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December 12 2014

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Elite: Dangerous - Anflug und Landung auf einer Raumstation

November 17 2014

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Making of Gabriel Knight - Sins of the Fathers (1994)
LARP und Social Media

November 09 2014

Mein 9. November und das Wort, dass ich am Ende des Tages hassen gelernt habe


(Bild von Twitter, ich reiche die Quelle nach, ich finde sie nämlich gerade nicht mehr)

Ich hatte den gesamten Umbruch in Europa relativ gut mitbekommen - zumindest was die offizielle Berichterstattung angeht, denn es gab ja noch keine Alternativen, geschweige denn ein Internet, in das Menschen das, was sie gerade erlebten, direkt reinschreiben hätten können. Aber da bei uns der Fernseher abends quasi immer an war, gab es wenig weltbewegendes zu verpassen.

Außerdem sind Astrid und ich im Sommer des Jahres 1989 knapp zwei Wochen in Polen gewesen und haben dort schon einiges von dem vorweg spüren können, was in den folgenden Monaten kam. Dort war der Umbruch nicht nur zu spüren, sondern schon lange in vollem Gange - wir hatten ja sogar den direkten Vergleich, da wir 1988 schon einmal in Polen gewesen sind. Letztendlich war das, was danach in Ostdeutschland passierte, daher für uns keine so große Überraschung, allerdings war der 9.11 durchaus dennoch ein Ausnahmetag. Den verbrachten wir weit weg von Berlin (Astrid als Au Pair in London und ich als Zivi in Pforzheim) vor dem Fernseher und schauten uns die Bilder an von den geplatzen Grenzen, durch die plötzlich unglaubliche Mengen Menschen strömten.

Ich erinnere mich an einen Gedanken, den ich dabei hatte: Was wäre eigentlich gewesen, wenn diese vielen Menschen schon viel früher mal auf die Idee gekommen wären, einfach mal über die Grenze zu spazieren, so wie sie es an diesem Abend taten? Sekt und Blumen in der Hand, die Grenzer einfach ignorierend? Ich meine, da standen die Leute plötzlich auf dieser Mauer. Die plötzlich überhaupt kein Hindernis mehr war - von einem Augenblick zum anderen. Warum hat dieses Ding nochmal Jahrzehnte so viele Menschen in Schach halten können? Angesichts der Bilder hatte ich auf diese Frage überhaupt keine logische Antwort mehr: Das Ding stellte doch überhaupt keine Gefahr dar. Die war ja offensichtlich nicht mal besonders hoch. Wie konnte diese Mauer innerhalb von ein paar Stunden ihre Macht komplett verlieren?

Letztendlich aber war ich nicht sonderlich emotional bei der ganzen Geschichte. Wir hatten Bekannte in der DDR - das Ostsee-Foto im letzten Blogartikel ist an einem unserer Besuche in Rostock entstanden - und natürlich freute ich mich darüber, dass dieses seltsame Gebilde da drüben, diese DDR, und überhaupt dieser kalte Krieg mit dem wir aufgewachsen sind und der immer irgendwie da war, ein Ende hat. Allerdings ging das ja schon früher los. Die DDR war ja zu dieser Zeit schon länger angezählt: die UdSSR war ja schon lange auf einem Reformpfad, der die Richtung vorgab. Auch die Proteste und die Reformkräfte in Ostdeutschland waren ja schon wochenlang in den Medien, ohne die Russen war sowas nicht mehr zu stoppen und Gorbatschow hatte kurz zuvor auch Honecker gegenüber klargestellt, dass diese Zeiten vorbei sind.

Vielleicht also - und das hab ich mich bei so manchen Rückblicken und Jahrestagen der letzten 25 Jahre öfter mal gefragt - ist es manchmal besser, gar nicht mal so gut informiert zu sein, um die emotionale Wucht eines solchen Ereignisses erleben zu können. Ja, es war ein toller und spannender Tag. Aber die einzige wirklich heftige Emotion, an die ich mich erinnere, war dass ich nach zwei Stunden das Wort "Wahnsinn" echt nicht mehr hören konnte. Denn das wars definitiv nicht, auch wenn jeder Mensch, der an diesem Abend ein Mikrofon ins Gesicht gehalten bekam, dieses Wort benutze.

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November 05 2014

Alte Bilder - die Siebziger

Ich digitalisiere gerade alte Fotos. Gar nicht leicht, die Dinger sind echt ganz schön vergilbt und unscharf, was im Fotoalbum nicht auffällt, aber als Scan sofort problematisch wird. Egal. Ich wollte einfach mal schauen, ob ich mich an sehr alte Zeiten noch erinnern kann. Als Kind und junger Erwachsener konnte ich das nämlich sehr gut, aber tatsächlich ist mir vor allem in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren einiges abhanden gekommen.

Ich vermute deswegen, weil sich die Welt insgesamt immer mehr von der meiner Kindheit unterscheidet und dadurch Anknüpfungspunkte verloren gehen, die einem geholfen haben, die Erinnerungen aktuell zu halten. Zum Beispiel gibt es keine 2CV oder VW Käfer mehr auf der Straße. Oder Telefonhäuschen. Oder die Kinos mit den Steckbuchstaben über dem Eingang... in der Welt um mich herum findet sich kein Anker mehr, der die Gedanken in die Siebziger oder die frühen Achtziger erleichtert. Solche Gebäude, Gegenstände oder Szenen finden sich inzwischen nur noch auf den alten Fotos.

Das hier zum Beispiel (ich bin links - nehme ich an, denn die Faustregel meiner Eltern bei Fotos ist immer "Mund zu ist Jens" gewesen. Allerdings ist es hier auch recht einfach, meinen Bruder zu erkennen): Mit diesem T-Shirt habe ich haufenweise Erinnerungen. Nicht nur der Urlaub an der Ostsee in der DDR (müßte 1977, spätestens '78 gewesen sein - Brille bekam ich erst 79) wo das Foto entstand, auch Besuche in Tiergärten und auf einem Bauernhof, Fahrradfahren im Sommer und Schulferien in der Rhön hängen da dran.

Dass die Hosen irgendwie seltsam sind oder wie sich diese Sandalen trugen ist dagegen nicht machvollziehbar. Dazu gibt es keinen Bezug mehr. Es gibt allerdings Hosen und Schuhe, an die ich mich genauso gut erinnere wie an dieses T-Shirt. Es ist echt seltsam, an was sich Erinnerungen heften.

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October 19 2014

Liebes Tagebuch...

