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February 10 2016

Bodenhaftung (Januarupdate)

Januar und Februar ist eigentlich die Zeit, in der alles anstrengend ist. Man muss sich viel zu viel anziehen, bevor man das Haus verlässt und selbst dann ist es oft noch ungemütlich. Es ist morgens zu lange dunkel, um aufzustehen, tagsüber zu grau, um wach zu werden und abends zu schnell wieder Nacht, um lange wach zu bleiben. Inspiration gibt es wenig, vor allem weil man es gerade so schafft, die täglichen Kleinigkeiten auf die Reihe zu bekommen.

So weit, so normal. Was dieses Jahr anders ist sind die Umstände, in denen ich mich wiederfinde.

Da ist zum einen diese völlig überdrehte Stimmung zur sogenannten "Flüchtlingskrise": Jede Menge Menschen erscheinen mir gerade in eine Massenpsychose zu verfallen. Da gibt es eine Scheinrealität, in der Massen von Ausländern über die armen Bürger herfallen und ihr Leben total umkrempeln. Natürlich ist nichts davon passiert. Niemand muss deswegen mehr Steuern zahlen, niemand muss deswegen irgendwas teilen, niemand verliert deswegen seinen Job. Niemand muss deswegen irgendetwas an seinem Leben ändern. Die ganze Flüchtlingssituation erzeugt ist in Wahrheit überhaupt kein Problem, das einen deutschen Mitbürger kümmern muss, wenn er nicht will. Man hat  eine riesige Angst vor einem aufgeblasenen Popanz und zu viele Menschen hier rennen sofort den Rattenfängern hinterher, deren "Lösungen" zwar nicht funktionieren, sich aber wohl in den Ohren verängstigter Bürger gut anhören. Daher habe ich tatsächlich Sorge, was wohl passieren mag, wenn in Deutschland tatsächlich mal irgendwas passiert, das uns alle betrifft, wenn schon ein boulevardmedial aufgeplusterter Wolpertinger die Leute in Scharen rechtsextrem werden lässt.

Im Gegensatz dazu ist meine eigene Situation mit vielen sehr sehr realen Veränderungen ausgefüllt: Ich bin seit 1. Januar selbständig. Ich eiere noch ziemlich herum, was die ganzen Finanzsachen angeht, aber hoffe da, dass meine Steuerberaterin mir früh genug sagt, was wann zu tun ist. Aber ich habe die ersten Freelancerjobs hinter mir und die haben Spaß gemacht. Ich konnte auch schon direkt die Dinge spüren, die ich mir davon erhofft habe: Zum Beispiel so flexibel zu sein, dass ich einfach mal mitten in der Woche und mitten am Tag ins Kino gehen kann um mir die Pressevorfühtung von Deadpool anzusehen oder einen erneuten Umzug in die Wege zu leiten. Ich bemerke aber auch direkt schon die Dinge, die eventuell schwierig werden können, wie zum Beispiel dass wenn ein Projekt ins Stocken gerät, die Einsatzzeit sehr plötzlich schneller endet als geplant. Ich lerne: Dafür muss ich dann eben vorsorgen, um nicht in Panik zu geraten. Wie ich auch überhaupt noch schwimme in dem ganzen "Ich werde jetzt selbständig"-Prozess. Irgendwelche Anträge brauchen ständig doch noch irgendwelche Bescheinigungen und im Hinterkopf lauert immer der Verdacht, dass ich was wichtiges übersehe, weil ich mich noch nicht gut genug auskenne.

Dennoch: Insgesamt erscheint mir alles machbar und meine Idee ist ja nicht, irrsinnig viel Geld zu verdienen sondern mehr Zeit zu haben. Dass ich da erstens im Jahresbeginn generell aus Anfangs genannten Gründen, zweitens mit der manischen Hühnerhaufenmentalität da draußen und drittens mit den Anfangsunsicherheiten bei mir drinnen erst mal noch nicht mit lautem "Jippie!" durch die Gegend springe ist zwar ein bisschen Schade, aber ich glaube, dass momentan Bodenhaftung wichtiger ist als Begeisterung.

December 19 2015

Fragebogen 2015

 

Dieses Jahr kann ich mich nicht darüber beklagen, dass nichts passiert ist oder dass es zäh war oder dass es so aufhört wie es angefangen hat. Es ist viel passiert. Zuerst anderen, dann mir. Das große Rad hat sich nicht nur ein mal bewegt sondern gleich mal richtig zugelangt, wenn es schon mal dabei war.

Aber von vorn:

Das Jahr begann tatsächlich ein wenig zäh. Alles wie immer. Ich war im Job gerade in meinem neuen Team angekommen und fühlte mich halbwegs etabliert. Die ersten beiden Monate waren zwar ziemlich lau, weil ein Kunde sich nicht entscheiden konnte und der andere auch nur langsam in die Pötte kam, aber ab Ende März lief dann alles seinen normalen Gang. Ich kam als Concept Lead auf ein schönes, großes Projekt (ich mag große Projekte), das mich dann auch bis Oktober beschäftigen sollte - sprich: Das Jahr war eigentlich gesettlet und ich war ein bisschen genervt davon, dass es wahrscheinlich nicht dazu führen wird, dass sich etwas verändert.

Ostern herum waren wir mit erweiterter Familie im Urlaub in Edinburgh. Wir hatten das beste Frühlingswetter und Astrid fand einen winzigen Pub, in dem jeden Abend irgendwelche Menschen Livemusik machten. Es war mein erster richtiger Urlaub seit Ewigkeiten. Die re:publica war nett wie immer.

Dann änderte sich alles. Zwei Anrufe - am selben Tag: Ein plötzlicher Todesfall in der Familie meiner Freundin und ein eskalierter Krankheitsfall in der Familie. Letzterer sorgte dafür, dass ich mich knapp drei Monate um ziemlich viel Organisation kümmern und vor allem, eine gewisse Stabilität vorhalten musste. Ich habe also gearbeitet, mich um Familie und Freundin gekümmert und bei allem dafür gesorgt, dass jeder sehen kann, dass ich in Ruhe die Stellung halte. Auch als Ende Juli auch noch klar war, dass sich unsere Abteilung aufklösen wird und ich zum November den Job aufhören würde.

Jetzt ist Dezember: Ich bin gerade dabei, mich selbständig zu machen und habe schon Aufträge bis April. Ich werde Anfang 2016 in eine größere Wohnung ziehen und Lewin wird bei mir wohnen. Die beiden großen Krisen um mich herum sind soweit überstanden und zusätzlich hat meine liebste Freundin, bei der ich Trauzeuge sein durfte, jetzt ein wunderbares Baby. Alles ist jetzt anders, aber wirklich schlimm ist nichts mehr davon, im Gegenteil.

(Und natürlich vorab auch wieder die Rückblicke auf 20142013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003)

Zugenommen oder abgenommen? Gleich geblieben, nachdem ich letztes Jahr ein paar Kilo weniger hatte. Ich hatte ja einiges zu tun und da verbrenne ich immer gut. Konzentration macht bei mir ungefähr dasselbe wie regelmäßiger Sport.

Haare länger oder kürzer? Seit gestern so kurz wie seit 26 Jahren nicht mehr. Weil ich es gerne habe, dass man große Veränderungen auch von Außen sieht.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Da ich dieses Jahr endlich mal wieder die Augen neu gemessen habe kann ich das genau beantworten: Die Kurzsichtigkeit ist etwas weniger. Aber ich habe jetzt Gleitsichtgläser fürs nah sehen und die Hornhautverkrümmung ist ein gutes Stück schlechter geworden.

Mehr bewegt oder weniger? Mal so, mal so. Es gab so viel zu tun, dass ich darauf nicht achten konnte. Ich hab aber zumindest versucht, zu Fuß zu gehen sobald es möglich war. Unfit bin ich aber immer noch, aber ich hab zwischendurch mal wochenweise gezielt Sport getrieben. So richtig durchhalten mit regelmäßiger Bewegung ist aber einfach nicht meins oder es war auch einfach nicht möglich.

