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July 03 2014

Totalüberwachung: Vom vermeintlichen Fehlen der Empörung

Und schon wieder lese ich, dass wir in Deutschland die Totalüberwachung einfach zulassen weil es uns egal sei. Diesmal sinds die mobilegeeks, die mit "keinen intressierts" titeln. Letztendlich geht die Story so: Die Geheimdienste können tun und lassen was sie wollen und die Politiker verhindern die Aufklärung ungestört, weil wir uns nicht genug empören. Der gemeine Deutsche schaut nur mal kurz von der Ablenkung seiner Wahl - momentan wäre das wohl die WM-Übertragung - auf und macht einfach weiter wie bisher.

Felix hatte auf der re:publica schon mal versucht, dieses anscheinend völlig offensichtliche und somit auch weitgehend als wahr anerkannte Phänomen von einer anderen Seite zu betrachten und kam so schon auf ganz andere Erklärungen und zu einer anderen, differenzierteren und unaufgeregteren Einschätzung der Situation.

Ich halte es für gefährlich und kurzsichtig, ständig den Leuten vorzuhalten, sie würden sich - im Gegensatz natürlich zum Autor - nicht interessieren. Der Vorwurf stimmt ja auch nicht. Sie empören sich lediglich nicht so laut wie der, der sich über sie beklagt und dann lediglich fehlende Lautstärke bei der einen von vielen möglichen Reaktionsmöglichkeiten, die er kennt, mit Lethargie verwechselt.

Denn es gibt durchaus viele verschiedene Reaktionen, die - im Gegensatz zum im Internet weit verbreiteten Glauben, dass es immer nur eine richtige Maßnahme geben kann - sogar parallel nebeneinander geschehen. Empörung funktioniert in diesem Mix aber am wenigsten gut, denn Empörung ist eine direkte und schnelle emotionale Reaktion und direkt heißt, dass ich entweder einen sofort eindeutigen, persönlichen Effekt spüre oder dass ich die Situation durch genug Vorwissen überblicke und die heftigen Implikationen dieser Enthüllungen sofort richtig einschätzen kann, auch wenn ich gerade nicht die Hand auf der Herdplatte lege.

Beides - also direkte Auswirkung oder genügend Peil - ist beim großen Teil der deutschen Bevölkerung aber schlicht nicht gegeben, also gibt es auch keine landesweite Empörung. So einfach und unspektakulär ist das. Meine Filterbubble, in der es jede Menge Menschen gibt, die sich entweder gut genug auskennen oder sogar direkt betroffen sind empört sich durchaus und zwar nicht zu knapp. Lustig auch: Der Vorwurf, der an die geht, die sich anscheinden aud lauter Bequemlichkeit nicht empören wollen, geht ins Leere, denn die werden dieses Gejammer eh nicht lesen.

Meine Eltern klicken hin und wieder im Netz herum. Sie schreiben alle paar Wochen mal eine - unverschlüsselte - Mail. Wenns hochkommt ist da ein Familienfoto als Anhang drin (oder eine Powerpoint-Datei mit wahlweise lustigen oder besinnlichen Sprüchen). So sieht für den größeren Teil der Deutschen Internetnutzung aus. Worüber sollten die sich empören? Die sind nicht lethargisch, obrigkeitshörig, desinteressiert, sind keine dummen Schafe oder wie auch immer sonst man diese Menschen seitens der hochnäsigen Netzauskenner beschimpft.

Die haben lediglich ein Leben, in dem diese Überwachung - sorry for breaking this news to you - keine Rolle spielt.

Aber es passiert ja was. Es passiert sogar viel. Das wird aber witzigerweise von den über fehlende Empörung Empörten scheinbar übersehen. Wahrscheinlich deswegen, weil es hier weniger um Aufmerksamkeit geht als vielmehr um Konsequenzen, die aber doch zeigen, dass ein Bedarf entstanden ist, den es vor der NSA-Affäre in der Breite nicht gab. Es gibt zum Beispiel inzwischen eine ordentliche Auswahl von vernünftigen Messenger-Apps, die Verschlüsselungen nutzen und Daten nicht zentral speichern. Und die werden vermehrt genutzt. Das ist meiner Meinung nach ein ganz konkreter Effekt.