Wie es ja immer so ist: Wenn ich viel Zeit habe, schreibe ich viel. Wenn ich viel arbeite oder unternehme, schreibe ich wenig. Momentan schreibe ich sehr wenig, was dann wohl im schlechtesten Fall  bedeutet, dass ich wahnsinnig viel zu tun habe oder im besten Fall echt viel unternehme. Wahr ist: Ich hab dieser Tage einerseits viel zu tun und unternehme andereseits auch recht viel. Die Mischung ist anstrengend, aber ok. Um dann doch nicht ganz den Anschluss zu verlieren, hier nun in Kurzform, was ich in den letzten Wochen so treibe:

Erst mal hab ich zum Anfang Oktober den Arbeitsplatz gewechselt. Nicht weit weg, ich bin immer noch in der UDG, aber nun beim Consulting. Das ist ein wenig wie zurückkommen, denn ungefähr an der selben Stelle waren wir schon mal vor etwa vier Jahren und das fühlt sich ganz gut an, nachdem das irgendwann aber lassen wir das. Da sich das letzte Jahr ohnehin schon so entwickelt hatte, dass ich die meiste Zeit in Beratungsprojekten unterwegs war, was das zwar von außen gesehen wahrscheinlich ein recht kurzer und logischer Schritt, aber ich fühlte mich in den Monaten zuvor ständig irgendwie zwischen den Stühlen und nie so richtig passend.

Die erste Hälfte des Oktobers verbrachte ich dann auch direkt mal nahezu komplett unterwegs, von Hamburg bis Wien und die letzten Tage bis gestern auch ein Stückchen darüber hinaus. Nie zu Hause zu sein ist allerdings auch nicht mein Traum, ich denke aber, wir bekommen die richtige Mischung hin.

Zwischen der Arbeit passieren aber auch Dinge. Sehr schöne auch, wie zum Beispiel das Releasekonzert für die neue Singvögel-CD Westwind von Karan, Duke und Sven, zu dem ich Frauke und Lewin mitgeschleppt habe. Da der Mann am Mixer ausfiel, hab ich das übernommen - ich mag es ja, wenn ich mich nützlich machen kann - und nach über zwei Stunden Konzert war ich dann auch wieder derart angefixt von der ganzen Stimmung, dass ich mich entschieden habe, mir sobald wie möglich ein ordentliches Stagepiano zu besorgen, um nicht immer nur im stillen Kämmerlein Musik zu machen.

Das war allerdings nicht die einzige Verantaltung, die ich in den letzten Wochen besucht habe. Astrid und ich haben es tatsächlich auch dieses Jahr wieder in ein Konzert geschafft. The Axis of Awesome haben ihrem Namen durchaus Ehre gemacht (auch wenn das ganze nach knapp neunzig Minuten schon wieder vorbei war). Ein weiteres Highlight war, mit Astrid, Frauke und den Kids Lawrence von Arabien im Residenz-Kino anzuschauen. Ein tolles Geburtstagsgeschenk und ein auch sonst so schöner, sonniger Tag - eine Woche nach meinem Geburtstag - dass wir noch lange gemütlich bei einer Shisha am Friesenplatz saßen.

Überhaupt: Schöne sonnige Tage. Zwei Wochen in Wien zu arbeiten hat auch sein Gutes, denn im Gegensatz zu sonst, wenn man nur ein oder zwei Tage auf Dienstreise ist, konnte ich bei bestem Wetter jeden Abend in Wien spazierengehen, die Schnitzelwirte ausprobieren und schöne Kneipen finden.

Vorher war ich auch noch in München, natürlich auf dem Oktoberfest. Teamevent und so. Da war das Wetter jetzt nicht so super, aber das ist zum Glück ziemlich egal, wenn man den Tag vorrangig im Zelt verbringt. Es waren ein bisschen gemischtere Gefühle. Klar, nach einer Weile kommt man rein und hat auch Spaß, aber die ständige Erinnerung daran, dass wir letztes Jahr eine tolle Zeit auf der Wiesen verbracht haben und zwei Wochen später das Team ohne Vorwarnung komplett auseinandergerissen wurde war irgendwie immer dabei.

Dann noch ein Highlight: Ich war mit Eva bei der Backers-Premiere von "Wish I Was Here", dem neuen Film von Zach Braff. Das war nicht weniger als fucking awesome. Nicht nur wegen des Filmes an sich - der ist absolut wunderbar und sollte seit 9.Oktober in Deutschland laufen, schaut ihn euch an! - sondern weil der Zoo Palast ein Hammer-Kino ist, Zach Braff ein Hammer-Typ, der sich richtig viel Zeit genommen hat, nach dem Film noch gefühlte tausend Fragen zu beantworten und weil so viele tolle Leute dort waren, die ich viel zu selten sehe und immer nur im Internet Kontakt zu haben ist ja auch nicht erfüllend.

Hab ich vorhin schon was von Geburtstag gesagt? Ja, den hatte ich auch schon wieder. 46 ist so ein Alter, wo man langsam wieder Angst vor der nächsten Null bekommt, die in irrsinniger Geschwindigkeit auf einen zu rast. Insoweit hat mir die viele Action der letzten vier Wochen tatsächlich geholfen, hier nicht in irgendwelche Krisen zu stürzen.

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September 18 2014

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Wish I Was Here - Backers Premiere in Berlin, Germany, Sep 15th 2014

September 13 2014

10 Bücher

Stöckchen-Zeit! Per Facebook diesmal, von Mirja. Es geht darum, zehn Bücher zu nennen, die einen großen Einfluss auf mich hatten. Das müssen - so verstehe ich die Aufgabe jedenfalls - weder meine Lieblingsbücher sein oder solche, die ich gerne empfehlen würde, sondern die irgendwie zu meiner Biografie gehören. Finde ich eine schöne Idee. Allerdings funktioniert das nicht in einem Facebook-Status mit einer Liste von 10 Titeln ohne die Information, warum ausgerechnet dieses Buch hier aufgezählt wird. Ich interessiere mich viel mehr für die Geschichte hinter den Titeln. Daher leg ich mal etwas vor. Hier also meine 10 Bücher und die Geschichten dahinter.

1. Das große Peanuts Buch (Charles M. Schultz)

(jedenfalls müßte es das gewesen sein, herausgegeben 1972 kommt jedenfalls hin, um die Zeit haben mein Bruder und ich uns das Lesen beigebracht.)
Dieses Buch steht stellvertretend für einige Bücher mehr, die ich immer und immer wieder gelesen habe, wenn wir bei unserer Tante und Kusinen zu Besuch waren. Ich liebte natürlich alle Geschichten mit Snoopy und zitiere auch heute noch regelmäßig daraus ("DEN HUND BERÜHRT!"), was heute freilich kaum jemand mehr versteht. Was das tollste an diesem Buch war: Es war irrsinnig dick und nicht wie andere Comic-Bücher in einer viertel Stunde durchgelesen. Man konnte sich locker ein, zwei Stunden darin versenken.