Mehr ausgegeben oder weniger? Mehr als letztes Jahr, weil es (endlich mal) ging. Nicht wahnsinnig viel mehr, aber zum Beispiel habe ich mir ein LARP auf einem Segelschoner geleistet und auch einiges für das Outfit ausgegeben, was ich die letzten Jahre nicht einfach mal so gemacht hätte. Wobei ich nicht vorhabe, mehr Geld auszugeben oder zu verdienen, jetzt wo ich selbständig bin: Ich möchte stattdessen mehr Zeit, die ist nämlich wertvoller und knapper.

Der hirnrissigste Plan? Bis Mai fiel mir nichts ein und ab Mai war nichts mehr zu planen (und daher bis September auch nichts mehr zu bloggen).

Die gefährlichste Unternehmung? Mich selbständig zu machen, nehme ich an. Fühlte sich jedenfalls immer wieder gefährlich an, so sehr dass ich auch immer wieder ins Zweifeln kam und zwischendurch doch wieder ein Vorstellungsgespräch führte. Wobei ich danach jedes mal direkt wieder lieber selbsständig sein wollte bis es am Ende dabei blieb und ich das jetzt mache und es sich meistens großartig anfühlt.

Der beste Sex? Ich denke, ich war dieses Jahr sehr oft nicht in Stimmung, ich hatte ja ständig den Kopf belegt. Aber ich habe so wunderbare Menschen in meinem Leben, die mich auch im Schneckenhausmodus gern haben.

Die teuerste Anschaffung? Meine neue Brille. Bzw vor allem die Gläser meiner neuen Brille.

Das leckerste Essen? Oh, es gab jede Menge gutes Essen. Mein ehemaliger Chef liebt es, zu gutem Essen einzuladen und wir waren sehr oft in sehr guten Restaurants und haben geschlemmt. Mein Abschiedessen im Oktober war aber das Highlight, das war in München bei Sushi + Soul.

Das beeindruckenste Buch? Ich kam dieses Jahr tatsächlich nicht dazu, auch nur ein einziges Buch zu lesen.

Der ergreifendste Film? Mad Max Fury Road. So unerreichbar weit vor allem anderen, was lief. Abgesehen von Star Wars, den ich heute gesehen habe und ganz wunderbar war.

Die beste CD? Indila, Mini World. Und der Soundtrack zu Maleficent von James Newton Howard (ich mag ja so cheesy Bombast).

Das schönste Konzert? Leider haben Astrid und ich es dieses Jahr zum ersten Mal seit sehr langer Zeit nicht auf ein Konzert geschafft, die anderen Dinge waren einfach wichtiger. Für nächstes Jahr liegen die Karten für Tanita Tikaram aber schon auf dem Regal.

Die meiste Zeit verbracht mit...? Schnee schaufeln. Einen Schritt nach dem anderen gehen. Stabilität erzeugen.

Die schönste Zeit verbracht damit...? ...1. Endlich mal wieder in den Urlaub zu fliegen. 2. Mit Frauke Serien zu gucken. 3. Das LARP auf dem Schiff im November (trotz anfänglicher Seekrankheit). Das waren vier Tage, die mich so sehr aus dem Alltag geholt haben, dass es sich anfühlte als wäre ich zwei Wochen weggewesen.

Vorherrschendes Gefühl 2015? Tagsüber Konzentration und Entschlossenheit. Abends und Morgens Zweifel und Ängste. Ich war fast ein halbes Jahr lang immer froh, wenn ich nicht zu viel Zeit zum Grübeln hatte sondern einfach gut funktionieren musste.

2015 zum ersten Mal getan? Sehr bewusst darüber nachzudenken, was ich tun will und die Entscheidung getroffen, keinen Kompromiss einzugehen (Kompromisse sind gut, ich mag die. Aber ich will jetzt auch mal eine Weile ganz meiner Vorstellung folgen).

2015 nach langer Zeit wieder getan? Urlaub! Richtigen Urlaub! Mit wegfliegen und wandern und shoppen und Sachen gucken und abends in den Pub bei Musik absacken! Ach, und Trauzeuge sein, das letzte Mal ist ja auch schon wieder gut 15 Jahre her.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Dass alles auf einmal kommt. Ja, am Ende war alles gut und hat auch dafür gesorgt, dass sich viel geändert hat. Aber es waren dennoch schwere Krisen für Menschen die ich sehr liebe und natürlich wäre es besser gewesen, wenn es die nicht gegeben hätte. 2. Die Erfahrung, dass unprofessionelle Menschen viel Geschirr zerdeppern, wenn sie dennoch viel zu sagen haben. 3. Mit der Arbeitsagentur zu tun zu haben. Alles nette Menschen da, aber es ist halt am Ende dieser gruselig technokratische Apparat und das fühlt sich immer beängstigend an.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Dass ich uneingeschränkt da bin, wenn man mich braucht.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Vertrauen. Alle haben mir vertraut (und nicht allein privat, auch beruflich). Das ist für mich so wichtig gewesen, dass es wahrscheinlich ausschlaggebend dafür gewesen ist, dass ich so viel Selbstvertrauen aufbauen konnte, um mich endlich auch zu verändern.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? "Du bist für mich immer Familie."

2015 war mit 1 Wort...? Schicksalshaft.

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October 27 2015

Wo ist die Konsistenz in der Argumentation der Angstbürger?

Stefan schreibt über eine  seltsame Blindheit in der Selbst- und Fremdwahrnehmung von... ich sag einfach mal kurz, den typischen Pegida-Apologeten:

... Aus meiner Warte offenbart es eine tiefe Unkenntnis, nach welchen Mechanismen sich eine öffentliche Meinung bildet, wenn man Kritik an der eigenen Position für Zensur und den Unwillen zur weiteren Zusammenarbeit für ein Berufsverbot hält. In solchen Menschen scheint mir mehr Obrigkeitshörigkeit und Angst vor „dem großen Anderen“ (...) zu walten, als ihnen selbst auch nur ansatzweise klar ist.

Wie überhaupt sehr viel Projektion im Spiel ist. Wir können ja mit Leichtigkeit mehr solche Widersprüche aufmachen:

Ob es die Gewaltfantasien sind, die sie täglich in Sozialen Medien herumposaunen oder die sie tatsächlich als Brandanschläge und Handgreiflichkeiten gegen fremd aussehende Menschen in die Tat umsetzen. Ob es die ständigen Drohungen sind, man "wird sich die Namen merken" für den Fall dass man nach der Revolution (sie befinden sich ja in einem klassischen faschistoiden Endzeitszenario) mal am längeren Hebel säße. Oder ob es der seltsam geschichtsvergessene Wunsch ist, "Zäune und Schießanlagen zu bauen und gut ist", die ihr Leben und ihren Wohlstand irgendwie absichern soll:

Das sind die Lösungen und Ideen der selben Menschen, die sich als zukünftige Opfer der sicher irgendwann mal kommenden "islamistischen" Gewalt und Unterdrückung sehen. Es sind die Ideen derer, die sich als ohnmächtige Spielbälle einer übermächtigen Diktatur einer "Deutschland GmbH" sehen*, die sie mit Chemtrails, Mediendruck und Geheimpolizeien gefügig macht . Es sind die Ideen derer, die ihre Werte - wobei das bei näherem Fragen doch meist materielle Werte sind, also ihr Wohlstand - und ihre Freiheiten gefährdet sehen.

Wenn man sich also mal anschaut, wie diese Menschen sich ihre Welt vorstellen - und zwar einmal die, in der sie sich als diejenigen sehen, die das Sagen haben und einmal die, in der sie sich gerade zu befinden glauben - dann ist das am Ende ganz genau dieselbe Welt. Nur eine andere Machtverteilung.

Insoweit ist die Frage "Was wollen die eigentlich?" auch einfach zu beantworten: Sie wollen weiterhin in ihrer schwarzweißen, gewalttätigen und faschistischen kleinen Welt leben. Nur eben lieber als diejenigen, die sie beherrschen, die andere unterdrücken dürfen und in der sie diejenigen sind, deren Willkür und Skrupellosigkeit folgenlos bleibt. Und nicht als die machtlosen und beherrschten. Es ist eine konsistente Welt.

