheit oder wegen dieser preussischen Familientradition, hart zu arbeiten und bloß nicht den leisesten Anschein zu geben, man wolle damit angeben, ist wahrscheinlich letztlich egal: Ich habe mich dieses Jahr jedenfalls gefreut, dass ich diesen Satz so oder ähnlich von ganz unterschiedlichen Menschen zu ganz unterschiedlichen Themen gehört habe. Ich habe auch erkannt, dass mein Wunsch, mehr tolle Dinge machen zu können, auch nur erfüllt werden kann, wenn ich noch weiter aus meiner Komfortzone trete. Daher nehme ich ihn als Kompliment und Ansporn mit ins nächste Jahr.

2016 war mit 1 Wort...? Neuanfang.

December 03 2016

Hat ein Big Data Psychogramm Trump wirklich den Sieg gebracht?

Alle teilen wie wild diesen Artikel über diese super Profiling-Methode. Vor allem Leute, von denen ich denke, sie müssten es eigentlich besser wissen, aber nein: irgendwas mit Big Data, wissenschaftlichem Geruch ein bisschen Verschwörung und dem Wunsch, dass es vielleicht doch einen elaborierten Plan oder ein Mastermind hinter Trumps Sieg oder dem Erfolg der Brexit-Kampagne gibt, scheint kurzsichtig zu machen.

Seis drum. Da nun also dieser Artikel dennoch gerade wie (Anti-)Werbung für Social Profiling rumgeht, möchte ich ein bisschen mäßigend drauf eingehen: Profil-Modelle dieser Art sind nicht neu - aus der Psychometrie kommt quasi jedes Jahr ein neues populärwissenschaftlich vereinfachtes Modell, das vor allem Führungskräftetrainer nutzen, um ihren Klienten ein paar nicht allzu tiefgehende Selbsterkenntnisse zu ermöglichen - noch ist die Erkenntnis neu, dass Menschen mit festem Konsum- und Weltbild leicht zu aktivieren sind, sei es zum Kauf von Produkten oder zur Wahl eines Kandidaten (ist ja fast das selbe).

Auch bekannt ist, dass Facebook als Verstärker der eigenen Meinung fungiert, weil die Profilalgorithmen - darauf aus, die Facebook-Erfahrung möglichst angenehm, also selbstbestätigend zu gestalten - eine Echokammer herstellen können. Allerdings geht auch das wieder nur bei Personen, deren Weltbild gefestigt ist. Die anderen wundern sich weiterhin, warum die getargetete Werbung so gar nicht passt.

Was also schon mal eine wichtige Einschränkung ist, wenn man über Psychometrie-Modelle Profile erstellt und diese über Facebook zu einem Kauf oder einer Handlung bringen will: Aktivieren kann ich nur, wofür die Bereitschaft schon da ist. Ich erreiche nicht, dass sich die Meinung ändert. 

Was hat die Brexit-Kampagne und Trumps Wahlkampfkampagne also wirklich anders gemacht als andere? Letztendlich doch nur, dass man die Erkenntnis aus der Verhaltensforschung, dass es besser ist, Stärken zu fördern statt zu versuchen, Schwächen zu verbessern (das man zB auch aus der Mitarbeiterntwicklung kennt), konsequent für Wahlaktivierung angewendet hat und exakt und ausschließlich auf die eigene ideologische Zielgruppe zielte. Dann brauchte man nämlich in seiner Kommunikation keinerlei Zurückhaltung mehr üben, um zu verhindern, diejenigen zu verprellen, die mein "Produkt" eh nicht wählen.

Das ist der eigentliche - und der wichtige - Trick hier, denn er immunisiert das, was ich sage, erfolgreich gegen Kritik - weshalb Trump mit jeder noch so wilden Aussage, mit Affronts, platten Lügen und schlichten Wiederholungen derselben unbeschadet durch den Wahlkampf kam.

Das war nicht etwa ein besonders ausgeklügeltes Scoring-Modell. Wenn es um derart klar definierte Zielgruppen geht, brauche ich doch keine ultrakomplexen Profile. Das heißt, also: Ja klar ist das hilfreich, die Zielgruppen targeten zu können, aber die Methoden um die richtige Zielgruppe zu adressieren ist bei Menschen mit festem Weltbild nicht schwer, dafür brauch ich keine komplexen neuen Erkenntnisse.

Interessant wäre es erst dann, wenn ich volatile Profile besser einschätzen können müsste: Zum Beispiel, wenn ich herausfände, unter welchen Umständen ein unentschlossener Mensch einen Entschluss fasst und genau diesen Moment treffen könnte. Das ist aber mit statischen Daten nicht möglich und dass ich ihn dann auch noch ausgerechnet in die Richtung nudge, in die ich ihn gerne hätte, ist noch mal unwahrscheinlicher. Maximal könnte ich ihn dazu bringen, dass er eine Entscheidung trifft statt nichts zu tun, aber ob die für oder gegen meine Intention ausfällt, ist wahrscheinlich reiner Zufall. Außerdem bin ich dann an einem Punkt, an dem ich so individuell reagieren müsste, dass ich den dazugehörige Content gar nicht zur Verfügung hätte.

Wie kommen Menschen immer wieder auf die irgendwie religiös mathematikhörige Idee, dass man menschliches Verhalten derart leicht kategorisieren, vorhersagen und dann sogar steuern könnte? Selbst auf dem Finanzmarkt, der viel mathematischer und in weniger Dimensionen funktioniert hat man bewiesen, dass eine egal mit wie vielen Daten unterfütterte Vorhersage kein bisschen genauer ist, als eine Vorhersage, die auf reinen Zufallszahlen basiert. Man braucht ein magisches Weltbild, um an eine Formel zu glauben, die mathematisch das Wort errechnet, das man einem Menschen sagen muss, damit er plötzlich und willenlos seine Meinung ändert. Viele B-Movies der Fünfziger leben von diesem Gedanken, denn man glaubte schon mal daran, dass eine extreme politische Idee irgendwelche Zauberkräfte hatte, die Menschen zu willenlosen Anhängern macht. Damals wars der Kommunismus. 

In einer Diskussion auf Facebook tauchte die Frage auf, ob auch Gruppen mit volatilen Profilen auf eine Handlung wie "wählen gehen" motiviert oder demotiviert werden können. Ja, sicher. Das ist aber nicht, was die gemacht haben bei der Brexit- und der Trump-Kampagne. Das was volatile Menschen an Kommunikation brauchen, ist halt die klassische politische Überzeugungsarbeit - das mit Argumenten und Versprechen und Diskussionen - , da komm ich nicht mit plattem Marketing und Claims an. Das Problem dabei ist außerdem, es dauert lange, ist aufwändig, sehr teuer und es erreicht dennoch immer nur den einen Menschen, den man vielleicht am Ende überzeugt hat. Diese Arbeit haben die sich nicht gemacht.

Wenn ich mich auf die Verstärker meiner Botschaft konzentriere, mit der ständigen Wiederholung von "Make America great again" und "Build a wall!" und "Drain the swamp!" auf einen Streich Millionen erreiche und aktiviere, dann sorgen diese Leute für eine enorme zusätzliche Reichweite und Lautstärke. Übrigens: Was bisher noch niemand erklärt hat, warum diese Lautstärke wichtig ist, denn sie motiviert und bestärkt nicht nur die Gleichgesinnten sondern demotiviert auch die Gegner. Das ist so einfach wie effektiv. Und wie gesagt, um diese Zielgruppe zu finden, brauche ich keine teuren Big Data Auswertungen mit irgendwelchen geheimen Algorithmen. Da reichen die einfachsten gemeinsamen Nenner, denn das sind die mit dem gefestigten Weltbild, bei denen Werbung und Targeting schon immer funktioniert hat. Die kennen wir, ganz ohne Profil-Modelle.