2. Himbeereis und weiße Mäuse (Erna Funck-Neuville)

Grundschule, zweite Klasse. Unsere Nachbarin, in die ich mit 5 Jahren mächtig verknallt gewesen bin, schenkte meinem Bruder dieses Buch und es dürfte daraufhin bei uns beiden zum sicher meistgelesenen Buch geworden sein. Ich hab es mindestens 50 mal gelesen - sehr oft mehrmals hintereinander. Viel später erst habe ich bemerkt, wie viel meiner ständigen Subversivität ich diesem Buch zu verdanken habe.

Was ich bis heute großartig daran finde ist, dass es konsequent aus der Sicht eines Drittklässlers geschrieben ist und dem lesenden Kind an keiner einzigen Stelle unterschwellig eine "erwachsene" Moralvorstellung verkauft wird. Außerdem habe ich vor einigen Jahren von der Autorin eine Ausgabe geschickt bekommen, zu einem geradezu idealen Zeitpunkt, als es mir mal extrem schlecht ging.

3. ??? und der schreiende Wecker (irgendein Ghostwriter)

Das erste drei Fragezeichen-Buch, das ich gelesen habe. Fünfte Klasse, müßte also 1978 unterm Weihnachtsbaum gelegen haben. Danach kamen noch ungefähr zwanzig weitere, aber das hier war bis zum Schluss mein Lieblingsbuch, weil es - zumindest in meiner damaligen Wahrnehmung - das spannendste und ernsthafteste von allen gewesen ist. Irgendwann wurde die Serie immer flacher (oder ich älter) und ich wechselte das Genre von Krimis zu zu SciFi und Fantasy.

Mit den Hörspielen, die ja viele so toll finden - bin ich übrigens nie warm geworden, die gabs aber auch erst, nachdem ich schon aufgehört hatte, die Bücher zu lesen.

4. Haie und kleine Fische (Wolfgang Ott)

Es war 1979, ich war fast Elf und es waren die Sommerferien, bevor ich ins Gymnasium gekommen bin. Ich wollte für einen Urlaub ein dickes Buch und habe von Wolfgang Ott "Haie und kleine Fische" gekauft. Und zwar nur deswegen, weils das dickste Buch war, das ich für Sieben Mark Achtzig bekommen habe. Aber ich habs auch wirklich gelesen und erinnere mich gut daran, dass ich vor allem von der Beschreibung des Kriegsalltags beeindruckt war und wie sich normale Menschen in so einer Zeit verhalten. Die Sexszenen las ich dagegen nur mit etwas distanziertem Interesse, das fand ich wohl nicht so spannend.

5. Transit nach Scorpio (Kenneth Bulmer a.k.a. Alan Burt Akers)

Eigentlich ist das ja eine ganze Reihe von Büchern. Eine Fantasy-Geschichte, die - wie ich inzwischen weiß - ziemlich dreist von Edgar Rice Burroughs John Carter-Büchern abgekupfert ist. War mir damals aber nicht bewusst. Ich habe in Lohr im dortigen Gymnasium das große Glück gehabt, dass es dort erstens eine riesige Leihbibliothek gab und zweitens der Bibliothekar ein großer SciFi- und Fantasy-Nerd gewesen ist. Daher gabe es dort eine entsprechend gut sortierte und üppige Abteilung mit allen Klassikern und den wichtigsten Autoren und Autorinnen des Genres. Die habe ich alle dort kennengelernt: Heinlein, Clark, Tanith Lee, Moorcock, de Camp, you name it.

Die Scorpio-Bücher von Bulmer/Akers waren dort auch vorrätig und so konnte ich ohne viel Geld auszugeben, das ich eh nicht hatte, eine ansonsten unerschwinglich lange Buchreihe durchziehen. Die Story ist banal, chauvinistisch und alles andere als Weltliteratur. Aber es ging darum, dass jemand aus seiner Zeit und seiner Welt in eine andere versetzt wurde - eine der Monomyth sehr ähnliche Exposition - und dieses Motiv ist für einen Nerd in der siebten Klasse, der zu dieser Zeit sehr hart mit Mitschülern und dem Internatsleben kämpfte, natürlich extrem reizvoll.

6. Standbein, Spielbein (Axel Maria Marquard)

Ein kleines Gedichtbuch, das ich irgendwann mal während meines Zivildienstlehrganges in Trier gekauft hatte, völlig zufällig, weil ich gerade irgendein Buch kaufen wollte. Aber die Gedichte waren so derartig eingängig, dass ich mir viele von ihnen schon nach ein, zwei mal lesen merken konnte. Ein wenig absurd, ein wenig lakonisch, immer irgendwie lustig allein schon der Sprache wegen, begleiten mich die Gedichte dieses Buches schon seit nunmehr fast 25 Jahren. Teile davon sind in meinen normalen Sprachgebrauch eingegangen ("geh schlaf", "Müde sich am Morgen heben meine Lider, senken ob der Sorgen diesen Tags sich wieder.", "Das liegt am Tabaksdunst, am Qualm. Jetzt fehlt mir schon der Reim auf Qualm.") .

Was leider tragisch ist: Ich weiß nicht mehr, wo das Buch ist und ich hätte es so gerne wieder.

7. Worte ohne Lieder (Georg Kreisler)

Das hab ich mir gekauft, weil ich dachte, das ist sicher lustig. Kreisler mochte ich schon länger, allerdings kannte ich ihn halt als schwarzhumorigen Liedermacher. Die Kurzgeschichten und Essays in diesem Buch sind aber zum größten Teil ganz anders. Es sind nachdenkliche, sogar schöne, bittersüße und hoffnungsvolle Texte, die einem beim Lesen das Gemüt streicheln und einem dann gut tun, wenn man mal alleine ist. Zumindest ging es mir so.

Ich hab ehrlich gesagt, keine große Erinnerung mehr an den Inhalt, nur an die Wirkung, die dafür sorgte, dass ich das Buch eine ganze Zeit lang gerne immer wieder in die Hand genommen habe um ein, zwei Geschichten zu lesen. Ich hab daher keine Ahnung, ob die Texte heute noch so funktionieren würden.

8. Der Hexer von Salem (Wolfgang Holbein)

Ich hab so ein seltsames Verhältnis zu Holbein: Einerseits ist er einfach mal kein guter Autor. Viele seiner Bücher haben eine gute - aber irgendwo immer ein wenig abgekupferte - Grundidee, die er aber in den seltensten Fällen zu einem befriedigenden Ende führt. Dann ist da sein legendär beschränkter Wortschatz und die sich ständig wiederholenden Beschreibungen (man hat den Eindruck, dass er ganze Absätze immer und immer wieder benutzt) und auch die Protagonisten scheinen immer irgendwie dieselben zu sein. Dennoch kann ich mit seinem Hexer was anfangen.