Eine Welt in der es keine Mitbestimmung gibt, sondern in der sie allein bestimmen oder untergehen.

---

*  (obwohl sie die Zusammensetzung der Parlamente und politischen Strukturen ständig wählen können)

** (und daher brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn die plötzlich auch bei TTIP-Demos auftauchen)

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October 15 2015

Entschlackungswochen

Die letzten Monate waren anstrengend. Ich habe nicht nur das Gefühl, ohne Pause unter Vollast und mit höchster Konzentration an allen Fronten gearbeitet zu haben. Das war wirklich so. Und das war - im Nachhinein - tatsächlich auch etwas Gutes. Ich weiß jetzt, was damals bei den intensiven Einstellungstests der Lufthansa gemeint war, als mir beim Auswertungsgespräch gesagt wurde, ich hätte eine weit überdurchschnittliche Belastbarkeit und Stressstabilität (bei 80 von 100 Punkten). Ich weiß jetzt auch, wie ich das mache: Ich fokussiere mich nur auf das direkt vor mir liegende Problem. Würde ich aufsehen und den Berg sehen, der vor mir liegt, würde ich wahrscheinlich in Panik geraten. Daher schaue ich auf den Weg direkt vor mir und laufe Schritt für Schritt: Irgendwann werde ich schon ankommen.

Jetzt bin ich an der Stelle, an der ich merke, dass ich wieder durchatmen kann. Eigene Pläne machen kann. Und das tue ich auch, aber noch nicht jetzt sofort. Jetzt räume ich erst mal auf, denn ich habe viel liegen gelassen und ignoriert, was nicht wichtig war, um über den Berg zu kommen.

Ein wichtiger Hinweis damals bei Lufthansa war nämlich: "Nehmen Sie bewusst wahr, wenn der Stress sich legt und machen Sie dann eine Pause. Nicht dass Sie dann nichts tun: Räumen Sie auf. Machen Sie klar Schiff. Kommen Sie zur Ruhe und tun Sie nur die Dinge die helfen, um diesen Zustand zu erreichen."

Das tue ich diese Woche:

Ich fülle jeden Tag einen Müllsack mit Dingen, die in meiner Wohnung herumliegen und die ich nicht brauche. Da ich das noch nie gemacht habe, ist das im Moment sehr einfach, denn ich habe irrsinnig viel Zeug, das sich angesammelt hat. Vor allem ist das Papier, aber auch alte Klamotten und Schuhe, Elektromüll, Tinnef und anderes Gerümpel. Es dauert gerade mal eine halbe Stunde pro Tag, bis der riesige schwarze Müllsack voll ist. Heute habe ich den vierten davon entsorgt.

Ich rede so lange schon davon, dass ich mich endlich mal ernsthafter mit Musik beschäftigen will. Seit ich vor inzwischen 10 Jahren mit Miriam ihre Lieder aufgenommen habe möchte ich selbst Klavier spielen und singen können und habe es nie gemacht. Also mache ich das jetzt, auch weil ich merke: Das ist eine andere Art der Konzentration, eine die mich in eine gute Stimmung bringt. Es geht ja um nichts, ich muss nicht "fertig" werden, der Flow ist entspannend und doch ist jeder Durchgang besser als der vorige. Also übe ich jeden Tag eines meiner Lieblingslieder. Heraus kommt dann so was:

oder dieses hier. Oder das hier. Oder dieses. Und heute ist es dieses.

Was ich noch tue ist, mir wieder gute Gewohnheiten anzutrainieren. Jetzt wo es geht, dafür sorgen, dass ich sie nicht vergesse, wenn es wieder stressig wird. Einmal am Tag mal raus zu gehen. Immer etwas zu trinken neben mir stehen zu haben. Wenigstens ein Brot zum Frühstück zu essen. Mir wieder öfter selbst was zu kochen. Solche Dinge.

Und schon diese erste Woche, die ich das tue, nehme ich als eine so große Steigerung der Lebensqualität wahr, dass ich mich tatsächlich schon darauf freue, wenn es wieder losgeht. Denn wenn ich das alles nicht tue und dennoch gut durch meine Aufgaben komme, wie viel besser wird das sein, wenn ich mich dabei auch noch so richtig wohl fühle?

September 03 2015

Sommer vorbei, Gedankenbrei

Wenn ich nichts schreibe, heißt das im Normalfall, dass in meinem Privatleben sehr viel passiert und dass es dabei viel um andere Menschen geht (was über mich zu schreiben hab ich ja wenig Hemmungen). Und das stimmt auch, die letzten drei Monate werde ich wahrscheinlich so schnell nicht vergessen. Es gab eine schlechte Nachricht nach der anderen und meine ganzen Überlegungen, wie ich denn mit meinem Leben so weitermache, ob ich es schaffe mal was neues zu machen oder nur, dass ich mich endlich mal an den Podcast setze, den ich seit über 2 Jahren ständig aufschiebe, waren unwichtig. Andere Menschen - Menschen die mir sehr lieb und wichtig sind - hatten plötzlich richtige Probleme und Sorgen. Oder heirateten und ich war der Trauzeuge.

Da ich hier im Blog nicht über andere Menschen schreibe, muss das auch reichen. Was ich hier aber schreiben kann ist, dass am Ende auch noch dazu kam, dass ich auch selbst nun doch einiges verändern muss. Nach diesem Sommer klappt das nicht mehr, zurück in den alten Trott zu gehen und weiterzumachen, wie zuvor. Es gab diesen Sommer zu viel Veränderung um mich herum. Zu viele starke Erschütterungen, zu viele Kurswechsel, die für das Leben entscheidende Weichen neu einstellten. Und die meisten kamen überraschend und unvermittelt.

Wenn es nur nach mir ginge, hätte ich gerne eine Auszeit, in der ich mich darum kümmern kann, das richtig zu machen: Die Wohnung entrümpeln, mir ein paar wichtige Dinge aufschreiben, mich mal in Ruhe orientieren. Ich bin gut darin, anderen bei solchen Themen zu helfen, leider klappt das aber nicht bei mir selbst. Meine Kusine schreibt diese Ratgeber, von denen ich ziemlich genau weiß, was drin steht und sie hat wahrscheinlich auch mit all dem Recht. Aber ich bin nicht der Typ, der den Ellbogen ausfährt, wenn es eng wird. Ich geh dann lieber woanders hin.

Das hört sich vielleicht jetzt an, als mache ich den Bullies Platz, aber so ist es nicht: Ich kämpfe nur nicht um Anerkennung, wenn ich merke, dass meine Leistung nicht gesehen wird. So verzweifelt bin ich nicht mehr. Es gibt inzwischen genügend Menschen, die wissen, wie gut ich in dem bin was ich tue und was ich kann. Für die setze ich meine Energie viel lieber ein, als sie an Ignoranten zu verschwenden.

Dennoch: Ich habe mir damit eine Komfortzone eingerichtet, die zwar lange gut funktioniert hat, die mich aber inzwischen mehr behindert als nutzt. Seit zehn Jahren mach ich das so: Dieses immer so knapp unter dem Radar bleiben, wo ich relativ unbemerkt und damit ungestört mein Ding machen kann und hin und wieder  - wenns mir wichtig genug ist - hau ich mal wieder was raus. Der Vorteil davon ist, dass ich damit viel tun kann, ohne selbst allzu exponiert zu sein und die Themen im Vordergrund stehen, so dass sie leicht von anderen aufgenommen werden können ohne dass es "meine" Themen sind. Ich mag das immer noch, aber der Nachteil davon, dass keiner weiß, was mein Anteil an den Dingen ist, wird mir auch langsam klar.

Dazu kommt: Ich bitte Menschen nicht gerne um Hilfe. Nicht etwa, weil ich mich z.B. schäme, irgendwas nicht alleine hinzubekommen - ich mag es ja, Dinge zusammen zu tun, weil das Ergebnis immer um ein Vielfaches besser ist als Alleingänge. Ich hab auch keine Angst davor, dass Fragen wie "Hey, Du hilfst anderen bei so vielen sachen und schaffst es nicht, deinen eigenen Kram zu organisieren?" kommen. Die kommen ja normalerweise gar nicht und wenn doch, dann hab ich einfach den falschen gefragt.