Oder: Es gibt endlich ernsthafte Bemühungen, sichere Clouddienste zu entwickeln.

Oder: Es gibt E-Mail Dienste und Cliententwickler, die sich überlegen, wie sie die Kommunikation verschlüsselt bekommen, ohne dass die Nutzer IT-Spezialisten sein müssen.

Solche Sachen zu entwickeln dauert aber nun mal immer ein bisschen länger als eine kurze Empörungswelle. Vielleicht ein etwas ungewöhnlicher Vergleich, aber ich sags mal so herum: Die Empörung ist eine Art heftige Veliebtheit. Was am Ende zählt ist, welche Beziehung herauskommt, wenn die rosa Wolken sich verzogen haben.

Und da sehe ich doch - wenn man die Empörung mal ausblendet und sich anschaut wie die Internetnutzer sich gerade verhalten - viel konkretes: Es gibt eine stabile Aufmerksamkeit, einen bewussteren Umgang mit Informationen, viele neue Ansprüche und Standards, die jetzt grundsätzlich an Internet-Dienste gestellt werden. Dazu muss man aber ausserhalb seiner Filterblase schauen, in der diese Ansprüche und Aufmerksamkeit ja schon vor Snowden sehr hoch war. Ich werde  inzwischen von vielen Freunden und Verwandten danach gefragt, ob das Programm xy sicher ist, oder welche Lösung sie benutzen sollen, weil sie gehört haben, dass es wichtig sei, sich um Sicherheit beim Austausch von persönlichen Inhalten zu kümmern.

Ich sehe daher keinen Grund für lange Gesichter. Die Versuche, mit Desinformation zum Beispiel Anonymisierungsdienste zu verteufeln, funktioniert nicht mehr. Schaut euch doch nur mal an, wo und vieviel mehr Ahnung und Medienkompetenz sich gerade verbreitet. Schaut euch an, wie viele gute Projekte gerade am Start sind, um anonyme, sichere Kommunikation und Datenaustausch zu ermöglichen und wie viel nachhaltiger, massentauglicher und tiefgreifender das allein im jetzt vergangenen Jahr im Vergleich zu den letzten zehn Jahren ist. Das ist der langfristige Snowden-Effekt, den die Empörungs-Fans übersehen.

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June 11 2014

Ubisoft verzichtet bis auf weiteres auf die Repräsentation von Frauen in ihren Spielen

Verschiedene Game-Magazine berichten heute davon, dass Ubisoft für den kommenden Titel "Asassins Creed: Unity" die Entwicklung eines weiblichen Spieleravatars mit der Begründung eingestellt hat, dass ihnen das zu viel Arbeit war:

"It's double the animations, it's double the voices, all that stuff and double the visual assets," Amancio said. "Especially because we have customizable assassins. It was really a lot of extra production work."

Was mich auf Facebook in eine kleine Diskussion verwickelte. Jetzt bin ich gar nicht so sehr an Asassins Creed interessiert, aber dieser Fall erinnerte mich doch sehr an Watch Dogs, wo Ubisoft im Prinzip genau dieselbe Situation erzeugt hat: Auch in Watch Dogs darf man als Spieler ausschließlich die eine weiße, männliche Hauptperson Aiden Pierce steuern. Auch hier wird man in Multiplayer-Sessions andere Spieler als irgendwelche Passanten, diese sich selbst wiederum aber als Aiden sehen. Was für ein dämlicher Fuckup ist das denn?

Jaja, aber wie viele Frauen spiele denn schon Computerspiele? Und warum sollte denen was ausmachen, ob die Spielfigur männlich ist? wurde dort gefragt. Als ob das eine Begründung sei. Klar: Ich kenne genug spielende Frauen, die auch mit der männlichen Figur spielen, wenn nur das angeboten wird. Das ist aber doch so, wie wenn Du irgendwo bist und es nur Filterkaffee gibt. Dann trinkst Du halt den, bevor Du gar keinen Kaffee bekommst.