Das mag daran liegen, dass diese Bücher ursprünglich eine Heftchenromanreihe waren und man schon dadurch keine Hochliteratur erwartet sondern eine Art TV-Serie in Schriftformat. Als solche funktionieren sie nämlich gut. Ein paar einfache Helden, Spannung, hin und wieder ein comic relief, das ganze eher trashig/pulpig, aber nie dumm oder unlogisch. Was ich natürlich mochte, war die Einbettung in den Cthulhu-Mythos - Lovecraft selbst ist ja sogar einer der ständigen Sidekicks des Hexers - und die selbstverständliche Art und Weise, mit der Magie und Okkultismus beschrieben wurde, ohne irgendwelche langwierigen Erklärungen. Das lief mir damals gut rein, wir hatten ja nichts - im Prinzip deckten die Hexer-Bücher damals die Bedürfnisse ab, die ich mir heute mit TV-Serien wie American Horror Story, Sleepy Hollow oder Supernatural befriedige.

9. Mister Aufziehvogel (Haruki Murakami)

Mein Verhältnis zu Murakami hab ich schon mal im Blog beschrieben. Das hat sich nicht geändert, vor kurzem habe ich 19Q4 gelesen und entgegen der vorherrschend schlechten Kritik hat auch das wieder die typische Wirkung gehabt.

Mister Aufziehvogel ist für mich aber immer noch das Buch, das mich am meisten beim Lesen nach und nach aus meiner Welt in eine andere, im ersten Moment fremde, nach einer Weile aber eine viel persönlichere, geschoben hat. Und da habe ich festgestellt, dass ich das mochte, weil man sich darin plötzlich nicht erklären oder mit anderen abgleichen musste. Ein sehr befreiendes und befriedigendes Gefühl.

10. Last Call, Tim Powers

Ein toller Roman über Poker, Tarot, Götter- und Gangsterfamilien. Wenn ich eines dieser zehn Bücher empfehlen sollte, dann wäre es dieses. Daher möchte ich darüber gar nichts verraten. Das sollte man doch lieber selbst lesen. Was es mir gebracht hat? Ein paar kleine, aber wichtige Veränderungen meiner Einstellung zu Prinzipien, Geduld und Moral. Poker ist kein Spiel.

Jetzt werf ich weiter, aber ich ändere ein wenig die Regeln. Erstens: Ich bin altmodisch. Stöckchen gingen immer nur an drei Menschen weiter, nicht an zehn. Zehn ist typisch Facebook: Es macht alles extrem oberflächlich. Und zweitens: Ich möchte schon gerne etwas über die Gründe lesen, warum die Bücher zu eurem Leben gehören. Anders macht die Aufgabe doch gar keinen Sinn.

Und hepp, ich werfe weiter zu Frauke, Thomas und auch noch mal an Mirja, weil es mich interessiert, wie sich Deine Liste erklärt.

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August 28 2014

August 27 2014

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Meine #icebucketchallenge

August 06 2014

Das Problem mit den großen Egos im Internet

Das Internet ist eine tolle Erfindung. Hauptsächlich, weil jeder Mensch sehr einfach mitmachen kann. Man bekommt inzwischen so viel mehr mit von der Welt und von anderen Menschen. Man partizipiert, tauscht sich aus und man profitiert von Erfahrungen anderer. Man befindet sich quasi in einer Dauerkommunikation, an der man jederzeit teilnehmen kann.

Natürlich bedeutet das, dass man neue Skills erlernen muss: Das Unwichtige ausblenden, das Relevante erkennen. Sich selbst so gut kennen, dass man weiß, wann man mal eine Pause braucht oder etwas weniger Dauerkontakt. Das lernen wir Menschen aber auch. Der eine schneller, der andere langsamer. Und gerne auch auf verschiedene Weise.

Der wichtigste Aspekt, den wir lernen müssen ist, dass am anderen Ende der Kommunikation ein anderer Mensch sitzt. Der anders denkt, anders fühlt, anders reagiert als man selbst oder auch anders, als man es erwartet. Wir müssen daher auch lernen, nachzufragen, zu verhandeln oder auch, einfach mal Dinge stehenzulassen, die andere äußern. Das sind Skills, die zu erlernen länger brauchen. Das ist offensichtlich, wenn man sich den Ton und die Menge der Hass-Kommentare auf Medienseiten anschaut oder wenn auf Twitter mal wieder ein #gate ausgerufen wird. Das ist auch nicht wirklich was neues, In den Neunzigern ging es im Usenet auch schon gut ab und wenn man sich mal an Zeiten erinnert, in denen man in Foren unterwegs war wird man sich ebenfalls sofort die ein oder andere Eskalation ins Gedächtnis rufen können.

Das Problem auf Nachrichtenseiten wird man als normaler Leser nicht lösen können - das ist schlicht ein Moderationsfehler der Medien, die sowas zulassen. Man selbst kann einfach aufhören, den Quatsch zu lesen. Unter 100 Müllkommentaren den einen guten zu finden ist die Mühe auch gar nicht Wert. Die Hater sind dann eben unter sich und dürfen sich kloppen, niemand Drittes wird verletzt, alles ist gut.

Die regelmäßigen Eskalationen in sozialen Medien machen mir dagegen durchaus etwas aus. Vor allem, wenn sich Leute über Themen in die Haare kriegen, die sie im normalen Gespräch miteinander ohne große Probleme ausdiskutiert hätten. Das Problem ist aber, dass das Internet - so wie es momentan funktioniert - dem ungezügelten Amoklauf großer Egos in die Hände spielt. Eskalation ist im Internet so leicht und die Belohnungen dafür so groß, dass man manchmal das verführende Flüstern im Ohr direkt hören kann.

Gäbe es diese leichte, schnelle Möglichkeit, zuzuschlagen nicht, würde man gezwungenermaßen einee gewisse Zeit brauchen, um zu reagieren. Man würde vielleicht erst mal mit jemandem anderen drüber reden oder schlicht nach ein paar Stunden schon denken "Ach komm. Es gibt wichtigeres.".

Faulheit ist eine wunderbare, deeskalierende Eigenschaft.

Aber es ist anders: Man kann sofort zuschlagen und bekommt auch sofort Applaus. Einem Ego kann nichts besseres passieren. Es übernimmt so schnell die gesamte Veranstaltung, dass man sich oft genug einige Zeit später verwundert den Kopf kratzt, was einen da eigentlich geritten hat. Vor allem, wenn man sieht, was alles passiert ist, wenn sich der Rauch legt. Sehr wahrscheinlich fühlt sich keiner der Kontrahenten am Ende wirklich wohl. Wenn einer dann auch noch so richtig "gewonnen" hat, es dem anderen also "ordentlich gezeigt" hat,  ist sein Lohn ja nicht ewiger Ruhm und Ehre sondern die Erniedrigung des Gegners bis dahin, dass der andere seinen Account löschen muss, Hatemails bekommt und dass sich auf der eigenen Seite plötzlich vermeintliche Verbündete finden, mit denen man eigentlich gar nichts zu tun haben will.