Was Trump und die Brexiter gemacht haben war, wie gesagt, mit der Kommunikation auf bereits Überzeugte zu zielen, weil man die ja nicht mehr mit Inhalten überzeugen muss sie so emotional und einfach wie möglich zu formulieren, um sie von ihrem Publikum extrem lautstark verbreitet zu bekommen, was dazu führt dass die Botschaft alles übertönt und gegen Kritik immunisiert. Und die Botschaft hat keinen Inhalt sondern eine Funktion: Aktivierung. Brexit wählen! Trump wählen! Dazu brauche ich keine Psycho-Algorithmen.

Die sind einfach wieder nur die Berater-Astrologie, um den hohen Preis zu rechtfertigen.

Siehe auch:
PREPARING FOR THE CAMPAIGN TECH BULLSHIT SEASON
In D.C., Cambridge Analytica Not Exactly Toast of the Town
Hat wirklich der große Big-Data-Zauber Trump zum Präsidenten gemacht?
RETROSPECTIVE WISHCASTING
Logbuch Netzpolitik (ab ca 60min)
We Know Kung Fu 06: Das Wahlkampf-Bömbchen

P.S.: Nur zur Klärung, falls das anders rüberkommt. Ich schreibe hier nicht darüber, dass Targeting in Werbung nicht funktioniert. Das tut sie durchaus und ist auch ein wichtiges Werkzeug für sowohl Trumps als auch der Brexit-Kampagne, denn die wollten ja ihre Zielgruppen erreichen und haben das auch geschafft. Man hätte diese Kommunikationsstrategie gar nicht so erfolgreich fahren können, gäbe es die Möglichkeit nicht, Zielgruppen für Social Ads gezielt anzusteuern. Es ist aber nicht schwer, die zu finden, dafür brauch ich keine Scoring-Modelle, die am Ende auch noch zur Ursache des Erfolgs hochgeschrieben werden.

November 09 2016

Wie die Etablierten das Vertrauen verloren haben

Ich habe mich lange gegen den in letzter Zeit inflatorisch aufkommenden Begriff des "postfaktischen" gewehrt. Ich tue das immer noch, aber ich erkenne an, dass es inzwischen immer öfter diese gefühlte Wahrheiten gibt, gegen die mit Fakten oder differenzierenden Argumenten anzureden oder anzuschreiben unmöglich ist. Und ich erkenne auch an, dass diese gefühlten Wahrheiten schneller entstehen, als verschwinden, weshalb ihre Anzahl steigt und man das Gefühl hat, gegen eine immer stärker ansteigende Strömung anzuschwimmen.

Da ich kein Freund von monokausalen Erklärungen bin, hier nun vorab der Hinweis: Worüber ich hier schreibe ist meines Erachten ein Grund dafür, dass Populisten gerade leichtes Spiel haben. Es gibt noch mehr, an ganz vielen verschiedenen Baustellen. In der Politik, in den Medien, in der Bildung, in der Gesellschaft und bei jedem von uns ganz persönlich. Ich greife nur eine heraus, weil ich heute danach gefragt wurde und mir die Beschäftigung damit half, das Gefühl der Taubheit und Wut zu überwinden, das mich nach dieser Präsidentenwahl in den USA den ganzen Tag im Griff hielt.

Die These ist: Es gibt zwei wichtige Gründe, warum etablierte Medien (bzw eigentlich generell das Establishment) uns nicht mehr erreichen.

Erstens: Wir vertrauen uns gefühlt näheren Quellen und Informationen - also solchen, die uns von Menschen die uns nahe stehen (entweder weil verwandt oder befreundet oder weil sie ideologisch auf derselben Wellenlänge sind) vermittelt werden - mehr als weiter entfernten, sprich nicht persönlich an mich gerichteten Massenmedien.

Zweitens: Wir vertrauen Quellen, die "schneller" sind als andere. Schon allein wegen des Umstandes, dass sie dann "erster" waren und weil alle anderen danach erst gegen diese Position konkurrieren müssen.

Den ersten vertrauen wir, weil da eine persönliche oder ideologische Nähe besteht, die einen Vertrauensbonus mitbringt. Den zweiten, weil sie einfach die ersten und schnellsten sind, die ein Thema benennen und besetzen und wir uns das als etwas positives merken, ganz egal wie faktisch korrekt sie das tun.

Ein Problem, das wir als Konsumenten von Informationen und Meinungen bekommen, taucht dann auf, wenn wir ein Nullsummenspiel bei der Vergabe von Vertrauen machen. Es gibt dann einen Vertrauensverlust gegenüber "etablierten" Medien. Der Fehlschluss ist die Annahme, dass unser Vertrauen eine endliche Ressource mit einer definierten Menge sei. Wenn man dann sein Vertrauen schon in die Freunde/Personen oder an die schnellste Quelle gegeben hat, muss man - in der Nullrechnung - logischerweise etablierten Medien das Vertrauen entziehen.

Das ist das grundsätzliche Problem, das jegliches "Establishment" momentan hat. Und das Folgeproblem ist, dass Informations-Konsumenten die Funktion eines etablierten Mediums als Hilfe zur Normerkennung nicht mehr kennen und nicht mehr nutzen bzw. letztendlich nicht mehr anerkennen. Aber es ist eigentlich wichtig, dass es Medien gibt, über die ich abgleichen kann, wie weit meine Ansicht, meine Meinung oder meine Informationen von der Norm abweicht. Früher hat man die Tagesschau gesehen, um auf einen gemeinsamen Wahrnehmungsstand zu kommen. Natürlich war man dann auch unterschiedlicher Meinung, aber man wußte eben auch, was momentan der etablierte Konsens war (Daran, dass diese Funktion, einen Faktenkonsens zu bieten, so schnell verloren ging, sind unsere Medien aber zum Teil schon ganz ohne Digitalisierung mit schuld, weil sie vor einiger Zeit schon die Grenze zwischen Fact- und Opinionpieces nicht mehr klar trennten).

Das alles ist eigentlich noch nicht schlimm: So lange die Fakten stimmen und solange die Diskussionen differenziert sind und solange die Motive transparent sind, funktioniert die neue, schnellere und persönliche Informationsvermittlung auch, wenn die Medienkompetenz den Fehler des Nullsummenspiels nicht korrigiert.

Das Dumme ist nur, dass die Fakten nicht stimmen, die Diskussion nur schwarz-weiß stattfindet und die Motive alles andere als transparent sind. Womit wir plötzlich bei eine postfaktischen Kommunikation sind - basierend auf falschen oder übertriebenen Fakten, polarisierenden und damit rein emotional geführten Diskussionen ohne Chance auf Kompromisse und hidden Agendas, die die "Information" nur noch als Mittel zu einem anderen Zweck benutzt.

Tabuisierung und Ausgrenzung von gesellschaftlich inakzeptablem Verhalten hat ja funktioniert und das wird deswegen auch heute noch als Reaktion von Politik und Medien eingesetzt. Da gab es aber die neuen Medien mit den oben beschriebenen zwei Mechanismen noch nicht und Demagogen und Populisten haben Wege gefunden, das zu nutzen und dadurch einen Ausweg aus dem gesellschaftlichen Tabu und der Ausgrenzung zu schaffen. Nicht umsonst nutzen sie Begriffe wie "Denkverbote", "Nazikeule" oder beginnen ihre Sätze mit "Das muss man wieder sagen dürfen..." und nennen die Instanzen, die sie auf ihre Übertretung gesellschaftlicher Anstandsgrenzen hinweisen "Gutmenschen" und "Lügenpresse". 