Heutzutage hat man doch aber höhere Ansprüche an Spiele und der Wunsch nach Repräsentation (dabei gehts nicht nur um Frauen, auch um Hautfarben, Körpergrößen, Ethnien, Berufe usw.) wird seit Jahren lauter und wird inzwischen von vielen Spielen auch mehr oder weniger umgesetzt - die Dauerbrenner der letzten Jahre - Mass Effect, Borderlands, Dragon Age, die hier geradezu vorbildlichen Saints Row Spiele - werden seit Jahren deswegen gefeiert.

Ubisoft aber produziert seine beiden aktuellsten, next Generation Flagship-Games momentan ausschließlich für weiße Jungs.

Gerade bei Watch Dogs ist das ein riesiges WTF, dass man sich den Charakter nicht selbst bauen kann. Jeder weiß, dass alle Story-Cutscenes bei Mass Effect oder den Saints mit allen Modellen funktionieren, ohne dass die Story verwässert wird. Im Gegenteil: Die Immersion ist viel größer, weil man sich das Aussehen seines Characters selbst zusammengebaut hat. Und selbst wenn man sich einen aussuchen müßte: Watchdogs hat ja unzählige Modelle, um die Stadt zu beleben, die man im Multiplayer ja sogar (für den Mitspieler sichbar) auch bewegt. Wo sind da die riesigen Aufwände?

Im Gegenteil, den Spielern vorzuschreiben, ausschließlich Aiden als Figur spielen zu dürfen ist doch völlig unnötig und wirkt sich sogar extrem hinderlich für das Spiel aus. Wie bekloppt ist es, dass man im Multiplayer selbst immer Aiden lenkt und der Gegner einen Random Character? Den wiederum nur der jeweils andere sieht? Das haben andere Spiele seit Jahren tausendmal besser gelöst!

Und wenn man vorhat, ernsthaft ein Spiel für die nächste Generation der Spielentwicklung zu machen, mit einem nie dagewesenen Realitätsgrad, dann sollte man sich nun mal auch um ein realistisches Setting bemühen. Dazu gehört eine realistische Repräsentation.

Ubisoft schafft es es ja auch gleichzeitig, auf mehr als 200 Fahrzeugtypen mit völlig unterschiedlichem Verhalten stolz zu sein. Oder auf ultrarealistische Wetterbedingungen, die sich auf die gesamte Physik der Spielwelt auswirkt. Oder auf die exakteste Auswirkung von über 500 Waffentypen. Oder auf eine realistische, autarke Fauna. Oder die beste Wasserphysik, die man je in einem Spiel erleben konnte... oder, oder, oder.

Und dann reicht es nicht für ein realistisches Bewegungsmodell mehr, das sich immerhin auf 50% der Charaktere im Spiel auswirkt, die dort ständig unterwegs sind? Wirklich? Das soll die Begründung sein?

Ubisoft, ich glaube, ich kenne die tatsächliche Begründung. Ihr wollt nicht. Es interessiert euch - auf fatale Weise - nicht. Ihr habt eine so archaische Vorstellung von euren Kunden, die euch erlaubt, Diversität komplett zu ignorieren. Allerdings irrt ihr euch hier sehr. Das merkt ihr eventuell noch nicht gleich, aber vielleicht macht ihr euch mal die Mühe, zu untersuchen, wie viel mehr Prestige und wie viel mehr Verkäufe eurer neuen Flagship-Games ihr mit Leichtigkeit hättet erreichen können.

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June 04 2014

Das mit dem neuen Journalismus

Der Anlass dieses Posts ist der seltsame soziale Druck, den man spürt, sobald man auf das Thema Krautreporter zu sprechen kommt und erläutert, warum man das Projekt nicht finanziell unterstützt. Meine Gründe habe ich schon recht früh genannt:

1. Viel zu kurz gesprungen, um spannend zu sein

Es geht vor allem darum, eine andere Finanzierungsform zu finden, die es selbständigen Journalisten erlaubt, gute Arbeit zu leisten: Also Zeit für Recherche zu haben, ausführliche Artikel zu schreiben und Themen anzusprechen, die nicht wegen zu wenig Aufmerksamkeit rausfliegen weil sich damit keine Werbung verkaufen lässt.