(Jemand fühlt sich zum Beispiel hoffentlich nicht wohl dabei, von frauenfeindlichen Idioten dafür gefeiert zu werden, über einen eher albernen Streit den Twitteraccount einer ihnen verhassten Frau zum Aufgeben zu bringen. Herzlichen Glückwunsch?)

Was das Internet eigentlich auch leicht macht ist, aufeinander zuzugehen. Die technische Hürde ist dafür genauso niedrig wie sich die Hate-Tweets um die Ohren zu hauen. Aber es passiert nicht so häufig. Das Problem ist also weniger die Technik, sondern das was einem im Wege steht: Das verletzte Ego möchte das nicht. Es argumentiert damit, dass man im Recht sei und es durchsetzen müsse. Dass der andere böse, hinterhältig, unfair oder sonstwie moralisch niederträchtig sei und es somit verdiene, wenn man ein Exempel statuiert. Es sagt, wenn Du Dich nicht wehrst, bist Du schwach, ein Opfer. Und Du wirst Deinen Standpunkt verlieren, der Dir wichtig ist. Dass das so nicht stimmen kann ist bei klarem Kopf eigentlich logisch, denn beide denken ja dasselbe.

Letztendlich geht es uns darum, eine Rechfertigung zum Zuschlagen zu haben, die groß genug ist, um die Hemmschwelle zu überwinden, es nicht zu tun. Das Ego möchte rücksichtslos sein und kein Verständnis für den Gegner zulassen. Das Gefühl, das es erzeugen will ist Wut. Die Reaktion, die es erzeugen will, ist Angriff.

Wie kann ich Ego-Clashes vermeiden?

Ich richte mich im Folgenden nicht an die Leute die glauben, dass es grundsätzlich völlig in Ordnung ist, andere fertig zu machen. Die gibt's und das sind die Menschen die meinen, es schränkt ihre persönliche Freiheit ein, Rücksicht auf andere nehmen zu müssen. Das sind die Vordrängler  und empahthielosen Großmäuler. Oft genug auch dauergefrustete, die ständig meinen, zu kurz zu kommen und die man auch im echten Leben eher nicht um sich haben will.

1. Nicht sofort reagieren.

Das ist das einfachste, würde einem nicht sein Ego erzählen, dass man ja sofort handeln muss, weil sonst alle über einen herfallen werden. Das ist aber nicht wahr und ich bitte darum, es auszuprobieren: 90% aller Streitereien sind schlicht und einfach dadurch vermeidbar, dass man erst mal etwas anderes tut. Wenn man es dann immer noch für wichtig hält, etwas zu sagen, ist die Chance, dass man nicht emotional reagiert sondern sachlich, wesentlich höher als vorher.

2. Fragezeichen statt Ausrufezeichen.

Die schnellste Möglichkeit der Deeskalation ist, echte und ehrliche Fragen zu stellen. Warum ist jemand sauer? Hab ich was total dummes gesagt? Hab ich mich missverständlich ausgedrückt? Das kann man zunächst öffentlich tun, um den Dampf rauszunehmen und zu vermeiden, dass sich direkt mal Lager bilden, aber wenn sich tatsächlich ein Dialog entwickelt, sollte man den in eine private Konversation verlegen.

3. Wir sind alle unterschiedliche Menschen.

Wir Menschen verstehen Dinge falsch, wir reagieren unterschiedlich, wir haben Schwächen und blinde Flecken, wir sind an vielen unterschiedlichen Stellen verletzbar. Keiner von uns will sich normalerweise streiten. Wenn wir das für uns selbst im Hinterkopf haben und wenn wir das auch dem vermeintlichen Gegner noch mal sagen und an ihn appellieren, dies ebenfalls zu erkennen kommen wir gemeinsam weiter. Keiner muss zu Kreuze kriechen (es sei denn, man erkennt dass man wirklich Mist gebaut hat), es geht darum, den anderen zu verstehen. Das bedeutet nicht, seinen Standpunkt aufzugeben. Es bedeutet aber manchmal, dem anderen seinen Standpunkt zu lassen.

Man muss nicht "gewinnen", um nicht zu verlieren.

4. Wir sind alle gleich.

Wir haben Hunger, Durst, möchten uns entwickeln und gut fühlen mit dem was wir tun. Wir wollen gemocht werden und wir verspüren Angst, Scham und Wut wenn wir etwas falsch machen oder wenn jemand uns falsch behandelt. Wir haben Vorurteile und Schubladen. Sich das zuzugestehen ist gut. Aber wir müssen es anderen auch zugestehen. Es gibt nen Songtext von Marillion, der lautet "Everyone is only everyone else. Everybody's got to know. Everybody lives and loves and laughs and cries And eats and sleeps and grows and dies...".

Vielleicht ist es gut für uns alle, ein wenig dieser Zen-Auffassung zu verinnerlichen. In dem Moment, in dem wir uns bewusst sind, dass sich nicht alles nur um uns selbst dreht, können wir viel entspannter miteinander leben.

July 03 2014

Totalüberwachung: Vom vermeintlichen Fehlen der Empörung

Und schon wieder lese ich, dass wir in Deutschland die Totalüberwachung einfach zulassen weil es uns egal sei. Diesmal sinds die mobilegeeks, die mit "keinen intressierts" titeln. Letztendlich geht die Story so: Die Geheimdienste können tun und lassen was sie wollen und die Politiker verhindern die Aufklärung ungestört, weil wir uns nicht genug empören. Der gemeine Deutsche schaut nur mal kurz von der Ablenkung seiner Wahl - momentan wäre das wohl die WM-Übertragung - auf und macht einfach weiter wie bisher.

Felix hatte auf der re:publica schon mal versucht, dieses anscheinend völlig offensichtliche und somit auch weitgehend als wahr anerkannte Phänomen von einer anderen Seite zu betrachten und kam so schon auf ganz andere Erklärungen und zu einer anderen, differenzierteren und unaufgeregteren Einschätzung der Situation.

Ich halte es für gefährlich und kurzsichtig, ständig den Leuten vorzuhalten, sie würden sich - im Gegensatz natürlich zum Autor - nicht interessieren. Der Vorwurf stimmt ja auch nicht. Sie empören sich lediglich nicht so laut wie der, der sich über sie beklagt und dann lediglich fehlende Lautstärke bei der einen von vielen möglichen Reaktionsmöglichkeiten, die er kennt, mit Lethargie verwechselt.