Diese Wege sind genau die beiden Mechanismen, die ich oben beschrieben habe: Die persönliche Nähe und die Erstbesetzung von Themen: Die Geschwindigkeit erreichen sie damit, dass die AfD-Leute, sobald irgendwas ängstigendes passiert, sofort mit allem was sie haben einfeuern. Damit sind sie schneller als alle anderen, die sich erst mal absprechen oder recherchieren. Den Vertrauensbonus, den ich erwähnte, holen sie sich damit aber schon mal ab, auch wenn hinterher rauskommt, dass es gar nicht gerechtfertigt war (deswegen ja immer die "Mausrutscher", die hinterher gelöscht oder relativiert werden - das ist bis dahin ja verbreitet.). Auch Trumps getwittere füttert diese Mechanik.

Die persönliche Nähe schaffen sie damit, dass sie die etablierten Medien als Zwischenstation auslassen und sich direkt an die Menschen richten. Sie springen dabei auch immer auf ideologische Teilthemen, die gerade passen und im Gespräch sind, sei es EU-Kritik, Griechenland, Flüchtlinge, Impfskepsis, konservative Werte (Genderwahn, Sexualerziehung, Abtreibung)... das nehmen die nur als Trittbrett, die stehen da in Wirklichkeit gar nicht dahinter, was man ja daran sieht, dass sie sie nie wieder erwähnen, wenn sie aus dem Diskurs verschwunden sind (siehe Griechenland). Das erzeugt einen sofortigen Rapport bei denen, die sie erreichen wollen und sie erodieren damit das Vertrauen in etablierte Medien und Politik, was das eigentliche Ziel ist. Denn das Nullsummenspiel sagt uns ja: Wenn Du denen vertraust, misstraust Du den anderen.

Soweit die Erklärung, warum passiert, was passiert. Nun ist die Frage, wie man diese Mechanismen entschärfen kann. Drei Antworten:

1. Nicht mit den üblichen coolen Strategien, die aus dem Marketing entlehnt werden oder von smarten Business-Consulting-Agenturen kommen. Hier geht es um echte und ernsthafte Kommunikation, um ehrliches Umdenken, um innovatives Anders machen. Da helfen keine Kampagnen, keine lustigen Bildchen, keine intelligenteren Social Media Redakteure. Hier muss man an die Strukturen gehen, mit denen man Informationen und Themen erkennt, darüber recherchiert und sie kommuniziert.

2. Individuell: Wenn man glaubt, es lassen sich für Parteien, Medien, Verlage, Sender, NGOs usw. jeweils Standardlösung finden, wird das nicht klappen. Man muss die hundert Prozent passende für jede einzelne Institution entwickeln. Sie kann nicht am Reißbrett entstehen und dann im Unternehmen "implementiert" werden sondern sie muss gemeinsam mit all denen entwickelt werden, die sie verwenden.

3. Man kann nicht so tun, als ob man was ändern möchte. Man kann es nicht mal testweise versuchen. Man muss es tun, ganz oder gar nicht. So häufig ich für Mittelwege und Kompromisse plädiere, aber hier ist ohne ein gemeinsames, ehrliches, konsequentes, verbindliches Bekenntnis keine Veränderung möglich.

 
 

October 03 2016

Ein Podcast und ein LARP am Start

Am Freitag war ich fleißig und habe gleich zwei Webseiten und zwei Facebook-Pages veröffentlicht. Der Launch der Webseite für das Zeitgeist-LARP war tatsächlich auch geplant. Die Deadline, die wir uns vorletzte Woche für die Veröffentlichung des Teasers gesetzt hatten, war der 1.Oktober und Deadlines einzuhalten ist etwas, das mir sehr viel Befriedigung verschafft.

Befriedigung ist etwas, was mich sehr mutig macht. So in der Art "wenn das so gut hingehauen hat, dann könnte ich ja auch noch um was anderes kümmern, das ich bisher immer wieder aufgeschoben habe". Also habe ich mit Sven auch noch einen Podcast aufgenommen, die Webseite dafür hingestellt und den Podcast am selben Abend veröffentlicht.

Zunächst aber mal zum Larp. Das wird nämlich was größeres: Wir werden im Sommer 2017 eine sehr aufwändige Veranstaltung auf die Beine stellen und das wird nichts geringeres sein, als das erste internationale - sprich englischsprachige - Larp in Deutschland, das auf einer völlig neuen und eigenständigen Idee von Tina Leipold und Larson Kasper basiert. Das ganze wird in den Achziger Jahren spielen und behandelt die damals relevanten Themen: Politisch sind das zum Beispiel der kalte Krieg, Chernobyl und die Ausbeutung der dritten Welt. Von der Handlung her bedienen wir uns aus der Popkultur, man spielt zum Beispiel abenteuerlustige ArchäologInnen und Teams, die Geister jagen.

Wenn man den Teaser sieht (für den Sven Design und Musik umgesetzt hat), sollte man erkennen, wo es hingeht:

Wir sind mit einem Kernteam von neun Personen dran und rechnen mit etwa 30 Personen, die am Ende an der Veranstaltung mitarbeiten. Wir werden aufwändige Props und Kulissen haben, überlegen uns schon jede Menge technische Tricks und es wird vorab sehr viele schöne Aktionen geben, um die Mitspieler richtig gut einzustimmen. Aber dazu mehr, wenn es soweit ist. Spätestens am 1.Dezember wird man sich verbindlich anmelden können (um das nicht zu verpassen, gibts schon mal einen Facebook-Termin zum abonnieren) und auch mehr darüber erfahren, was einen erwartet.

Wie gesagt, ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert und dass Trailer, Webseite und Facebook-Page pünktlich online waren, befriedigte mich ungemein und wenn ich zufrieden bin, werde ich motiviert. Da ich während der Arbeit daran ohnehin schon mit Sven im Austausch war, habe ich also erwähnt, dass ich eigentlich auch endlich mal das Thema Podcast in Angriff nehmen könnte, jetzt wo es gerade so schön läuft. Da ich das seit fast drei Jahren versuche und auch schon zwei mal erfolglos angesetzt hatte, würde es auch Zeit, dass das endlich mal klappt. Meine Idee ist vor drei Jahren die gewesen, mich mit vielen unterschiedlichen Menschen zu unterhalten, die ich so kenne. Menschen, die tolle Sachen machen und sich mit interessanten Themen beschäftigen. Das kann eigentlich nur toll werden und das soll auch eher wirklich sich unterhalten sein, nicht interviewen. Das Problem war aber bei den vorherigen Versuchen, dass einfach zu viel Zeit ins Land geht, bis so ein Gespräch organisatorisch zustande kommt.

Was bislang gefehlt hat, war einfach eine Person, mit der ich eine Regelmäßigkeit erreichen kann, ohne dass das Aufwand macht und eigentlich bin ich bescheuert, dass ich nicht früher drauf gekommen bin, einfach meinen Bruder zu fragen, mit dem ich ohnehin mindestens ein mal die Woche einen Abend wegtelefoniere. Und so gibt es nun auch - endlich - den Podcast namens "We Know Kung Fu".

Ein Podcast und ein LARP am Start

Die erste Ausgabe ist sicher kein echtes Highlight, weil wir noch mit Technik kämpfen (zB das leichte Dröhnen in den letzten 15 Minuten meiner Spur, das einfach so plötzlich einsetzte obwohl es das die vorangegangenen eineinhalb Stunden nicht gab) und durch die Spontaneität der Aufnahme auch keine Vorbereitung stattfand. Aber das macht ja auch nichts, so viele Leute werden das ja noch nicht hören und bis sich das Publikum mal entsprechend vergrößert hat sind wir ja auch routinierter geworden, nehme ich an.