Das ist soweit gut und richtig. Aber leider hört es hier auch schon auf. Es gibt keine Idee oder einen Plan, Journalismus als solchen neu zu definieren. Es gibt keine Skalierung, keine neue mediale Vision, keine Idee für Nachwuchs. Es gibt keine Neubewertung des Berufes, der den Journalismus von der prekären Schreiberlingsarbeit zu dem er verkommen ist zurück (oder vorwärts) in einen Qualitäts- und Spezialistenberuf (zurück)führt. Eigentlich geht es doch nur darum, dass ein paar altgediente Journalisten in Ruhe ihre Arbeit machen wollen.

Gönn ich ihnen auch. Ist sicher unterstützenswert für Leute, die sowas dringender brauchen als ich. Aber es gibt unzählige ambitioniertere journalistische Projekte, für die meine Unterstützung wertvoller ist. Daher ging meine Kohle dieses Jahr zum Beispiel hierhin.

2. zu wenig Frauen und die, die dabei sind schreiben über "Frauenthemen"

Dazu hat Felix schon alles geschrieben, was es zu schreiben gibt. Nur eine Hinzufügung meinerseits. Männerclubs - oder etwas neutraler ausgedrückt: Projekte, in denen sehr wenig Diversität herrscht - sind sehr schnell und sehr regelmäßig langweilig. Mal ganz vom offensichtlichen WTF abgesehen.

Vielleicht ist hier ja auch der Grund für das Problem Nummer 1. Die beruflichen Vorstellungen, die Lebenswelt und die Realität in der die Protagonisten agieren sind zu ähnlich, um konstruktive Spannungsfelder zu erzeugen, die die Energie erzeugen, um Ideen weiter zu spinnen und wirklich innovativ zu sein.

3. Ich warte auf diejenigen, die Krautreporter inspiriert, was wirklich gutes zu machen

Das Argument "Wenn es jetzt keiner tut, ist die Chance vertan" oder "Das perfekte Projekt wird nicht kommen" gibt es nicht. Es ist wirklich lustig: In den Reaktionen auf meine und die Bedenken anderer wird gar nicht bestritten, dass diese Kritik gerechtfertigt ist. Sie wird aber auch gar nicht diskutiert, sondern mit der Begründung ignoriert, dass man ja froh sein müsse, dass es so ein Projekt - auch mit Fehlern - zunächst einmal überhaupt gibt und wenn man das jetzt zerredet wird der Journalismus untergehen.

Ich sehe auch schon die Geschütze in Stellung gehen, wenn Krautreporter ihr Fundingziel nicht erreicht. Dann sind die Schuld, die das Projekt schlechtgeredet haben. Nicht etwa die Initiatoren, die die Hälfte ihrer Zielgruppe außen vor ließen weil sie dachten, das sein erst mal nicht so wichtig. Oder weil ihre einzige Vision war, bessere Recherchebedingungen zu schaffen. Was so als Vision jetzt nicht wirklich Begeisterung erzeugt.

Aber: Mir egal. Die Idee war ja gut und sie ist nun im Raum. Es wird andere geben, die die Sache aufgreifen werden. Es wird neue, innovativere und mutigere Projekte geben. Nur weil ein paar gestandene Journalisten ihr Magazin nicht so hinbekommen haben wie sie es sich vorgestellt haben wird die Idee, Journalismus wieder "richtig" zu machen, nicht sterben. Und dann hab ich sicher 60 Euro über, um sie in das Projekt zu stecken, das danach kommt.

Woher ich das weiß? Ich hab zwei Mal nicht das Geld bekommen, um eine Idee umsetzen zu können. 2000 war es zu früh für ein Weltraum-MMO und 2005 sagten mir die Banken, dass man mit Browsergames doch kein Geld verdienen kann. Am Ende haben es andere gemacht und bewiesen, dass es eben doch geht. Einerseits ist natürlich schade, dass ich nicht dabei war, andererseits aber gilt die Erkenntnis: Es gibt immer jemanden anderes, der es dann eben im zweiten Anlauf auch hinbekommt.