Nein, ich bin es einfach nur nicht gewohnt und habe daher sehr große Schwierigkeiten, abzuschätzen, ob und wann ich damit Leuten auf den Keks gehe. Eine meiner nicht so hilfreichen Eigenheiten ist nämlich, dass ich anderen nicht zur Last fallen will, was ich ja grundsätzlich erst mal tue, wenn sie sich auf meine Bitte hin mit mir beschäftigen müssen. Um das besser zu können, müsste ich aber anfangen, zu fragen. Vielleicht tu ich das also demnächst...

 

(P.S.: Kommentarfunktion ist auch kaputt... noch so ne Baustelle.)

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May 18 2015

Warum wir Überwachung nicht verhindern werden, wenn wir nicht etwas anderes grundlegend ändern...


Bild: Emily Helen

1.

Auf der re-publica unterhielt ich mich mit jemandem, der für eine Studie Hartz-4 Empfänger interviewte.

Er erzählte, dass jede von ihnen einen guten Grund hatte, auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein: Der eine ist zu alt für seinen Job, die andere ist zu lange krank gewesen, der nächste kann die Gegend nicht verlassen in der es einfach keine Jobs gibt, die nächste hat einen Beruf, der heute nicht mehr benötigt wird. Und so weiter. Er sagte, es kam eigentlich heraus, was zu erwarten war: Auch Hartz-4 Empfänger sind ein ganz normaler Querschnitt der Bevölkerung was Schulbildung, Ausbildung oder Studium, Familienverhältnisse oder sonstige biographische Eigenschaften angeht.

Soweit, so erwartbar.

Was auch erwartbar war, war das Gefühl dieser Menschen, zu Unrecht stigmatisiert zu sein und von Ämtern und Behörden überwacht und gegängelt zu werden.

Was dann aber überaschte war, dass sie zwar alle ihre eigene Situation realistisch beschrieben haben, aber bei der Bewurteilung der anderen Interviewkandidatinnen komplett daneben zielten: Ihr Wunsch, nicht als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden galt nämlich absolut nicht für die anderen da draußen im Wartezimmer. Die seien ja genau die Schmarotzer und Faulenzer, wegen denen das Sozialsystem so versagt und die nehmen ihnen, die berechtigt auf Hilfe angewiesen sind, das Geld, die Chancen und den guten Ruf weg.

Jeder Einzelne von ihnen war dieser Meinung.

2.

Cory Doctorow erklärte - ebenfalls auf der re-publica - warum wir den Kampf gegen Überwachung verlieren werden. Ein wichtiger Punkt (von mehreren): Menschen sind Misstrauisch. Sie wollen zwar selbst nicht überwacht werden, aber sie sagen im gleichen Atemzug, dass es leider nötig ist, alle anderen zu überwachen.

Wir sind nicht gerade dabei, durch Überwachung die Gesellschaft mit dem Prinzip der Unschuldsvermutung in eine Gesellschaft  mit dem Prinzip des Generalverdachts zu verwandeln. Die Überwachung ist lediglich ein Symptom und das Ergebnis dessen, dass diese Gesellschaft sich schon längst geändert hat.

Die Idee, dass die Überwachung aller Menschen etwas notwendiges sei, hat traurigerweise eine Mehrheit und Solidarität und Vertrauen gilt nicht mehr als Wert sondern als romantische und naive Schwäche!

3.

Eine Kusine von mir postete letztens einen NPD-Spruch in Facebook. Demnach würden für Flüchtlinge Millionen ausgegeben werden, die bei Schulen und Rentnern eingespart würden. Natürlich ist das völliger Unsinn und populistischer Quatsch. Wir könnten problemlos sowohl wesentlich mehr Flüchtlinge aufnehmen, als auch gleichzeitig Schulen sanieren und bessere Bildung ermöglichen und wir könnten Rentnern auch mehr Geld geben.

Aber warum sollte man das tun, wenn man doch anscheinend die, die zu kurz kommen, so wunderbar gegeneinander ausspielen kann? Wenn das sogar dazu führt, dass sie dann die wählen oder denen blindlings folgen, die von dieser Situation profitieren und den Teufel tun, daran auch nur irgendetwas zu ändern?

So lange Menschen glauben, dass sie zu kurz kommen weil Menschen, die ebenfalls zu kurz kommen Schuld daran sind, wird sich da wenig ändern und schlecht gelaunte Menschen neidisch auf andere schlecht gelaunte Menschen schimpfen.

 4.

 Eins der Argumente, das ich immer höre, wenn es um das Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen" geht ist, dass dann ja niemand mehr arbeiten würde und dass es ungerecht sei, wenn andere - im Gegensatz zu einem selbst - nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiteten sondern "alles" geschenkt bekämen.

Natürlich lautet die Antwort auf die erste Gegenfrage "Wie, Du würdest dann nicht mehr arbeiten?" - "Nein, ich würde auf jeden Fall weiter arbeiten. Aber alle anderen nicht und das ist ja dann ungerecht." und es ist ihnen seltsamerweise auch nicht zu erklären, dass ja jeder, also auch sie, dieses Grundeinkommen beziehen würden, zusätzlich zu dem, was sie durch ihre Arbeit verdienen.

Was mir hier jedes mal auffällt ist diese sehr seltsame Sichtweise, nach der man anscheinend einen nicht tolerierbaren Nachteil davon hat, dass andere etwas bekommen, wenn sie nicht dieselbe Vorstellung davon haben, warum sie es "verdienen". Lieber lehnen sie also das BGE für sich selbst ab, als dass das zur Folge hat, dass andere dasselbe bekommen.

5. Ich könnte noch mehr Beispiele aus verschiedenen weiteren Themenbereichen geben:

- Warum geht es wohl bei Schulreformen nicht weiter (was wirklich traurig ist)?  

- Datenschützer wollen jetzt angeblich auch Menschen töten (Das dürfte die perfideste Idee sein, um Datenschutz zu diskreditieren und natürlich klappt es, wenn man die Kommentare liest, die diese schrecklichen "Datenschützer" gerne am nächsten Baum baumeln sehen würden).

- Diese einer Demokratie völlig unwürdige Art und Weise, wie man heutzutage auf Streiks reagiert, sei es der Bahnstreik oder der Streik der ErzieherInnen: Ich bin entsetzt über den ungezügeltem, offenen Hass aus komplett unreflektiertem, purem Egoismus, der noch dazu völlig verantwortungslos von Medien aufgestachelt und von Politikern legitimiert wird.

Ich glaube inzwischen ist es nicht mehr schwer, das Muster zu erkennen. Oder? Ich erinnere mich jedenfalls an Leute, die sowas vorhergesagt haben, als Helmut Kohl in den Achtzigern begonnen hat, das Solidaritätsprinzip konsequent zu vernichten (und Schröder den Staffelstab übernommen hat und geradewegs weitergemacht hat).

Wenn wir nicht hier ansetzen sondern glauben, es reicht doch, sich dafür einsetzen, dass unser schönes, gemütliches Internet schön und gemütlich bleibt und der Rest der Menschen um uns herum geht uns nichts an, haben wir kein besseres Internet verdient als das, das wir am Ende bekommen.

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May 08 2015

...but why the fuck did 7.000 people sing the Bohemian Rhapsody at the end of the re:publica?

In 2010 the re:publica already was on the way to become a big and relevant player. We were 2.700 people and i can only guess, but i think i don't speculate too much if i say that this was the year, we all realized, that the re:publica is not very far away from stopping to be a wonderful yearly class reunion of the people who created the german internet culture from below (actually it started as a german blogger gathering) becoming one of the most important events for europes net politics, culture and originating, organized and maintained from and for citizen.

Why is this so important?

Because even at that time and with this scale still no NGO, no political party, no media- or other company created this event. The re:publica still was "our" festival and "we" got it there and we were determined to hold that ground strongly.