Aber wir haben gemerkt, dass uns das Plaudern liegt und wir das definitiv jetzt öfter machen werden. Allein bei diesem eher improvisierten Podcast, in dem es vor allem über die Diskussionskultur im Netz geht, sind uns schon drei oder vier weitere Themen eingefallen, die wir bereden können (Zum Beispiel, wie es in einem von katholischen Mönchsorden geführten Jungeninternat so zugeht).

August 29 2016

So ein paar Jahre

Wir kennen uns nun seit etwa 29 Jahren. Wir haben uns gut verstanden, konnten gut miteinander reden und haben angefangen, gemeinsam etwas zu unternehmen: Mal ein Konzert, mal eine Party, mal in ein Museum oder ins Theater und auch mal eine Reise nach Polen. Irgendwann auf dem gemeinsamen Weg war klar, dass wir wohl zusammen sind. Das passierte einfach, ganz langsam und ohne dass Du oder ich irgendwie bewusst in diese Richtung gedrängt hätten - zumindest nicht, dass mir das bewusst wäre. Manchmal hat einer von uns natürlich mal getestet, wo wir wohl stehen und haben es einfach irgendwann nicht mehr anders bezeichnen können. Das muss spätestens so Ende 1989 gewesen sein.

Wir haben studiert, Du in Koblenz, ich in Heidelberg. Ich bin regelmäßig zu Dir nach Koblenz gefahren und Du zu mir in unsere WG. Das war einerseits eine tolle Zeit, mit viel Freiheit (und dummerweise kaum Geld), neuen Freunden, interessanten Dingen zu tun... wir waren zusammen einen Monat in Ägypten und zwei der ersten, die die gerade erst für Touristen freigegebene Oase Siwa besuchen konnten. 1993 waren wir noch mal so lange in Syrien und Jordanien. Wir haben immer gut zusammen reisen können. Wir konnten überhaupt sehr viel gut zusammen machen. Ich fand das immer toll, wie Du Dich in neue Themen und Wagnisse gestürzt hast und habe mich hin und wieder dabei gefragt, ob ich Dir nicht irgendwann zu langweilig werde, weil ich mich nicht genauso spontan und enthusiastisch in Abenteuer stürze.

Das nächste größere Abenteuer war dann aber ein gemeinsames: Ein Kind zu kriegen, als Studenten mit 24 Jahren. Da waren wir aber schon eine Ewigkeit zusammen und für mich bestand da kein Zweifel, dass wir das schaffen. Ich glaube, für Dich auch nicht. Ich erinnere mich daran, wie schön die Schwangerschaft war. Wie Du vor dem Spiegel gestanden hast, wie wir Fotos gemacht haben. Und es war auch am Ende alles machbar. Alles hat geklappt. Aber wie schon vorher ist alles irgendwie passiert, nichts war geplant. Alles war im Fluss, hätte so oder anders kommen können, aber so wie es kam war es auch gut.

Wir haben dann heute vor 19 Jahren geheiratet. Sohn Nummer 1 war 4 Jahre alt. So lange hat es gedauert, bis wir irgendwie an dem Punkt ankamen, dass das mit dem heiraten wohl jetzt besser sei, denn es wird doch sonst ziemlich kompliziert - damals wäre es für mich sonst nicht mal möglich gewesen, ihn ohne eine schriftliche Vollmacht vom Kindergarten abzuholen oder zum Arzt zu begeiten. Haben wir halt geheiratet. Weder in weiß noch mit dem ganzen Pomp sondern so ein bisschen in unserem Stil: Axel und die Band spielen Irish Folk, wir organisierten eine bunte Mischung aus Kuchen und Häppchenbuffet, Achim verwandelte eine ziemlich triste Halle in einen großartigen, mit Schwarzlicht illuminierten Dschungel zum tanzen. Es war am Ende eine lockere Party, an die wir uns jedes Jahr erinnern, sobald sich Lady Dis Todestag jährt - denn die Nachricht von ihrem Unfall hörten wir brandfrisch gegen vier Uhr früh auf der Heimfahrt im Radio.

Wir haben beide einen Beruf gestartet. Wir haben das zweite Kind bekommen und sind umgezogen, weil die Wohnung zu klein wurde. Ich habe einen Job in Neu-Isenburg gefunden, als der alten Firma die Luft ausging. Mehr Geld, noch größere Wohnung. Aber es wurde dennoch irgendwie immer enger. Wir haben das nicht so gemerkt und ich überspringe die Details, weil ich schon mal darüber geschrieben habe. Wichtig ist aber: Auch da passierte das alles irgendwie. Auch da haben wir nicht bewusst geplant oder gelenkt, wo es hingehen sollte. Und irgendwann 2003 ging es eben auseinander.

Ich war eine Weile sauer auf die Situation. Und auf mich. Eine Weile ist eine Untertreibung, es war eine lange Zeit, die ich brauchte, um mehr zu tun als arbeiten zu gehen und mich um die Kinder zu kümmern. Ich war aber nur sehr selten auch sauer auf Dich. Ich wüßte gar nicht, was Du anders hättest machen können. Ich kannte Dich seit fast 15 Jahren, das warst einfach Du und Deine Entscheidung war für mich völlig nachvollziehbar. Ich fragte mich nur, ob ich etwas hätte anders machen können. Zum Glück nicht ewig, irgendwann konnte ich auch weitergehen.

Das schöne daran, dass wir uns so gut kannten war, dass wir uns in einer Sache einig waren und darüber - meine ich - nie ein Zweifel bestand: Wir wollten weiterhin gemeinsam die Kinder groß kriegen. Wir waren kein Paar mehr, aber wir blieben Partner. Ich bin Dir dankbar, dass Du immer unmissverständlich klar gemacht hast, dass wir beide die Eltern unserer Kinder sind und es auch immer bleiben werden. Und dass alles, was die beiden angeht, unsere Entscheidung sein wird, nicht eine von irgendwelchen unserer möglichen Partner. Ich habe versucht, mich ins Zeug zu legen wie ich konnte, um dem Gerecht zu werden und bin zuweilen meinen Grenzen sehr nah gekommen. Du hast dasselbe getan und hast im Versuch, alles unter einen Hut zu bekommen, die Grenzen Deiner Leistungsfähigkeit sogar überschreiten müssen.

Aber wir haben es irgendwie auf fast 30 Jahre geschafft. Erst als Freunde, dann als Liebespaar, eine Weile davon als Ehepaar und die letzten 13 Jahre als (ich hoffe meinerseits als verlässlicher) Partner. Da kann man mal den ollen Ehering anziehen und anstoßen. Wie jedes Jahr am 29. August. Auf die Freundschaft und die Liebe. Darauf, dass wir eine schöne Zeit hatten, die keiner von uns bereuen muss und darauf, dass Du immer ein Teil meiner erweiterten Familie bist und ich ein Teil der Deinen.

 

July 22 2016

Stop to oder everything: A call for runterkommen.

Es gibt so ein paar Dinge, die heute anders sind als zu meinen Jugendzeiten. Was allerdings nicht dazugehört ist, dass die Welt gefährlicher geworden ist, die Spinner (egal, wen ihr persönlich als Spinner anseht) kurz davor sind, die Welt übernehmen oder eine Generation einer anderen (meint: eurer) die Zukunft in ein Jammertal verwandelt.

Was anders ist, sind folgende drei Umstände:

1.

Die Geschwindigkeit, in der wir von allem möglichen, was so auf der Welt passiert, etwas mitbekommen hat sich extrem erhöht. Das bedeutet aber nicht, dass wir auch schneller wissen, was genau passiert ist. Wir wissen nur früher, dass es passiert ist. Früher haben wir Stunden später in der nächsten Tagesschau oder am nächsten Tag aus der Zeitung erfahren, was bekannt ist.