Denn es gibt durchaus viele verschiedene Reaktionen, die - im Gegensatz zum im Internet weit verbreiteten Glauben, dass es immer nur eine richtige Maßnahme geben kann - sogar parallel nebeneinander geschehen. Empörung funktioniert in diesem Mix aber am wenigsten gut, denn Empörung ist eine direkte und schnelle emotionale Reaktion und direkt heißt, dass ich entweder einen sofort eindeutigen, persönlichen Effekt spüre oder dass ich die Situation durch genug Vorwissen überblicke und die heftigen Implikationen dieser Enthüllungen sofort richtig einschätzen kann, auch wenn ich gerade nicht die Hand auf der Herdplatte lege.

Beides - also direkte Auswirkung oder genügend Peil - ist beim großen Teil der deutschen Bevölkerung aber schlicht nicht gegeben, also gibt es auch keine landesweite Empörung. So einfach und unspektakulär ist das. Meine Filterbubble, in der es jede Menge Menschen gibt, die sich entweder gut genug auskennen oder sogar direkt betroffen sind empört sich durchaus und zwar nicht zu knapp. Lustig auch: Der Vorwurf, der an die geht, die sich anscheinden aud lauter Bequemlichkeit nicht empören wollen, geht ins Leere, denn die werden dieses Gejammer eh nicht lesen.

Meine Eltern klicken hin und wieder im Netz herum. Sie schreiben alle paar Wochen mal eine - unverschlüsselte - Mail. Wenns hochkommt ist da ein Familienfoto als Anhang drin (oder eine Powerpoint-Datei mit wahlweise lustigen oder besinnlichen Sprüchen). So sieht für den größeren Teil der Deutschen Internetnutzung aus. Worüber sollten die sich empören? Die sind nicht lethargisch, obrigkeitshörig, desinteressiert, sind keine dummen Schafe oder wie auch immer sonst man diese Menschen seitens der hochnäsigen Netzauskenner beschimpft.

Die haben lediglich ein Leben, in dem diese Überwachung - sorry for breaking this news to you - keine Rolle spielt.

Aber es passiert ja was. Es passiert sogar viel. Das wird aber witzigerweise von den über fehlende Empörung Empörten scheinbar übersehen. Wahrscheinlich deswegen, weil es hier weniger um Aufmerksamkeit geht als vielmehr um Konsequenzen, die aber doch zeigen, dass ein Bedarf entstanden ist, den es vor der NSA-Affäre in der Breite nicht gab. Es gibt zum Beispiel inzwischen eine ordentliche Auswahl von vernünftigen Messenger-Apps, die Verschlüsselungen nutzen und Daten nicht zentral speichern. Und die werden vermehrt genutzt. Das ist meiner Meinung nach ein ganz konkreter Effekt.

Oder: Es gibt endlich ernsthafte Bemühungen, sichere Clouddienste zu entwickeln.

Oder: Es gibt E-Mail Dienste und Cliententwickler, die sich überlegen, wie sie die Kommunikation verschlüsselt bekommen, ohne dass die Nutzer IT-Spezialisten sein müssen.

Solche Sachen zu entwickeln dauert aber nun mal immer ein bisschen länger als eine kurze Empörungswelle. Vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Vergleich, aber ich sags mal so herum: Die Empörung ist eine Art heftige Veliebtheit. Was am Ende zählt ist, welche Beziehung herauskommt, wenn die rosa Wolken sich verzogen haben.

Und da sehe ich doch - wenn man die Empörung mal ausblendet und sich anschaut wie die Internetnutzer sich gerade verhalten - viel konkretes: Es gibt eine stabile Aufmerksamkeit, einen bewussteren Umgang mit Informationen, viele neue Ansprüche und Standards, die jetzt grundsätzlich an Internet-Dienste gestellt werden. Dazu muss man aber ausserhalb seiner Filterblase schauen, in der diese Ansprüche und Aufmerksamkeit ja schon vor Snowden sehr hoch war. Ich werde  inzwischen von vielen Freunden und Verwandten danach gefragt, ob das Programm xy sicher ist, oder welche Lösung sie benutzen sollen, weil sie gehört haben, dass es wichtig sei, sich um Sicherheit beim Austausch von persönlichen Inhalten zu kümmern.

Ich sehe daher keinen Grund für lange Gesichter. Die Versuche, mit Desinformation zum Beispiel Anonymisierungsdienste zu verteufeln, funktioniert nicht mehr. Schaut euch doch nur mal an, wo und vieviel mehr Ahnung und Medienkompetenz sich gerade verbreitet. Schaut euch an, wie viele gute Projekte gerade am Start sind, um anonyme, sichere Kommunikation und Datenaustausch zu ermöglichen und wie viel nachhaltiger, massentauglicher und tiefgreifender das allein im jetzt vergangenen Jahr im Vergleich zu den letzten zehn Jahren ist. Das ist der langfristige Snowden-Effekt, den die Empörungs-Fans übersehen.

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June 11 2014

Ubisoft verzichtet bis auf weiteres auf die Repräsentation von Frauen in ihren Spielen

Verschiedene Game-Magazine berichten heute davon, dass Ubisoft für den kommenden Titel "Asassins Creed: Unity" die Entwicklung eines weiblichen Spieleravatars mit der Begründung eingestellt hat, dass ihnen das zu viel Arbeit war:

"It's double the animations, it's double the voices, all that stuff and double the visual assets," Amancio said. "Especially because we have customizable assassins. It was really a lot of extra production work."

Was mich auf Facebook in eine kleine Diskussion verwickelte. Jetzt bin ich gar nicht so sehr an Asassins Creed interessiert, aber dieser Fall erinnerte mich doch sehr an Watch Dogs, wo Ubisoft im Prinzip genau dieselbe Situation erzeugt hat: Auch in Watch Dogs darf man als Spieler ausschließlich die eine weiße, männliche Hauptperson Aiden Pierce steuern. Auch hier wird man in Multiplayer-Sessions andere Spieler als irgendwelche Passanten, diese sich selbst wiederum aber als Aiden sehen. Was für ein dämlicher Fuckup ist das denn?

Jaja, aber wie viele Frauen spiele denn schon Computerspiele? Und warum sollte denen was ausmachen, ob die Spielfigur männlich ist? wurde dort gefragt. Als ob das eine Begründung sei. Klar: Ich kenne genug spielende Frauen, die auch mit der männlichen Figur spielen, wenn nur das angeboten wird. Das ist aber doch so, wie wenn Du irgendwo bist und es nur Filterkaffee gibt. Dann trinkst Du halt den, bevor Du gar keinen Kaffee bekommst.