And this is something i'm not getting tired to tell everyone: We german net people may have a lot of differences and we may not at all be that homogenous "Netzgemeinde" that we are viewed as and called from bystanders and media. But we created this event that got bigger year by year, that grew out of a small blogger community joined by twitterers, hackers, makers and instead of adding "relevant business groups" giving the largest platform for activists for all sorts of civil rights like womens rights, refugees rights, freedom of speech in all countries, anti surveillance initiatives and so much more.

And to get back on track: i think, 2010 was the year we all knew, that we will grow out of the comfort zone of being underestimated very soon. Soon was two years later, when the re:publica left the then too small confines of the Kalkscheune and Friedrichstadtpalast and changed it's location to the Station, giving place for the massive growth into the event, 7.000 people witnessed the last three days.

But we took something with us, that is very important: A reminder of where we come from. A small gesture, a moment of Goldigkeit. And this is singing the Bohemain Rhapsody together as a very loud, massively emotional karaoke. And if you wonder why people are hugging and crying and awkwardly sniffing and why they sing with broken voices and nevertheless as loud as they possibly can, it's because this is a reminder and a promise, that the re:publica always was and always will be ours.

For the final session of the re:publica 2010 Johnny prepared a Skype-Interview with Vincent Stone from Twitter that didn't work out: He chattet live on the stage with an assistant who obviously played for time. It developed into a hilarious funny dialogue but in the end Johnny told her that we're done waiting and hung up. Then he told us, that he has that old dream to do a karaoke with at least 1000 people and since we are that many in the room... well, how about it? He made some jokes about Vincent Stone trying to reach us on Skype and we wouldn't see it because we are all singing but what the hell, let's sing.

And so a fully packed room began to sing along to an old, stuttering karaoke video of Queen's Bohemian Rhapsody on Youtube that is long erased there. It was awkward and funny and we immediately knew that if we do this again next year we will start a wonderful, wonderful tradition, even when they tried to get along without it one year.

To prove, that this is not just a nice legend - at last there can't be more than 1.000 people out of those 7.000 that really have been there - i can show you that all of this really happened:

re:publica 2010 singt "Bohemian Rhapsody" from Carta on Vimeo.

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April 17 2015

April 03 2015

"Facebook ist der Schminkspiegel des Internets", oder: Ypsilon ist das X für ein U

2006 musste man als bekannter Werbechef nicht unbedingt ganz weit vorne sein, wenn es darum geht, das Internet und seine Nutzer zu verstehen. Als Dienstleister zur Produktion bunter Bilder zum Anpreisen von Mainstream-Produkten reichte es aus, den Mainstream zu kennen. 2006 waren der Mainstream nicht: Blogs. Daher war er offenbar so überrascht von ihrer Existenz, dass er damit berühmt wurde, sie komplett fehl zu interpretieren. Es nannte sie "Klowände des Internet" und glaubte, Blogger seien anonyme Kellernerds.

Da von allen Menschen, die damals irgendwas ins Internet schrieben, ausgerechnet Blogger am wenigsten anonym noch im Keller herumvegitierende Techniknerds waren (wir hatten alle damals schon ein Impressum, viele bloggten mit Klarnamen und schon damals war das Alters- und Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen) gab es für Herrn von Matt ordentlich Gegenwind. Und es war innerhalb der Werbebranche auch nicht wenig peinlich, denn als jemand, der von Berufs wegen Zielgruppen kennen sollte lag er ja echt mit allem daneben.

Neun Jahre sind vergangen. Viel Zeit, um zu lernen, aufzuholen, sich ein Bild zu machen. Seit damals gibt es viele neue Plattformen: Twitter, Youtube, Facebook (und Messenger: Das Hauptkommunikationsmedium im Internet, das lustigerweise keiner unserer Werbespezis auf dem Schirm hat) und vor allem schreiben nicht mehr nur ein paar Bloggerinnen und Blogger ins Netz sondern wirklich alle.

Da sollte man meinen, dass er sich inzwischen etwas besser informiert hat.

Tja:

Ich erinnere an Ihr legendäres Zitat „Blogs sind die Klowände des Internet“. Das war vor neun Jahren. Damals gab es Facebook in Deutschland noch gar nicht. Heute hat dessen Wall zuweilen aber durchaus Ähnlichkeit mit einer Klowand.

Von Matt: Nein, ganz und gar nicht, denn Facebook funktioniert ja praktisch nur mit Klarnamen. Mit meinem Zitat war das Denunzieren und Diffamieren im Schutze der Anonymität gemeint, das man bei Kommentaren in Blogs und Foren erlebt. Und wenn dieser Satz keinen Nerv getroffen hätte, wäre er nicht sogar in der „New York Times“ zitiert worden. Facebook ist aber alles andere als eine Klowand, eher der Schminkspiegel des Internets.
(Quelle: Horizont)

Ich drösele mal Satz für Satz, denn die Wahrheit ist natürlich eine andere:

1. Dass Facebook praktisch nur mit Klarnamen funktioniert ist eine geradezu herzige Fehlannahme, der man aber gut auf den Leim gehen kann - wenn man Facebook nicht selbst verwendet und glaubt, was deren Marketingabteilung Werbern und werben wollenden erzählt. Allein in meiner Kontaktliste sind ein gutes Drittel der Namen Pseudonyme. Klarnamen nutzen vor allem die Älteren.

Dass Facebook - momentan wieder verstärkt - offensichtlichen Pseudonyme zur Angabe ihrer Klarnamen zwingen will stimmt zwar, aber das sorgt lediglich für viel mehr Fehlinterpretationen, denn die Leute schreiben dann eben "echt klingende" Namen hin und man erkennt somit hinterher nicht mal mehr direkt, dass es sich um ein Pseudonym handelt. Menschen, die glauben, man kann Nutzer mit "echten" Namen ernster nehmen als Nutzer mit offensichtlichen Pseudonymen lassen sich dadurch auch ganz wunderbar ins Bockshorn jagen.

2. Das Zitat auf die Kommentare unter Blogbeiträgen umzumünzen war damals schon ein durchschaubarer Trick: Er hat sich damals einfach über die Blogs geärgert, die seine bescheuerte "Du bist Deutschland"-Kampagne massiv kritisiert und durch den Kakao gezogen haben. Das waren ganz klar Blogs, nicht Kommentare und genau so hatte er das damals auch gemeint und geschrieben. Ich bin seit dem Kindergarten nicht mehr mit "Aber ich habe gemeint..."-Formulierungen durchgekommen, wenn ich mal was dummes gesagt habe. Aber das ist in der Scheinwelt der Werbung wohl anders.

3. Ui, die New York Times hat ihn zitiert (das ist auch schon wieder lustig, wie er damit seit Jahren hausieren geht - man findet jede Menge Medien-Artikel von damals, nur nichts in der NYT). Stimmt, die internationale Presse hatte ihn als Beispiel für einen Medien-Menschen herausgestellt, der den Anschluss an die Digitalisierung verpasst hat, davon überrascht wurde dass die Öffentlichkeit mit dem und im Internet eine Stimme bekommen hat und dann ganz altmodisch onkelig beleidigt war. Tolle Leistung. Aber auch das ist ja in der Werber-Welt egal: Da glaubt man ja sogar heute noch daran, dass jede Form der Aufmerksamkeit was Gutes ist.

4. Facebook ist sicher für den ein oder anderen auch mal ein "Schminkspiegel", aber offensichtlich verwechselt von Matt seine Filterbubble (oder die der Menschen, die er gefragt hat, was sie eigentlich in diesem Facebook machen) mit dem Rest der Welt. Facebook ist ein soziales Netzwerk. Die meiste Kommunikation darin findet - Überraschung - nicht öffentlich sondern in Gruppen, in auf Freunde beschränkten Profilen und vor allen Dingen in persönlichen Messenger-Nachrichten statt (hier befindet sich zum 2.Mal in diesem Artikel ein Tipp). Der neue Vergleich sagt also wie damals schon viel mehr über den Blick von Werbern aus, die Menschen als eine Art unterhaltungssüchtige Schafherde betrachtet, der sie nur an den richtigen Stellen auflauern und mit ihren "Botschaften" füttern muss.