Bis dahin sind aber oft schon einige der Fragen beantwortet gewesen, die heute, wo wir quasi Sekunden später von einem Geschehnis erfahren, noch völlig offen sind und das einzige, was uns für Stunden berichtet wird ist, wie ratlos und ahnunglos Politiker, Polizei und andere Beteiligte sind. Die Phase, in der ein Sachverhalt geklärt wird, in der Aussagen als Fakten verifiziert oder als Gerücht falsifiziert werden, ist heute teil der News-Ticker, denn die müssen ja immer aktuell sein. Früher hat man von dieser Phase wesentlich weniger mitbekommen. Wenn wir das erste mal konkret informiert wurden was geschehen ist, gab es immer schon die groben Fakten dazu. Das führte zu einem gewissen Vertrauen, dass die Behörden ihre Arbeit machen.

Dadurch aber, dass wir nun live mitbekommen, dass für Stunden alle Fragen unbeantwortet sind, die Ermittlungen erst einmal in zehn falsche Richtungen gehen bevor sich ein klareres Bild ergibt und gleichzeitig aber schon zehn Minuten nach dem Ereignis Politiker oder "Experten" wissen sollen, was zum Geier wir denn jetzt nur tun sollen, führt das zu Verunsicherung und Misstrauen. Obwohl sich eigentlich an der Geschwindigkeit, in der sich die Welt verändert, nichts geändert hat.

2.

Man kritisiert ja momentan öfter mal, dass Soziale Medien uns erlauben, uns in Filterblasen zurückzuziehen, unliebsame Themen und Meinungen aus unserem digitalen Netzwerk herauszufiltern und uns in einer Echokammer einzurichten, in der wir nur noch unsere eigenen Ansichten bestätigen lassen.

Das allerdings ist - finde ich - eine gute Sache. Denn was uns die Digitalisierung beschert hat ist eine Transparenz, die wir früher nicht hatten: Wir bekommen plötzlich mit, wie Leute denken und sich äußern, die politisch auf radikalen Positionen stehen. Wir kriegen mit, wie viele Menschen welche - in unseren Augen völlig abwegigen - Thesen vertreten, an totalen Unsinn glauben und mit welcher Vehemenz für uns selbstverständliche Werte von anderen gehasst und verachtet oder was wir als Verirrungen und Vorurteile ablehnen von anderen geliebt oder verehrt wird.

Früher hatten wir, sorry für die Warner vor der Echokammer, wesentlich dichtere Filterblasen. Eigentlich haben wir die auch heute noch, außerhalb des Digitalen. Niemand käme auf die Idee, in eine Kneipe zu gehen, in der die Fans der gegnerischen Fussballmannschaft ihren Stammtisch haben. Kein Mensch kommt auf die Idee, auf einer Party Musik zu spielen, die nicht zu den Gästen passt (und dann zu sagen, man müsse sich doch auch die anhören, um ein toleranter Mensch sein zu können). Wenn ich ein Familienfest mache, lade ich nicht meine Arbeitskollegen ein. Ich habe Freunde, von denen ich weiß, dass sie sich nie verstehen würden, also treffe ich mich nie mit beiden gleichzeitig. Wenn ich beruflichen Smalltalk führe, rede ich im Normalfall nicht über Politik oder Religion.

Und: Wir gehen Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, aus dem Weg. Bewusst und - bedingt durch Sozialisation, Kompetenzen, Wohnort, besuchte Schulen Studien- oder Ausbildungsplätze - zu einem erheblichen Teil unbewusst. Wir geben uns nicht freiwillig mit Menschen ab, die wir verachten und wir suchen aktiv die Nähe zu denen, die wir bewundern oder mit denen wir uns verbunden fühlen.

Das Praktizieren dieser sozialen Konventionen schützt uns vor Stress und hilft uns, konstruktiv zu sein. Es immunisiert uns und macht "unsere" Welt überschaubar, vertraut und vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit. Es macht uns andererseits natürlich auch ignorant und hilft uns nicht, unsere Wahrnehmung zu korrigieren (zum Beispiel wenn es um Privilegien geht), Fehler zu entdecken und Voruteile abzubauen.

Aber: Was viele Menschen momentan in der digitalen Welt (und hier ist diese noch sehr getrennt von der echten Welt) erleben ist eine Kakophonie an Unterschieden, die sie vorher nie in dieser Menge und Wucht wahrgenommen haben. Sie werden konfrontiert mit tausenden sich zum Teil in unvereinbarer Absolutheit widersprechenden Ansprüchen, Weltbildern, Lebenseinstellungen und Wertekatalogen. Ihnen werden von allen Seiten Forderungen gestellt, die nie zufriedenstellend erfüllt werden können, weil zum Beispiel Informationen ungleich verteilt sind und die nötige Bildung und Sozialisation fehlt. Und selbst wenn man einige erfüllen kann, wird man dann von denen kritisiert, die die gegenteiligen Forderungen stellen.

Daher muss man auch in der digitalen Welt lernen, sich zu distanzieren, Filter zu setzen, Abstände einzubauen und sich abzugrenzen. Das ist erst mal nichts schlimmes, das haben wir schon immer so gemacht, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Wenn ich allen zuhören muss, höre ich vor lauter Lärm gar nichts mehr. Wenn ich mich verständlich machen will, muss ich Wege finden, nicht erst mal schreien zu müssen, um das ganze Rauschen zu übertönen (weshalb ich nicht in unmoderierte Medienforen kommentiere).

In dieser Phase befinden wir uns gerade und ich gehe davon aus, dass wir lernen, den Mittelweg aus Ignoranz und Offenheit zu finden, der uns dieselbe Sicherheit im Leben erlaubt, wie wir sie früher ohne digitale Kanäle erreichen konnten.

3.

Einer der häufigsten Gründe für mich, irgendwo etwas zu kommentieren, auf Twitter ein Reply zu schreiben oder jemanden anzusprechen ist mit der Frage verbunden, warum das Wort "oder" in einem Argument auftaucht. Ich habs an anderer Stelle schon mal versucht, zu beschreiben: Woran liegt es, dass man heute viel häufiger vor binäre "entweder - oder" Fragen gestellt wird, obwohl es weder notwendig ist, sich ausschließlich für eine der beiden vorgeschlagenen Alternativen zu entscheiden noch diese beiden Möglichkeiten die einzigen Lösungswege darstellen?

Beim Brexit wurde gefragt "In or Out", anstatt dass man sich alle Möglichkeiten überlegte, die für das Land möglich sind, die Implikationen erklärte und dann eine wirklich informirte Entscheidung über drei, vier oder noch mehr gangbare Alternativen möglich gewesen wäre, die nicht eine Spaltung der Nation verursacht hätte.

Denn das tun diese schwarz-weiß Argumentationen, in denen es imm nur um entweder/oder geht. Die Zustimmung zum Einen impliziert immer die Ablehnung des Anderen. Was dazu führt, dass es nie das gibt, was eine Demokratie ausmacht und eine diverse Gesellschaft befähigt, Unterschiede zuzulassen: Kompromisse.

Aber auch unsere Handlungsfähigkeit wird dadurch extrem eingeschränkt. Man kann nicht mehr ausprobieren oder testen. Man kann es nur noch richtig oder falsch machen. Und ob etwas richtig oder falsch ist, beurteilen die anderen. Selbstverständlich sind richtig und falsch dann auch noch absolut. Das heißt, was für mich richtig ist, kann für jemanden anderen auch nur richtig sein. Was ja Unsinn ist, denn jeder Mensch befindet sich ja in einer anderen Position, hat andere Stärken und Schwächen, folgt anderen Interessen oder Weltanschauungen und verfügt über andere Möglichkeiten (zb Geld, Bildung, Kontakte, Körpereigenschaften).