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May 26 2014

Unternehmensportale: Vom Stiefkind zum Prestigeprojekt

May 08 2014

Mein Vortrag über das Smart Grid

Gestern halb Zwölf stand ich in Stage 5 und hielt meinen Vortrag über das Smart Grid. Der Raum war voll, was mich für den Einstieg ziemlich nervös machte. Ich finde das Thema zwar persönlich immens wichtig und spannend, aber es ist ja zumindest in der Netzszene jetzt nicht wirklich im Fokus, daher war ich tatsächlich sehr überrascht darüber, wie viele Menschen sich das anhören wollten.

Ich weiß nicht, ob der Vortrag gefilmt wurde. Aber der Ton wurde aufgenommen und ich habe die Präsentation auf Slideshare abgelegt, so dass man ihn sich anhören und die Inhalte nachlesen kann:

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May 07 2014

Smart Grid - Smarte Überwachung vs. Energiewende von unten
Smart Grid - Smarte Überwachung vs. Energiewende von unten

April 14 2014

Im Spiegel

Im Spiegel dieser Woche, also der Ausgabe Nummer 16 vom 14. April 2014, gibt es auf Seite 114 ein kleines Interview mit mir. Es geht um den Twitter-Account @tweetsvonwagner, den ich aus einer Laune heraus irgendwann im letzten Dezember begonnen habe und in dem ich versuche, Sprache und Duktus von Franz-Josef Wagner - dem Bild-"Chefkolumnisten" - in Twitter zu übertragen. Das funktionierte anscheinend so gut, dass dem Account über 1500 Follower folgen. Der Größteil davon sind Journalisten und Medienleute.

Was mich an Wagner und seiner Art auf eine Art fasziniert wie ein Unfall, bei dem man nicht wegschauen kann sind seine Formulierungen und die Art wie er eigentlich alles falsch macht, was man falsch machen kann. Nicht nur grammatikalisch, das ist tatsächlich das kleinste Problem. Halbe Sätze kann man machen. Oder viertel Sätze. Oder mehrere Sätze hintereinander, die nur aus einem Wort bestehen. Assoziationen. Beispielsweise.

Spannend finde ich - und das ergänze ich hier mal, weil es dieser Teil des Interviews nicht ins Endergebnis geschafft hat - wie er sich in seinem Schreibfluss grundsätzlich verfährt. Zum Beispiel beginnt er seine "Briefe" immer mit einer persönlichen Anrede, aber die hält er gerade mal einen Absatz lang durch. Danach schreibt er den Brief nicht mehr an den Empfänger sondern an den Leser der Kolumne. Er verliert den Adressaten, aber auch sich als Autoren. Oft wird aus dem "ich" ein "wir" oder ein "man". Letzteres spätestens dann, wenn er seinen Adressaten beleidigt - Boris Becker kann ein Lied davon singen.

Ich wurde auch gefragt, ob das vielleicht sogar eine Art Kunst sei, was ich verneinte. Ich glaube nicht, dass Wagner sich seinen Stil so ausgedacht hat. Klar ist er inzwischen "stilsicher", aber Kunst würde bedeuten, dass da viel Konzeptarbeit drinsteckt. Die sehe ich aber nicht. Ich denke, dass das mehr oder weniger aus Versehen entstanden ist. Die logischen Fehler, die Art und Weise wie er sein altbackenes Weltbild unterbringt, die oft böse in vordergründigem, aber erkennbar geheucheltem Verständnis verpackten Anfeindungen sind nicht Teil eines wohlüberlegten Gesamtkonzeptes. Diese Eigenarten immer wieder herauszuarbeiten und in den einzelnen Tweets in den Vordergrund zu schieben, dann die Leser zur Kolumne zu schicken wo sie verwundert bemerken, wie bescheuert, absurd, bösartig oder hinterhältig die tatsächlich geschrieben sind, darum geht es mir und ich freue mich über die Reaktionen, wenn es mir gut gelungen ist.