Die ausgewiesenen Facebook-"Schminkspiegel" nennen sich Facebook-Pages und werden meistens für und von Menschen betrieben, die irgendwas in der Öffentlichkeit tun. Und das ist dann Werbung. Erstaunlich, dass er nicht mal in seinem eigenen Metier... aber auch das hatten wir ja schon.

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April 02 2015

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Unpacking Elite: Dangerous Backer Special Editition

March 30 2015

Das Jahr stolpert

Das erste viertel Jahr ist rum und irgendwie schleppte es sich sehr anstrengend voran. Ich habe immer noch nicht das Gefühl, dass es irgendwie spürbar "losgegangen" ist. Stattdessen bestanden der Januar und der Februar aus viel zäher Arbeit und vielen Themen, deren Zeit irgendwie noch nicht gekommen zu sein scheint.

Letzte Jahr hat mich der FAWM aus der Trägheit geholt, aber dieses Jahr war auch das nicht drin: Gerade mal eineinhalb Beiträge sind es geworden. Allerdings gefällt mir der eine, der es bis zur "kann man sich anhören"-Reife geschafft hat, ganz gut:

Zu meiner Einreichung für die re:publica hat sich auch noch niemand gemeldet (ich nehme an, das wird nichts mehr, aber ich fand das Thema eigentlich ganz gut, auch wenn's nicht das war, was ich eigentlich vorhatte).

Aber: Nächste Woche ist Urlaub und wir fliegen nach Edinburgh. Wenn das keine Gelegenheit für das Jahr ist, endlich mal in Schwung zu kommen, weiß ich auch nicht...

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March 21 2015

Prost-Post

Ein Stöckchen über Trinkgewohnheiten (und wo's auch irgendwelche Regeln gibt, die ich ignoriere). Alkoholische Getränke zu sich zu nehmen und das mit dem Wort "Gewohnheit" zu verknüpfen ist in meinem Fall zwar fast nicht möglich - ich trinke dazu viel zu selten und schon gar nicht regelmäßig Alkohol - aber ich mag die Fragen trotzdem.

1. Was ist dein liebster Drink?

Milch. Ok. Es geht um Alkohol. Dann White Russian. Aber Dude-Style, also mit Milch.

2. Wann hast du das erste mal Alkohol getrunken?

Als kleines Kind, nehme ich an. Ich war ja oft in der Rhön, wo unsere Großfamilie lebt und da geht schon mal eine ordentliche Menge Bier weg so über den Tag. Klar, dass man da mal neugierig dran nippt. War aber wenig überzeugend, wie eigentlich jedes Kind hab ich das nicht gemocht.

3. Welchen Drink hast du am meisten bereut?

Warschau 1988. Wir waren auf einer Austausch-Reise eine Woche zu Gast und jeden Abend gabs Wodka satt. Der war aber nicht das Problem. Das war der Krim-Sekt in dem Becher, der genau so aussah, wie der, aus dem ich vorher den ganzen Abend Wodka getrunken habe. Ein versehentlicher Schluck und mir war sofort klar: Das geht nicht gut aus. Ging es auch nicht.

4. Bar oder Kneipe?

Ist mir egal. Da wo es gemütlich ist und wo man in guter Gesellschaft ist.

5. Champagner oder Schaumwein?

Auch egal. Ich mag nur nicht zu süß und noch weniger, wenn's im Mund schäumt. Im Prinzip genau so wie bei Cola. Ich bin was Sekt und anderes Prickelwasser angeht einfach gestrickt. Außerdem trinke ich Sekt und Schampus eh nur wegen irgendeinem Anlass und ganz selten mal nur von mir aus.

6. Mit wem würdest du gerne trinken?

Da muss ich etwas ausholen: Ich habe gerne mal das Problem, dass ich gerade dann, wenn mir Menschen sympathisch sind oder ich sie für tolle Dinge die sie tun oder weil sie einfach so großartig sind, bewundere, sehr gehemmt bin, ihnen das zu sagen und "locker sein" ist schon gar nicht drin. Was dann gut funktioniert ist ein Glas Wein. Man sagt ja, dass Alkohol entspannt oder entkrampft - genau so ist es. Ein Glas Wein hilft mir über die ansonsten unüberwindliche Schwelle, mit dem Gegenüber ein ganz normales und unverkrampftes Gespräch führen zu können.

Also: Ausgehend davon, dass hier nach Menschen gefragt wird, die ich noch nie persönlich getroffen habe, aber es gerne mal täte würde ich gerne mal ein Glas Wein mit Jeff Bridges und Michelle Pfeiffer trinken. Am liebsten mit beiden zusammen. Ich würde auch einfach nur zuhören, wie sie sich unterhalten. Wenns etwas weniger Fanboy sein soll und mehr, weil sie mich mit immer wieder den Dingen beeindrucken, die sie tun, schreiben oder sagen oder weil ich glaube, dass sie einfach sehr coole Menschen sind: Mit Neil Gaiman, mit Anke Engelke, mit Oliver Kalkofe oder mit Laurie Penny.

7. Bei wem würdest du gerne trinken?

Wenn ich die Antworten woanders lese geht es hier um bestimmte Locations oder eben Kenner, bei denen man interessante Getränke in der Hausbar vermutet. Leider hab ich bei beidem so wenig Ahnung, dass ich das nicht beantworten kann. Wobei, nicht ganz: Bei Stefan kann man auch ganz gut Whisky trinken.

8. Wie sieht deine Hausbar aus und was ist das Kostbarste darin?

Tatsächlich habe ich einige wirklich leckere Whiskys in meiner kleinen Glasvitrine. Mit Whisky (schottisch) kenn ich mich sogar wirklich ein bisschen aus. Der kostbarste davon dürfte ein Blackadder raw cask sein. Der steht auch schon sehr, sehr lange bei mir und das Wachs um den Korken wird daher auch nur sehr selten gelöst.

9. Beschreib deine Eiswürfel.

Ganz normale Eiswürfel aus ner Plastikform. So rechteckig.

10. Was ist deine Gin-&-Tonic-Empfehlung?

Ich empfehle, dass man sich dazu an Freunde wendet, die sich damit gut auskennen. Zum Beispiel an Herrn Jahnke.

11. Wie bekämpfst du deinen Hangover?

Hab ich - zumindest wegen Alkohol - schon ewig keinen mehr gehabt. Was aber gut funktioniert ist Kaffee mit Zitrone.

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February 27 2015

Dear Mr Nimoy

Sie waren einer der Helden meiner Kindheit. Ich liebte Raumschiff Enterprise und zwar wegen Ihnen. Ihre Figur Spock war - und das wurde mir erst sehr spät bewusst - für mich ein Role Model im besten Sinne: Sie verstanden viel von Dingen, Prozessen, Zusammenhängen und wenig von dem, wie sich die Menschen um Sie herum verhielten. Aber Sie stellten sich nie arrogant über andere, was ja schnell passieren kann. Sie zeigten mir, dass Freundschaften, Respekt, Akzeptanz und Toleranz auch gelebt werden können, wenn man Schwierigkeiten hat, die Umgebung zu verstehen oder wenn die Umgebung Schwierigkeiten hat, Sie zu verstehen. Das ist eine unglaubliche Leistung, die Sie als Schauspieler abgeliefert haben und ich glaube, dass Sie selbst das auch erst später und im Nachhinein bemerkt haben.

Ich habe von dem, was Sie jenseits von Star Trek als Schauspieler gemacht haben, nicht mehr viel mitbekommen. Aber gerade in den letzten zehn Jahren sind sie mir wieder Nahe gekommen, denn Sie haben das Internet für sich entdeckt und in den letzten Jahren vor allem Twitter und Youtube genutzt, um mit den Menschen in Kontakt zu kommen und zu bleiben. Und sie haben ganz in Ruhe Ihr Weltbild gezeigt: Es ging immer um Genau dieselben Themen, die schon damals wichtig waren: Freundschaft, Respekt, Akzeptanz und Toleranz. Und zusätzlich um Geduld und Optimismus.