Das ist ein Problem. Und es gibt ein weiteres: Sobald man Verständnis - nicht etwa Zustimmung - für eine Ansicht zeigt, steht man schon auf der Gegnerseite. Denn eine Welt aus "oder" kennt ja nur Gegensätze. Die "oder" Welt erlaubt keine Alternativen, die das Problem für beide Seiten lösen und keinen Kompromiss, mit dem alle leben könnten. Geschweige denn, einen Pluralismus, der den anderen einfach ihre Meinungen, ihre Lebensstile, ihre Sexualität oder ihre geliebten Freizeitbeschäftigungen haben lässt, die ich für mich eventuell ablehne, mit denen ich aber gar keine Berührung habe. Keine Homoehe macht eine Heteroehe ungültig. Keine Religion befindet darüber, woran ich glaube und woran nicht. Kein Pokemon-Go Spiel installiert sich automatisch auf mein Handy und zwingt mich, kleine Monster zu fangen. Allerdings würde ich, wenn ich es täte, auch nicht automatisch verblöden.

Denn ein weiteres Problem, das es nur in der "oder"-Welt gibt ist, dass wer das eine tut, das andere automatisch nicht tut. Die "Oder"-Welt besteht nur aus "anstatt". Ein "sowohl - als auch" ist darin ausgeschlossen. Ich kann aber sowohl Computerspiele genießen als auch lange Wanderungen machen. Ich kann mich sowohl über Umweltschutz informieren und entsprechende Maßnahmen treffen als auch mit ner Tüte Chips einen schnulzigen Liebesfilm anschauen. Ich kann mich sowohl kritisch zu bestimmten Vorgängen in den USA äußern als auch zu bestimmten Vorgängen in Russland und gleichzeitig sogar an beiden Ländern viele Dinge mögen. Ich kann mich sowohl für die Stärkung der EU einsetzen als auch Kritik an ihrer Finanz- und Austeritätspolitik äußern. Denn eigentlich ist die Welt eine "und"-Welt. Aber das scheint man leider etwas vergessen zu haben.

In einer "und"-Welt kann man plötzlich Verständnis entwickeln, ohne dass das eine Zustimmung ist. Man kann Empathie haben und gleichzeitig seine Sympathie oder Antipathie behalten. Man hat plötzlich immer mehr als nur zwei Optionen.

(Mia und ich auf der re:publica - beim alles nicht so Ernst nehmen.)

Fazit:

Das sind drei Umstände gewesen, die heute anders sind als früher. Zumindest in meinem Leben und in meiner Wahrnehmung. Ich habe sie weder umfassend betrachtet noch sind diese drei Punkte die einzigen. Es sind nur die, die mir in letzter Zeit verstärkt auffielen.

Gibt es daraus eine Erkenntnis?

Ich glaube schon. Zum Beispiel die, dass die Welt nicht komplizierter geworden ist, sondern nur lauter und dass wir es selbst in der Hand haben, die Lautstärke wieder auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Man muss nicht jedem Liveticker folgen, wenn man die Unsicherheit schlecht aushält. Man muss sich nicht mit allen Menschen, ihren Meinungen und ihren Diskussionen beschäftigen, wenn einen das lähmt, ängstigt oder ärgert. Man muss nicht entweder alle Ereignisse verfolgen und jeden Menschen akzeptieren oder sich völlig abschotten und nur noch mit gleichgesinnten sprechen. Man kann sich auch seine ganz persönliche Komfortzone einrichten, indem man hier ein wenig und dort etwas mehr reguliert. Man kann mit angenehmerer Lautstärke beginnen, nicht alles in Hitler oder Jesus einzuteilen. Man kann seine Geschwindigkeit anpassen, man kann aufhören, binäre Fragen zu beantworten und stattdessen beginnen, zu überlegen, ob sie überhaupt relevant sind und wenn ja, wie die besseren Antworten lauten, die irgendwo zwischen Ja und Nein liegt.

Man kann mal runterkommen und kapieren, dass runterkommen nicht dasselbe ist wie Ignoranz, nur weil runterkommen in der schwarz-weiß Welt nicht auf der "Oh Gott, wir werden alle sterben wenn wir nicht sofort was tun!"-Seite steht.

Und am Ende geht es einem besser, man ist immer noch gut informiert, hat Zeit für die Dinge, die einem wichtig sind und hat immer mehr als nur zwei Optionen.

May 27 2016

Wie das ist wenn man sich als Internetdings selbständig macht...

Keine Sorge, ich rede nicht über finanzielle Änderungen, Steuern oder Arbeitszeiten. Das kennt man ja. Nein, ich möchte darüber reden, dass ich bemerkt habe, wie sich mit diesem Schritt meine Online-Persönlichkeit verändern muss. Denn es haben sich mit diesem Schritt doch ein paar wichtige Grundlagen dafür verschoben, wie ich mich bisher professionell bzw. halbprivat darstellte.

Bisher habe ich als Blogger bzw einer dieser halbwegs zumindest szenebekannten Online-People eine strikte Trennungspolitik zwischen beruflichen und privaten Aktivitäten gefahren. Was vielleicht ganz easy aussah, aber in wirklichkeit nicht so einfach war, denn in beiden Feldern war ich ja in digitalen Themen unterwegs. Ich habe mir nämlich immer überlegt, wie ich meine "Businesspersona" und meine Netzpersona so weit auseinanderhalte, dass ich in meinem Beruf nicht anecke - sei es in der Firma oder bei Kunden - als auch dass mein Beruf mich nicht davon abhält, dennoch all die Dinge online zu tun, die ich nun mal gerne tun will.

Das hab ich ganz gut hinbekommen in den letzten 15 Jahren. Obwohl ich hin und wieder auch mal zeitweise etwas sichtbarer gewesen bin, sei es in Sachen Klowände des Internet, Euroweb, Zensursula, den diversen Twitter-Fakeaccounts oder Facebookparties und bei durchaus kritischen Podcast, hat es nie deswegen bei Kunden oder Arbeitgebern Schwierigkeiten gegeben. In der anderen Richtung habe ich meine Arbeitgeber und Kunden nicht ein mal zum Thema gemacht oder genannt. Diese Trennung hat also super funktioniert, sie erschuf einen so großen Abstand zwischen meinen beiden Persona, dass sie sich nie gegenseitig ins Gehege kamen.

Allerdings war diese Trennung natürlich sehr künstlich: Eigentlich habe ich in meiner Arbeit sehr oft dieselben Grundphilosophien genutzt, wie ich sie im onlineaktivistischen Rahmen ansetzte. Transparenz, die Auflösung von Hierarchien, Enablement, Auflösung von Schwellen und Diskriminierung... das sind genauso Themen, wenn es um digitale Strategien, Interaktionskonzepte, (digitale) Bedienbarkeit von Prozessen und nicht zuletzt auch um Marketing und Kampagnen ging, vor allem in Sozialen Medien. Ich habe meine Grundsätze bei einem Schulungskonzept einer Supportabteileung eines Telefonkonzerns vermittelt, bei der Idee eines Game-Based Learning Tools für Menschen die an Fließbändern arbeiten und vertrat diese Philosophien offensiv in meiner Funktion als Führungskraft.

Und nun, als selbständiger Berater, muss ich - nein will ich - diese Trennung aufheben. Denn natürlich sind auch meine "Netzkapriolen" nicht einfach nur aus Spaß entstanden:

Tweets von Wagner zum Beispiel ist ein Proof of Concept dafür, dass ich einen Twitterkanal aufsetzen kann, dem freiwillig alle Journalistinnen und Journalisten folgen: Eine Multiplikatorengruppe, nach der sich jeder PR-Manager die Lippen leckt. Und es hat funktioniert: Über zwei Drittel der knapp 3000 Follower sind Medienmenschen.