Die Frage ob ich ihn denn kenne habe ich auch verneint. Ich interessiere mich tatsächlich auch gar nicht für ihn als Privatmensch und ich hoffe, dass die Art und Weise wie ich den Account nutze und Wagner darstelle auch deutlich macht, dass es sich hier um eine Parodie der öffentlichen Person geht. Daher habe ich kein aktuelles Foto genutzt sondern das offizielle uralte Konterfei aus der Kolumnenseite. Ich bleibe hart am Kolumnenstil, selbst bei direkten Antworten. Und ich ignoriere viele "Zuschriften", da ich der Meinung bin, dass die Figur Wagner sich nicht mit ihnen befassen würde. Es sei denn es sind Promis. Denen antwortet er natürlich schon mal.

Was nicht gefragt wurde ist, wie lange ich denn das noch machen will. Das wüßte ich auch gar nicht zu beantworten. Im Moment macht es Spaß und so lange es Spaß macht werde ich den Account noch weiterbetreiben. Das können Monate, Wochen oder nur Tage sein. Keine Ahnung. Bratwurst.

Herzlichst,

PS: Für alle neuen Leser ein Disclaimer. Das ist weder der erste Satireaccount den ich (mit)betreibe noch das erste mal, dass ich Schabernack im Internet treibe und auch nicht das erste mal, dass ich im Spiegel bin.

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March 24 2014

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Friedemann Weise -- Eine kurze Geschichte der Zeit (2014)

March 23 2014

Things not to come

Es gab einige Dinge, von denen ich - und eigentlich alle Welt - zwischen den Siebzigern bis fast in die Neunziger hinein überzeugt waren, dass es sie bis zu Jahr 2000 geben wird. Hier die Liste der Dinge, die ich nicht mehr nur als etwas verspätet ansehe sondern von denen ich annehme, dass ich sie nicht einmal mehr erleben werde:

1. Kolonien auf dem Mars

Oder wenigstens auf dem Mond. Wobei der Mars tatsächlich wahrscheinlicher war - was will man denn auf dem Mond? Außer vielleicht Atomabfälle endlagern? Das war in den Siebzigern keine Frage ob, sondern nur die Frage, wann. Irgendwann hat sich die Idee, Menschen in den Weltrauf und auf andere Planeten zu schaffen, aber wieder völlig verflüchtigt.  Man hörte fast vollständig auf, hier Engagement zu zeigen und nur das Space Shuttle Programm war was Neues. Allerdings ist auch das schon Anfang der Achtziger mehr oder weniger stillgestanden, die Dinger haben einfach nur zwanzig Jahre lang Satelliten in die Umlaufbahn geschubst weil man sie halt noch hatte und wurden dann schließlich eingemottet als die Technik am Ende völlig veraltet war. Zumindest ist das mein Eindruck.

Mir ist allerdings auch klar, warum man da den Fokus änderte. Instrumente und Roboter sind nicht so leicht kaputtzubekommen wie Menschen. Außerdem muss man denen keine Häuser bauen, Nahrung mitgeben und sie überhaupt aufwändig am Leben halten.

Aber ich finde es schade, dass man von der Vision so sang und klanglos zurückgetreten ist. Es geht ja auch ein wenig um das Prinzip. Hätte man sowas gemeinsam geschafft, wäre das nicht nur ein technisches Kunststück gewesen sondern es hätte die Erde kleiner gemacht. Was uns allen gut getan hätte.

2. Saubere Energie

Das Thema, bei dem ich seit den Siebzigern immer wieder dachte "Ach, jetzt dann aber!". Die Ölkrisen 1973 und 1979, von denen mir vor allem zweitere sehr gut in Erinnerung ist, führten damals zu allen möglichen Diskussionen, wie man Energie erzeugt, ohne ständig Dinge zu verbrennen. Der saure Regen in den Achtzigern bestätigte die Dringlichkeit, von Kohle wegzukommen. Three Miles Island und später vor allem Chernobyl bestätigte, dass der Mensch die Atomkraft nicht kontrollieren kann.