Heutzutage hat man doch aber höhere Ansprüche an Spiele und der Wunsch nach Repräsentation (dabei gehts nicht nur um Frauen, auch um Hautfarben, Körpergrößen, Ethnien, Berufe usw.) wird seit Jahren lauter und wird inzwischen von vielen Spielen auch mehr oder weniger umgesetzt - die Dauerbrenner der letzten Jahre - Mass Effect, Borderlands, Dragon Age, die hier geradezu vorbildlichen Saints Row Spiele - werden seit Jahren deswegen gefeiert.

Ubisoft aber produziert seine beiden aktuellsten, next Generation Flagship-Games momentan ausschließlich für weiße Jungs.

Gerade bei Watch Dogs ist das ein riesiges WTF, dass man sich den Charakter nicht selbst bauen kann. Jeder weiß, dass alle Story-Cutscenes bei Mass Effect oder den Saints mit allen Modellen funktionieren, ohne dass die Story verwässert wird. Im Gegenteil: Die Immersion ist viel größer, weil man sich das Aussehen seines Characters selbst zusammengebaut hat. Und selbst wenn man sich einen aussuchen müßte: Watchdogs hat ja unzählige Modelle, um die Stadt zu beleben, die man im Multiplayer ja sogar (für den Mitspieler sichbar) auch bewegt. Wo sind da die riesigen Aufwände?

Im Gegenteil, den Spielern vorzuschreiben, ausschließlich Aiden als Figur spielen zu dürfen ist doch völlig unnötig und wirkt sich sogar extrem hinderlich für das Spiel aus. Wie bekloppt ist es, dass man im Multiplayer selbst immer Aiden lenkt und der Gegner einen Random Character? Den wiederum nur der jeweils andere sieht? Das haben andere Spiele seit Jahren tausendmal besser gelöst!

Und wenn man vorhat, ernsthaft ein Spiel für die nächste Generation der Spielentwicklung zu machen, mit einem nie dagewesenen Realitätsgrad, dann sollte man sich nun mal auch um ein realistisches Setting bemühen. Dazu gehört eine realistische Repräsentation.

Ubisoft schafft es es ja auch gleichzeitig, auf mehr als 200 Fahrzeugtypen mit völlig unterschiedlichem Verhalten stolz zu sein. Oder auf ultrarealistische Wetterbedingungen, die sich auf die gesamte Physik der Spielwelt auswirkt. Oder auf die exakteste Auswirkung von über 500 Waffentypen. Oder auf eine realistische, autarke Fauna. Oder die beste Wasserphysik, die man je in einem Spiel erleben konnte... oder, oder, oder.

Und dann reicht es nicht für ein realistisches Bewegungsmodell mehr, das sich immerhin auf 50% der Charaktere im Spiel auswirkt, die dort ständig unterwegs sind? Wirklich? Das soll die Begründung sein?

Ubisoft, ich glaube, ich kenne die tatsächliche Begründung. Ihr wollt nicht. Es interessiert euch - auf fatale Weise - nicht. Ihr habt eine so archaische Vorstellung von euren Kunden, die euch erlaubt, Diversität komplett zu ignorieren. Allerdings irrt ihr euch hier sehr. Das merkt ihr eventuell noch nicht gleich, aber vielleicht macht ihr euch mal die Mühe, zu untersuchen, wie viel mehr Prestige und wie viel mehr Verkäufe eurer neuen Flagship-Games ihr mit Leichtigkeit hättet erreichen können.

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June 04 2014

Das mit dem neuen Journalismus

Der Anlass dieses Posts ist der seltsame soziale Druck, den man spürt, sobald man auf das Thema Krautreporter zu sprechen kommt und erläutert, warum man das Projekt nicht finanziell unterstützt. Meine Gründe habe ich schon recht früh genannt:

1. Viel zu kurz gesprungen, um spannend zu sein

Es geht vor allem darum, eine andere Finanzierungsform zu finden, die es selbständigen Journalisten erlaubt, gute Arbeit zu leisten: Also Zeit für Recherche zu haben, ausführliche Artikel zu schreiben und Themen anzusprechen, die nicht wegen zu wenig Aufmerksamkeit rausfliegen weil sich damit keine Werbung verkaufen lässt.

Das ist soweit gut und richtig. Aber leider hört es hier auch schon auf. Es gibt keine Idee oder einen Plan, Journalismus als solchen neu zu definieren. Es gibt keine Skalierung, keine neue mediale Vision, keine Idee für Nachwuchs. Es gibt keine Neubewertung des Berufes, der den Journalismus von der prekären Schreiberlingsarbeit zu dem er verkommen ist zurück (oder vorwärts) in einen Qualitäts- und Spezialistenberuf (zurück)führt. Eigentlich geht es doch nur darum, dass ein paar altgediente Journalisten in Ruhe ihre Arbeit machen wollen.

Gönn ich ihnen auch. Ist sicher unterstützenswert für Leute, die sowas dringender brauchen als ich. Aber es gibt unzählige ambitioniertere journalistische Projekte, für die meine Unterstützung wertvoller ist. Daher ging meine Kohle dieses Jahr zum Beispiel hierhin.

2. zu wenig Frauen und die, die dabei sind schreiben über "Frauenthemen"

Dazu hat Felix schon alles geschrieben, was es zu schreiben gibt. Nur eine Hinzufügung meinerseits. Männerclubs - oder etwas neutraler ausgedrückt: Projekte, in denen sehr wenig Diversität herrscht - sind sehr schnell und sehr regelmäßig langweilig. Mal ganz vom offensichtlichen WTF abgesehen.

Vielleicht ist hier ja auch der Grund für das Problem Nummer 1. Die beruflichen Vorstellungen, die Lebenswelt und die Realität in der die Protagonisten agieren sind zu ähnlich, um konstruktive Spannungsfelder zu erzeugen, die die Energie erzeugen, um Ideen weiter zu spinnen und wirklich innovativ zu sein.

3. Ich warte auf diejenigen, die Krautreporter inspiriert, was wirklich gutes zu machen

Das Argument "Wenn es jetzt keiner tut, ist die Chance vertan" oder "Das perfekte Projekt wird nicht kommen" gibt es nicht. Es ist wirklich lustig: In den Reaktionen auf meine und die Bedenken anderer wird gar nicht bestritten, dass diese Kritik gerechtfertigt ist. Sie wird aber auch gar nicht diskutiert, sondern mit der Begründung ignoriert, dass man ja froh sein müsse, dass es so ein Projekt - auch mit Fehlern - zunächst einmal überhaupt gibt und wenn man das jetzt zerredet wird der Journalismus untergehen.