Der "Angriff" auf Euroweb damals war der Versuch, die Kritik an einem Geschäftsgebaren sichtbar zu machen, das offensichtlich viele Kunden in große Nöte brachte und wenn diese versuchten, sich auf Foren darüber auszutauschen wurden die Forenbetreiber mit Abmahnungen gezwungen, diese öffentliche Auseinandersetzung zu verhindern. Daher habe ich damals eine Reaktion provoziert, die das Thema in die wesentlich dezentralere Blogosphäre brachte. Inzwischen findet man doch einige Informationen, die auch stehen bleiben.

Die Facebookpartys bei der CDU entstanden damals aus dem Ärger darüber, wie Politiker es immer wieder schaffen, aus Nichtigkeiten große Themen im Sinne ihrer Agenda zu kreieren: In diesem Fall gingen sie mit der scharfen Forderung nach einer Kriminalisierung von Jugendlichen in die Medien, deren Partys, zu denen sie per Facebook eingeladen hatten, aus dem Ruder liefen, weil irgendwelche Leute es lustig fanden, ihre Veranstaltung zu crashen. Sprich: Ausgerechnet an den Opfern von Bullying wollte man ein Exempel statuieren. Die Idee, die ich mit einer Kollegin während der Mittagspause in die Tat umsetzte war einfach und effektiv: Wir suchten nach CDU-Veranstaltungen mit offenen Einladungen, luden alle Freunde ein, baten diese, auch ihre Freunde einzuladen und die Veranstaltungen möglichst absurd, aber "bedrohlich" zu kommentieren. Das Ziel war, der CDU ihr Law-and-Order Sommerlochthema so aus der Hand zu nehmen und es ist uns offenbar nachhaltig gelungen, da sie es seitdem nie wieder angefasst haben.

Das alles kann man - wie mir jemand auf der re:publica letztens sagte - gut unter dem Begriff Social Engineering laufen lassen (zugegeben, eine kleinere und digitale Variante gegenüber der offiziellen Definition von Popper). Es sind möglichst unaufwändige soziale Hacks, die Themen aber mit massivem Druck in die Öffentlichkeit bringen oder Reaktionen manipulieren, gerade in Medien. Und das nicht heimlich oder mit Marketingtricks sondern immer mit möglichst offenen Karten: Der Effekt jedenfalls ist im Nachhinein jedem klar, der sieht was ich gemacht habe und wie die Sache sich entwickelt hat. Daher habe ich auch lange geglaubt, dass das alles gar keine Kunst ist, interessanterweise aber höre ich im vorneherein seltener ein "Ja, das ist ja zu erwarten." Anscheinend mache ich also was richtig, was viele mit wesentlich mehr Aufwand und dennoch weniger Erfolg versuchen.

Nur habe ich eben jetzt dieses Problem: Wie bekomme ich den bisherigen Profi-Jens mit dem Internetdings-Jens zusammen? Wahrscheinlich so, wie ich vieles mache: Mit einem Schritt nach dem anderen und evolutorisch. Ich bin jedenfalls gespannt, wie meine "neue" Persona am Ende aussieht...

May 07 2016

re:publica mon amour

Die Sauna wars. Ganz klar. Die Sauna. Die Antwort auf die Frage, was mein Highlight gewesen ist, dieses Jahr auf der re:publica.

Nicht, weil sie irgendwie schräg war oder irgendwie gar nicht reinpasste oder ein gelungener Gag. War sie nämlich nicht: Sie passte so genau und harmonisch in mein Bild, in meine Beziehung zur re:publica, in meine Liebe zur re:publica wie nichts anderes dort. Denn es war eine echte Sauna, kein Fake, keine Sauna light, kein Marketinggag vor dem man ein Foto macht, die aber in Wirklichkeit nur Staffage ist. Man musste sich drauf einlassen, um sie zu genießen: Zwei Durchgänge, 95 Grad, Aufgüsse, kalte Dusche dauerten eine Stunde, in der man schwitzte, sich gut unterhielt, ausruhte, die Hektik vergaß und den Party-Abend einleitete.

Und wie das Abschlusssingen wünscht man sich sofort, dass sie ab jetzt für immer da ist. Wie konnte man nur so lange ohne Sauna re:publica machen? Selbst wenn 7950 Menschen vielleicht sogar bis zum Ende gar nicht bemerkten, dass es sie überhaupt gab. Diese Sauna war für mich das, was die re:publica von allen anderen Konferenzen unterscheidet, denn sie stand einfach nur im Hof, mit netten Menschen dabei, unaufdringlich, authentisch im eigentlichsten Sinne des Wortes. Nichts für alle, aber für alle die sich darauf einließen.

Und die Verbindung zu den wichtigen Themen liegen auf der Hand: Privatsphäre, Entblößung in der Öffentlichkeit, Echtes und Unechtes, soziale Interaktion ohne Kleidung an und ob das wohl gut geht? Wir twitterten Jeff Jarvis Fotos und machten ihn neidisch. Es lag so nahe, denn 2010 war er in Berlin und erzählte, wie er in der Deutschen Sauna saß und sich über die Deutsche Offenherzigkeit wunderte, wo man hier doch so seltsam heftig auf Privatsphäre poche. So schließt sich der Kreis, oder besser: So hängt alles irgendwie zusammen.

Meine Liebe zur re:publica ist leicht zu erklären, denn sie funktioniert so, wie Liebe nun mal funktioniert. Erst ist man verknallt und wenn es nach den Funken warm bleibt, geht man eine echte, tiefe Beziehung ein. Man freut sich, wenn sie Erfolg hat, als wäre es der eigene Erfolg. Man sieht die Fehler und Unzulänglichkeiten, erkennt sie aber als Charaktereigenschaften an. Man schimpft mit ihr und klatscht sich an die Stirn, wenn sie sich mal dumm benimmt und ist erleichtert, wenn sie eine ehrliche Entschuldigung ausspricht (Stichwort #cheesegate). Und man lässt sie machen, denn sie gehört einem nicht. Ich vertraue darauf, dass sie - auch wenn sie sich von dubiosen Konzernen sponsoren lässt oder fünf mal den eigentlich selben Vortrag ins Programm nimmt - am Ende immer doch das tut, was sie für richtig hält, denn das ist ja das, wofür man sich in jemanden verliebt hat.

(Foto: FIT)

Und die Sauna zeigt mir stellvertretend für so vieles andere über das ich eventuell auch noch mal schreibe, dass sie - obwohl sie inzwischen so erfolgreich, groß und wichtig geworden ist - immer noch sie selbst ist und an mich denkt (Ok, und weil ich dieses Jahr wieder über ein vermeintlich totales Nerd-Thema reden durfte.).

Dafür, meine liebe re:publica, dass Du Dich ständig änderst, aber nie anders wirst. Dafür, dass Du inzwischen so ein stabiler Fixpunkt bist, der mir jedes Jahr Glück und Energie bringt. Dafür dass ich ein kleiner Teil deiner munter wachsenden Familie sein darf, danke ich Dir.
Dein treuer Freund.

April 19 2016

Warum wir gar nicht so dringend wieder Privates auf Facebook posten sollten

Ich bin inzwischen zum dritten Mal auf den Artikel in Wired gestoßen, in dem beklagt wird, dass "wir" uns ja so sehr an die Optimierungsgesellschaft angepasst hätten, dass das ehemals total persönliche und nette Zusammensein auf Facebook zurückgegangen ist, weil "wir" nicht mehr die einfachen kleinen privaten Meldungen posten, sondern nur noch perfekt gestylte Momente, Links die uns klug und wichtig aussehen lassen und normierte Sinnsprüchlein oder Comics zur allgemeinen Belustigung veröffentlichen.