Ihr letzter Tweet strahlt auch das alles wieder aus und ich werde mich daran halten. Einerseits die wertvollsten, perfekten Momente in guter Erinnerung zu halten, aber ihnen auch nicht nachtrauern. Es kommen neue. Dennoch, heute trauere ich ein wenig und erinnere mich gerne an Sie.

LLAP

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February 25 2015

Glückwunsch, herzlichen.

Heute ist also, ich weiß aber nicht, weil ich zu faul bin, obwohl ich weiß dass ich das eigentlich, weil ich ja gerne auch Quellen für Themen, in denen ich mich nicht so gut wie ich müsste, um wirklich sinnvoll mitzureden, auskenne, checke, müsste, nachzusehen, aus welchem Grund, der Tag der Schachtelsätze.

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February 21 2015

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Historically Accurate Disney Princesses

February 15 2015

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Elite: Dangerous - Das Tagesgeschäft

January 30 2015

Wie schafft man neue Narrative und Argumentationen?

Jetzt hab ich doch was für die re-Publica eingereicht. Meine ursprüngliche Idee, mal aufzuzeigen, wie exakt und vollständig Tracking heutzutage schon funktioniert - war leider zu ambitioniert, das verständlich aufzubereiten hab ich mir am Ende nicht in der notwendigen Detailliertheit zugetraut. Aber mich treibt in letzter Zeit - vor allem durch viele Diskussionen rund um Pegida und Charlie Hebdo - ein anderes Thema um, nämlich die Hysterisierung und Entsachlichung von Argumentationen und dass es Zeit ist, gegen die neue Welle des Überwachungswahns endlich mal Narrative zu entwickeln, die wirklich greifen können.

Kurzthese:

Die Kommunikation in diesen Tagen ist oft geprägt von ungünstigen Kommunikationsprinzipien: Grundsätzliche Polarisierungen und Formulierungen als entweder/oder Entscheidungen blockieren schon im Ansatz eine pluralistische Meinungsvielfalt, verhindern Dialogmöglichkeiten und Konstruktivität. Ich stelle Ansätze vor, Narrative zu entwickeln, die diese Fehler nicht machen: Z.B wie erkläre ich, dass Internetüberwachung jeden Menschen angeht? Wieso ist "und" stärker als "oder"? Wie formulieren wir Ziele, die nicht mit "Gegen" anfangen oder mit "verhindern" aufhören?

Beschreibung:

Die Kommunikation in diesen Tagen ist oft geprägt von ungünstigen Kommunikationsprinzipien: Grundsätzliche Polarisierungen und Formulierungen als entweder/oder Entscheidungen blockieren schon im Ansatz eine pluralistische Meinungsvielfalt, verhindern Dialogmöglichkeiten und Konstruktivität. Natürlich ist da eine Absicht dahinter, denn die Idee ist natürlich, Alternativlosigkeit herzustellen und das geht am einfachsten, wenn es nur eine gute und eine schlechte Möglichkeit gibt, ein Problem zu lösen. Aber es spaltet, denn eine Partei muss dann immer vollständig verlieren.

Ein weiteres Problem für Narrative - speziell wenn es um Überwachung geht - stellt die Fokussierung auf einzelne Medien ("Betrifft nur eine Minderheit. Ich schreibe eh nur 3 E-Mails im Jahr"), technische Details ("Deep Packet Inspection? Kapiert doch eh keiner und ist doch nur Nerdkram.") oder extreme Einzelfälle ("Du willst also Terroristen und Kinderschänder einfach frei rumlaufen lassen?") dar: Das verstellt den Blick aufs Wesentliche: Es geht doch darum, dass wir nicht mehr miteinander reden können, ohne dass jemand zuhört.

Ich stelle Ansätze vor, Narrative zu entwickeln, die diese Fehler nicht machen: Z.B wie erkläre ich, dass Internetüberwachung jeden Menschen angeht? Wieso ist "und" stärker als "oder"? Wie formulieren wir Ziele, die eben nicht mit "Gegen" anfangen oder mit "verhindern" aufhören (und warum sollten wir darauf achten)?

Auch Argumente werden auf verschiedenste Weise entwertet, verdreht oder emotionalisiert: Wenn Politiker z.B. sagen "Wir müssen die Ängste ernst nehmen!" tun sie genau das Gegenteil, weil sie damit sachliche Kritik in eine irrationale Emotion verwandeln. Diese und weitere Standards der Diskussionsvermeidung will ich vorstellen und auch Vorschläge machen, darauf zu reagieren. Und zu zeigen, dass das umgekehrt auch gut funktionieren kann.

Anmerkung:

Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, das auch als Panel zu machen, habe aber noch niemanden angefragt (Die Idee kam mir gerade erst beim schreiben). Als TeilnehmerInnen würden mir beispielsweise spontan Anne Roth (als Expertin zum Thema Netzpolitik, Privacy, Überwachung) und Katharina Nocun (die mir im LNP-Podcast das erste Mal wirklich verdeutlicht hat, wo bei TTIP die Probleme liegen) einfallen. Maha würde auch zum Thema passen, wenn es um rethorische Spitzfindigkeiten geht und darum, wie man die kontern kann.

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January 22 2015

Totalüberwachung: Warum der Kampf gegen Verschlüsselung ein gutes Zeichen ist

Vor einiger Zeit geisterte das Narrativ durch die Netzwelt, die Snowden-Enthüllungen hätten ja nichts geändert. Ich hatte daraufhin ein anderes Bild aufgemacht: Nur weil es keine allgemeine Empörung gibt, heißt das nicht, dass nichts passiert. Es heißt erst mal nur, dass das Thema sich nicht für eine plötzliche allgemeine Empörung eignet.

Meine Vermutung war, dass sich Bewusstsein langsam aber stetig seine Bahn in die weniger netzaffinen Bereiche der Gesellschaft bahnt (und daher auch keine allgemeine Empörung zu sehen war). Ich merkte an, dass EntwicklerInnen und IngenieurInnen schon begonnen hatten, ihre Apps, Dienste und Hardware sicherer zu machen und dass Cryptografie nicht als Add-On sondern als Standard in neuen Produkten und Diensten erwartet und auch geliefert wird. Und dass das nur etwas Zeit benötigen wird, denn sowas wird ja nicht von einem Tag auf den anderen fertig. Aber wenn sogar der unsicherste und dennoch verbreitetste Messenger WhatsApp Verschlüsselung einführt und ausbaut, dürfte klar sein, dass wir uns bei der Anforderung, dass unsere private Kommunikation wieder vertraulich zu sein hat, nicht in einer Nische befinden.

Der Artikel ist vom 3. Juli. Das was ich darin beschreibe, war meiner Meinung schon sehr sichtbar, aber konkrete Wirkungen eventuell noch nicht. Jetzt aber sind sie es auch. Indirekt.

Der Britische Premierminister Cameron verlangt das Verbot von Verschlüsselung. Barak Obama laviert sich zu einer ähnlichen Aussage. Heute nun kommen auch unsere deutschen Minister mit der Forderung daher, dass "Sicherheitsbehörden" (also Geheimdienste), Verschlüsselungen umgehen können müssen.

Was sagt uns das?

Zunächst mal was Gutes, nämlich: Die Geheimdienste, die Jahre lang jederzeit auf unsere Kommunikation zugreifen konnten, geht inzwischen offenbar schon so viel davon durch die Lappen, dass sie sich genötigt fühlen, bei ihren Dienstherren zu quengeln. Weiter noch: Wenn es jetzt schon so weit ist, dass man nach gesetzlichen Regelungen sucht, um Verschlüsselungen verhindern oder umgehen zu können, dann ist die "Aufrüstung" von uns BürgerInnen schon so weit gediehen, dass der technische Aufwand, unsere Kommunikation doch wieder irgendwie einzufangen, zu hoch ist, um das ohne Gesetze zu stemmen.