Ich sehe auch schon die Geschütze in Stellung gehen, wenn Krautreporter ihr Fundingziel nicht erreicht. Dann sind die Schuld, die das Projekt schlechtgeredet haben. Nicht etwa die Initiatoren, die die Hälfte ihrer Zielgruppe außen vor ließen weil sie dachten, das sein erst mal nicht so wichtig. Oder weil ihre einzige Vision war, bessere Recherchebedingungen zu schaffen. Was so als Vision jetzt nicht wirklich Begeisterung erzeugt.

Aber: Mir egal. Die Idee war ja gut und sie ist nun im Raum. Es wird andere geben, die die Sache aufgreifen werden. Es wird neue, innovativere und mutigere Projekte geben. Nur weil ein paar gestandene Journalisten ihr Magazin nicht so hinbekommen haben wie sie es sich vorgestellt haben wird die Idee, Journalismus wieder "richtig" zu machen, nicht sterben. Und dann hab ich sicher 60 Euro über, um sie in das Projekt zu stecken, das danach kommt.

Woher ich das weiß? Ich hab zwei Mal nicht das Geld bekommen, um eine Idee umsetzen zu können. 2000 war es zu früh für ein Weltraum-MMO und 2005 sagten mir die Banken, dass man mit Browsergames doch kein Geld verdienen kann. Am Ende haben es andere gemacht und bewiesen, dass es eben doch geht. Einerseits ist natürlich schade, dass ich nicht dabei war, andererseits aber gilt die Erkenntnis: Es gibt immer jemanden anderes, der es dann eben im zweiten Anlauf auch hinbekommt.

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May 26 2014

Unternehmensportale: Vom Stiefkind zum Prestigeprojekt

May 08 2014

Mein Vortrag über das Smart Grid

Gestern halb Zwölf stand ich in Stage 5 und hielt meinen Vortrag über das Smart Grid. Der Raum war voll, was mich für den Einstieg ziemlich nervös machte. Ich finde das Thema zwar persönlich immens wichtig und spannend, aber es ist ja zumindest in der Netzszene jetzt nicht wirklich im Fokus, daher war ich tatsächlich sehr überrascht darüber, wie viele Menschen sich das anhören wollten.

Ich weiß nicht, ob der Vortrag gefilmt wurde. Aber der Ton wurde aufgenommen und ich habe die Präsentation auf Slideshare abgelegt, so dass man ihn sich anhören und die Inhalte nachlesen kann:

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May 07 2014

Smart Grid - Smarte Überwachung vs. Energiewende von unten
Smart Grid - Smarte Überwachung vs. Energiewende von unten

April 14 2014

Im Spiegel

Im Spiegel dieser Woche, also der Ausgabe Nummer 16 vom 14. April 2014, gibt es auf Seite 114 ein kleines Interview mit mir. Es geht um den Twitter-Account @tweetsvonwagner, den ich aus einer Laune heraus irgendwann im letzten Dezember begonnen habe und in dem ich versuche, Sprache und Duktus von Franz-Josef Wagner - dem Bild-"Chefkolumnisten" - in Twitter zu übertragen. Das funktionierte anscheinend so gut, dass dem Account über 1500 Follower folgen. Der Größteil davon sind Journalisten und Medienleute.

Was mich an Wagner und seiner Art auf eine Art fasziniert wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann sind seine Formulierungen und die Art wie er eigentlich alles falsch macht, was man falsch machen kann. Nicht nur grammatikalisch, das ist tatsächlich das kleinste Problem. Halbe Sätze kann man machen. Oder viertel Sätze. Oder mehrere Sätze hintereinander, die nur aus einem Wort bestehen. Assoziationen. Beispielsweise.

Spannend finde ich - und das ergänze ich hier mal, weil es dieser Teil des Interviews nicht ins Endergebnis geschafft hat - wie er sich in seinem Schreibfluss grundsätzlich verfährt. Zum Beispiel beginnt er seine "Briefe" immer mit einer persönlichen Anrede, aber die hält er gerade mal einen Absatz lang durch. Danach schreibt er den Brief nicht mehr an den Empfänger sondern an den Leser der Kolumne. Er verliert den Adressaten, aber auch sich als Autoren. Oft wird aus dem "ich" ein "wir" oder ein "man". Letzteres spätestens dann, wenn er seinen Adressaten beleidigt - Boris Becker kann ein Lied davon singen.

Ich wurde auch gefragt, ob das vielleicht sogar eine Art Kunst sei, was ich verneinte. Ich glaube nicht, dass Wagner sich seinen Stil so ausgedacht hat. Klar ist er inzwischen "stilsicher", aber Kunst würde bedeuten, dass da viel Konzeptarbeit drinsteckt. Die sehe ich aber nicht. Ich denke, dass das mehr oder weniger aus Versehen entstanden ist. Die logischen Fehler, die Art und Weise wie er sein altbackenes Weltbild unterbringt, die oft böse in vordergründigem, aber erkennbar geheucheltem Verständnis verpackten Anfeindungen sind nicht Teil eines wohlüberlegten Gesamtkonzeptes. Diese Eigenarten immer wieder herauszuarbeiten und in den einzelnen Tweets in den Vordergrund zu schieben, dann die Leser zur Kolumne zu schicken wo sie verwundert bemerken, wie bescheuert, absurd, bösartig oder hinterhältig die tatsächlich geschrieben sind, darum geht es mir und ich freue mich über die Reaktionen, wenn es mir gut gelungen ist.

Die Frage ob ich ihn denn kenne habe ich auch verneint. Ich interessiere mich tatsächlich auch gar nicht für ihn als Privatmensch und ich hoffe, dass die Art und Weise wie ich den Account nutze und Wagner darstelle auch deutlich macht, dass es sich hier um eine Parodie der öffentlichen Person geht. Daher habe ich kein aktuelles Foto genutzt sondern das offizielle uralte Konterfei aus der Kolumnenseite. Ich bleibe hart am Kolumnenstil, selbst bei direkten Antworten. Und ich ignoriere viele "Zuschriften", da ich der Meinung bin, dass die Figur Wagner sich nicht mit ihnen befassen würde. Es sei denn es sind Promis. Denen antwortet er natürlich schon mal.

Was nicht gefragt wurde ist, wie lange ich denn das noch machen will. Das wüßte ich auch gar nicht zu beantworten. Im Moment macht es Spaß und so lange es Spaß macht werde ich den Account noch weiterbetreiben. Das können Monate, Wochen oder nur Tage sein. Keine Ahnung. Bratwurst.

Herzlichst,

PS: Für alle neuen Leser ein Disclaimer. Das ist weder der erste Satireaccount den ich (mit)betreibe noch das erste mal, dass ich Schabernack im Internet treibe und auch nicht das erste mal, dass ich im Spiegel bin.

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March 24 2014

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Friedemann Weise -- Eine kurze Geschichte der Zeit (2014)
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