Jedes Mal dachte ich mir dabei, dass ich den Artikel nicht gut finde. Was seltsam ist, denn eigentlich erscheint mir die Aussage ja vordergründig richtig: Die Regeln des Content Marketings, die alle Inhalte im Netz - ob nun auf sozialen Netzwerken, auf Newsseiten oder in halbwegs privaten Blogs - irgendwie optimiert und gestreamlined haben, bieten einem ja wirklich inzwischen ein arg eintöniges und gleichförmiges Bild. Die Timeline sieht jeden Tag aus wie die des Vortages und der "Mix" ist auch derselbe.

 

Ich glaube dennoch, dass die Autorin daneben liegt, sowohl mit der Ursache dafür, dass es so aussieht wie es aussieht ("wir" posten nur noch Schmockzeug) als auch mit der Idee einer Lösung ("wir" müssen wieder anderes Zeug posten). Denn die Ursache sind nicht "wir".

Ich habe - der Einfachheit halber mal ignorierend, dass Facebook noch nie die erste noch die beste Stelle war, um öffentlich über private Dinge zu schreiben - mir mal die Walls einiger Freundinnen und Freunde angesehen, von denen ich weiß, dass sie genau das tun, was im Artikel verlangt ist: Meldungen über den morgendlichen Kater, Fotos aus dem Hinterhof, Klagen über den Paketzusteller, das lustige Missgeschick von eben, das verwackelte Bild von der Familienparty, die Sorgen über diese unerwartete Rechnung und so weiter.

Was ich festgestellt habe waren zwei Dinge: Entweder posten sie diese Dinge noch immer genau so, wie schon vor Jahren, auf ihre Facebook-Wall oder sie schicken solche Mitteilungen inzwischen über private Familien-/Freundes-Gruppen und PNs. Bzw. sie nutzen inzwischen andere Netzwerk- und Messagingsysteme neben Facebook dafür, die es früher nicht gab, aber eben eine viel genauere Differenzierung der Privatsphäre erlauben. Aber egal wie, ich erhalte von allen immer noch genausoviel oder sogar mehr private Inhalte wie früher.

Was bedeutet: "Wir" haben gar nicht aufgehört, private Momente zu teilen. Einige haben lediglich aufgehört, sie mit der ganzen Welt zu teilen. Etwas, was sie ohnehin nie vorhatten, aber aus zwei Gründen für eine Weile ok war: Erstens war man auch öffentlich noch eine ganze Weile "unter sich" weil noch längst nicht alle Welt  in Netzwerken (ob informell wie unsere Blogs in den ersten 10 Jahren der 2000er oder formell wie auf Twitter, OkCupid, Facebook und so weiter) unterwegs war und zweitens gab es die besagten neuen Messaging-Community-Dienste noch nicht, die eine bessere Differenzierung und Filterung ermöglichen, wer was zu sehen bekommt.

Was aber inzwischen auch passiert ist: Facebook erweiterte sich von einem Netzwerk für Privatmenschen und ihrer Freundeskreise zu einer breiten Plattform für die Interaktion mit Firmen, Geschäften, Parteien, Aktivitäten, Themen, Produkten und Persona (also Menschen, die ein nicht privates, öffentliches Profil zeigen: Beraterinnen, Künstler, Autorinnen, Handwerker,...). Diese Inhalte füllen inzwischen meine Timeline zusätzlich, und zwar mehr oder weniger davon abhängig, wie viele Seitenprofile ich like, wie vielen Persona ich folge und im Vergleich dazu wie wenige "echte" Menschen ich in der Freundesliste habe.

Das bedeutet, die Autorin sollte eventuell mal ausprobieren was passiert, wenn Sie ein paar ihrer Likes auf Firmenseiten und Profiprofilen entfernt. Sie könnte feststellen, dass sich ihre Timeline plötzlich wieder mit viel mehr privaten Meldungen ihrer Freunde füllt. Wenn sie dann noch die ganzen Bildchen-Share-Seiten konsequent blockt, sobald mal eins auftaucht, wird es sogar noch besser. Da Facebook die Timeline ja "in unserem Interesse" mit dem, was angeblich für uns wichtig oder interessant sei, vorsortiert, spült es uns eben immer mehr von dem Zeug hinein, das gar nicht von unseren Freunden kommt sondern eben jenen Content, der genau auf die Kriterien zugeschneidert ist, von dem Facebooks Algorithmus annimmt, dass er qualitativ hochwertiger ist als die orthografisch nicht ganz korrekten Oneliner, die mein bester Kumpel schreibt, die ich aber in Wirklichkeit dennoch viel lieber gelesen hätte.

Soweit die Ursachen. Wie siehts mit der Lösung aus? Mehr privates posten? Wie gesagt, "wir" posten ja gar nicht weniger privates als früher. Aber was ist mit dem Argument, dass der Anteil der Menschen zurückgegangen ist, die private Meldungen verfassen? Von 40 FreundInnen haben das früher 30 regelmäßig getan, von jetzt 150 nur 35. Das Verhältnis ist also gesunken. 

Ja. Aber eventuell sind in den letzten Jahren eben auch jede Menge Menschen auf Facebook hinzugekommen, um sich mit Freunden und Verwandten zu verbinden, die aber gar nichts schreiben, weils ihnen gar nicht darum geht oder noch nie darum ging. Das sind die Leute, an denen die Blog-Ära komplett vorbeizog, weil sie zu dieser Zeit überhaupt nichts im Netz gemacht haben ausser sich mal Infos über den Urlaubsort zu googlen. Die auch nie ein Interesse daran hatten, irgendwas privates öffentlich zu machen. Denen dieser ganze öffentliche Exhibitionismus nie was gesagt hat oder die ihn sogar doof fanden.

Von denen hab ich vor Facebook nie was im Netz gelesen und seit sie in Facebook sind, auch nie. Aber sie benutzen persönliche Messages, um mich zu ihrem Geburtstag einzuladen und mir zu meinem zu gratulieren und sie schreiben Dinge wie "Ist das nicht toll, dass wir jetzt so einfach Kontakt halten können?". Weil es das ist, was sie auf Facebook tun. Nur eben nicht öffentlich.

Und weiter: Da Facebook inzwischen kein Vereinsheim, Unimensa, Stammkneipe oder der Cliquen-Bus ist sondern ein großes Einkaufs- und Servicezentrum ist, erinnern sich viele Menschen gar nicht daran, wie es "früher" war, als es noch keine Firmenseiten, Newsservices, Entertainmentbereiche und allgegenwärtige Werbung gegeben hat. So lange ist der größere Teil der Facebook-Nutzer nämlich noch gar nicht dabei. Aber so ist Nostalgie, so wie die Autorin sich die Zeit zurückwünscht, in der man sich auf Facebook "unter sich" gefühlt hat, so denke ich mit wohliger Erinnerung an die Zeit zurück, als Blogs noch per Blogroll vernetzt waren und man jedes Blog an seinem individuellen aussehen erkannte. Das hat sich eben geändert - manchen zum Guten, manches zum Schlechten.

Also: Ich glaube nicht, dass die Autorin schon so alt ist, dass sie sich nicht mehr mitverändern kann. Dass sie mal schaut, ob die Geschichten, die sie vermisst, nicht einfach inzwischen wieder irgendwo anders sind als auf Facebook. Oder ob ihr Bedürfnis nach mehr Nähe und Privatheit mit ihren Freundinnen und Freunden nicht durch viel passendere und intimere Dienste viel besser abgebildet werden.

Wenn "wir" irgendwas müssen, dann diesem Bedürfnis nach privatem Kontakt und Vernetzung folgen und wenn Facebook das nicht mehr erfüllt, dann suchen wir uns eben neue Wege dafür.

DAS haben wir nämlich schon immer so gemacht.

 

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