Es ist auch deswegen ein gutes Zeichen, weil erstens noch lange nicht jeder verschlüsselt und wir zweitens noch lange nicht am Ende der technischen Möglichkeiten sind, um Geheimdienste daran zu hindern, uns abzuhören. Und doch ist schon jetzt der Moment erreicht, an dem sie Schwierigkeiten bekommen.

Wie panisch man da wohl ist, zeigt sich auch an der löchrigen Argumentation, die zurechtzulegen man sich - um den Anschlag in Paris als Fahrwasser nicht zu verschenken - offensichtlich so beeilt hat, dass man den Widerspruch nicht mal versucht hat zu kaschieren, der sich aus der Behauptung ergibt, dass man ja Abhörmaßnahmen nur mit strengen richterlichen Auflagen und im Extremfall durchführen will, während ja jeder weiß, dass sie uns doch schon längst und jetzt gerade ganz ohne irgendwelche Legitimation abhören.

Die Logik wird ab diesem Punkt auch nicht mehr schlüssiger, im Gegenteil: Wer wirklich übles vor hat - und darum ginge es ja nur: absolute Extremsituationen - wird abhörbare Kommunikationsmedien einfach von vorneherein gar nicht erst verwenden oder sich einen Teufel um gesetzliche Vorgaben scheren und seine Kommunikation eben doch ordentlich verschlüsseln. Das heißt im Effekt, dass die Komplettüberwachung am Ende jeden Menschen überwacht, nur nicht die, zu deren Überwachung das alles angeblich gemacht wird.

Ich glaube daher, dass es für uns alle wichtig ist, den beschrittenen Pfad weiter zu verfolgen:

1. Es als Selbstverständlichkeit zu betrachten und zu propagieren, dass Verschlüsselung benutzt wird wenn immer das möglich ist.

2. Bei der Auswahl von Tools, Apps, Services immer diejenigen zu bevorzugen, die die Privatsphäre und Sicherheit der Nutzer und ihrer Daten Ernst nehmen und für die entsprechende Standards selbstverständlich sind.

3. Bei der Entwicklung von neuen Tools und Produkten schon von Beginn an für sichere Verbindungen und Schutz davor, ausspioniert zu werden zu sorgen, so dass das nicht nachträglich langwierig umgebaut werden muss oder Nutzer erst noch eigene Maßnahmen drumherumbauen müssen, damit sie ihre Privatsphäre behalten.

Eine Bitte an Journalisten: Wenn ihr die Gelegenheit habt, mal einen dieser Herren, die da gerade rund gehen, eine Frage zu stellen, dann stellt ihnen bitte mal diese:

"Vor über einem Jahr, als bekannt geworden ist, dass uns die US und UK-Geheimdienste abhören und unsere Geheimdienste ihnen dabei helfen, haben sie gesagt, der Bürger müsse sich selbst darum kümmern, dass seine Kommunikation verschlüsselt wird. Jetzt tut er genau das und nun wollen Sie Verschlüsselung verbieten oder unterlaufen. We Te Eff, Herr Minister?"

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January 09 2015

Dresden

Ich war in den Siebzigern und Achtzigern als Kind zwar nicht regelmäßig, aber doch wohl öfter in der DDR als viele meiner Altersgenossen. Allerdings war das vor allem im Norden, rund um Rostock. In Berlin oder in anderen bekannten Städten wie Leipzig, Halle und Dresden war ich erst nach dem Mauerfall. Berlin by the way musste sogar am längsten warten. Da war ich tatsächlich nie vor 2001.

Was man eventuell auch schon feststellen konnte wenn man mich ein wenig kennt ist, dass ich gerne Städtereisen mache. Das liegt daran, dass Städte sehr unterschiedliche Charaktere haben. Es gibt natürlich auch immer Statdtteile, in denen bestimmte Ausprägungen stärker oder schwächer sind, aber es gibt auch immer eine gemeinsame Atmosphäre, die sich über eine ganze Stadt zieht und die in jeder Stadt unterschiedlich ist.

Berlin ist zum Beispiel in meiner Wahrnehmung immer etwas aufgeregt. Neugierig. Und verpeilt. Hamburg kommt - sorry - vor allem distanziert und arrogant rüber. Köln ist kumpelig und zuweilen prollig, immer ein bisschen alkoholisiert. 

Ich will aber jetzt nicht alle Städte durchgehen und ich merke auch direkt schon, dass das mit ein zwei Begriffen umschreiben zu wollen nicht funktioniert und schnell klischeeig wird. Ich wollte aber damit erklären, dass ich bei der Wahrnehmung einer Stadt so vorgehe wie wenn ich Personen einschätze: Ich versuche bewusst, Eigenschaften zu entdecken, die ich mit Gefühlen verknüpfen kann, um mit ihnen eine Beziehung herstellen zu können (und mir merken zu können, wer das ist. Sonst vergesse ich das nämlich direkt wieder). Das geht wesentlich weiter als drei Worte. Das sorgt dafür, dass Edinburgh mir immer das Gefühl gibt, total Willkommen zu sein und Dresden das, jetzt aber besser mal ganz vorsichtig zu sein.

Bei Dresden war das wirklich von Anfang an so seltsam. Denn eigentlich ist die Stadt doch sehr schön: Es ist nicht eng, es gibt schöne Gebäude, es ist hell und immer, wenn ich da war, war der erste Eindruck der Menschen dort ein eher relaxeder und unaufgeregter. Aber irgendwas war seltsam. Schon beim ersten Mal als ich dort war fühlte ich mich unbehaglich. Es lag nämlich etwas in der Luft, was ich mir nicht erklären konnte und mir das Gefühl vermittelte, es sei besser, hier bloß nichts falsches zu sagen oder mich zu auffällig zu bewegen. Es passte nie zu dem, was ich jeweils tatsächlich gesehen habe, daher habe ich das eine Weile als Fehlwahrnehmung ignoriert.

Aber mit jedem Besuch dort - und ich war sehr oft in Dresden, z.B. bin ich vor ein paar Jahren über Monate beruflich alle zwei Wochen hingeflogen - war es wieder da. Eine unterdrückte Aggression, die irgendwo hinter den alten Fassaden lauerte. Die aufgestellten Nackenhaare kamen immer wieder, die ständige Hab-Acht-Alarmiertheit ging einfach nicht weg. Seltsam, wo die Menschen, mit denen ich dort direkt zu tun hatte, allesamt nett und freundlich waren und ich mich - soweit das für Arbeitsbekanntschaften gelten mag - auch immer freute, sie zu sehen.

Ich empfand es als ungerecht, immer wieder froh gewesen zu sein, die Stadt wieder verlassen zu können, aber es war so: Die Atmosphäre der Stadt machte mir Unbehagen, ob ich wollte oder nicht. Und es verschwand sofort, wenn ich wieder fort war.

Heute nun las ich einen Blogartikel von Peter Richter, der sich mit Dresden und seinen Erinnerungen daran beschäftigte und ich fand darin Formulierungen, die dieses Gefühl, das ich mit Dresden verbinde, ziemlich genau beschreiben.

Es gibt einen anderen Teil in dieser Stadt, der ist ganz und gar nicht gemütlich, sondern in einem Maße hektisch und aggressiv, dass es Auswärtige, und nicht nur die, oft mit der Angst bekommen. In Dresden hatte man damals, als sich aus der Randale, die ersten Demonstrationen formten, das Gefühl, dass die Kirchenleute und die sogenannten bürgerlichen, besonneneren Kräfte die Sache nicht so sehr anführen, sondern eher eindämmen mussten. (...)

Das - und der Rest seines lesenswerten Beschreibung der Stadt - ist auf eine beunruhigende Art beruhigend, denn ich erkenne die Stimmung der Stadt, wie sie sich mir darstellt, darin wieder und habe nun endlich auch ein paar Hinweise, warum das so ist. Dass Dresden irgendwie anders und eigen ist, haben mir auch schon viele Menschen, unter anderem auch Dresdner, bestätigt. Aber so eindeutig beschrieben habe ich es erst heute zum ersten Mal bekommen.

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January 05 2015

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Kölns OB Roters auf der "Köln steht sich Quer" Demo
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