Dann kamen sechzehn Jahre Helmut Kohl. Sechzehn Jahre kompletter Stillstand unter Regierungen, deren Wirtschaftsfreundlichkeit dazu führte, dass Deutschland in fast allen Zukunftstechnologien den Anschluss verpasste. Und in denen das Thema nachhaltige Energie komplett und mit voller Absicht stillgelegt wurde. Die Achziger und Neunziger unter Kohl waren ein deutscher Dämmerzustand. Dass Kohl Probleme durch "Aussitzen" löste war überall spürbar. Es erzeugte ein eigentlich völlig falsches Gefühl von Stabilität, auf das Wahl für Wahl zu viele Deutsche hereinfielen, als dass man irgendwas hätte ändern können.

Und wenn ich mir anschaue, wie momentan die "Energiewende" von politischer Seite aus möglichst unmöglich gemacht wird nur um irgendwann sagen zu können "Seht ihr, es geht nun mal nicht anders... ", sag ich "Dejá vu" und hake das Thema ab.

3. Keine unheilbaren Krankheiten

Ok, natürlich war allen auch schon in den Siebzigern klar, dass es das so nicht geben wird. Gemeint war, dass man medizinische Durchbrüche machen wird, die es der Menschheit erlauben wird, vormals tödliche Krankheiten wie Krebs zu heilen oder den Verfall im Alter zu verhindern. Das ist durchaus eine klare, rationale Erwartung gewesen. Das Vertrauen in die technische und medizinische Entwicklung war so groß. Allerdings kam dann AIDS und das war schon mal ein riesiger Dämpfer. Und es hörte nicht auf. Jede Menge Autoimmunkrankheiten, resistente Viren, mutierte Bakterien, Alzheimer... Anstatt das Leben immer beschwerdefreier wurde gab es plötzlich immer gefährlichere Krankheiten.

Wahrscheinlich stimmt das Bild so nicht. Wahrscheinlich können wir heute wesentlich mehr heilen als noch vor dreißig Jahren. Was man sich aber damals wünschte war das Gefühl, dass die Medizin das Leben spürbar ungefährlicher machen würde. Das ist nicht eingetroffen. Die Erwartung, den Körper einfach mal reparieren zu können wenn es ihn richtig übel erwischt hat - Krebs, Zuckerkrankheit, Gicht, Multiple Sklerose, Parkinson, Nierenversagen... - hat sich nicht erfüllt und inzwischen denke ich, das wird es auch nicht mehr tun.

4. Ganztagesschulen

Mal ab von den "ganz großen" Dingen, bei denen man sich zumindest noch einigermaßen erklären kann, warum es nicht hinhaute damit: Was mich wirklich völlig verblüfft ist, dass sich das Ganztagesschulsystem nicht durchgesetzt hat. Ich war von der neuten Klasse bis zum Abi auf einer Schule, in der grundsätzlich von halb neun morgens bis vier Uhr nachmittags reguläre Schulzeit war. Wer mitrechnen kann stellt fest: Das ist genau die Zeit, die man braucht, um schlicht die doppelte Menge an Zeit für dieselbe Menge Stoff zu vermitteln. Und so funktionierte das auch: Es gab einfach 90 statt 45 Minuten Unterricht für eine Fachstunde. Die Vorteile lagen auf der Hand. Weniger Stress, viel mehr Zeit, um in Ruhe alles erklärt zu bekommen und zu verstehen, viel mehr Zeit um Aufgaben und Methoden durchzuführen, die auch mal längere Zeit benötigten (Yay, Chemie-Experimente!) und vor allem: Sehr wenige Hausaufgaben.

Ich war mir damals 100% sicher, dass meine Kinder genau so eine Schule besuchen werden. Jetzt ist Sohn 1 schon längst aus der Schule und Sohn 2 braucht auch nicht mehr lang und beide haben genau dasselbe schrecklich ineffektive, die Lust auf Lernen und Wissen vernichtende, Eltern überfordernde Schulsystem durchlebt wie wir selbst vor über 20 Jahren. Und wenn ich sage, es hat sich nicht das Geringste getan dann übertreibe ich kein Bisschen, denn Sohn 2 hat letztes Jahr was als Schullektüre lesen müssen? Die Vorstadtkrokodile! Ein Buch, das die Realität von Jugendlichen im Jahr 1977 abbildet! Das war nicht nur noch vor der Atarikonsole geschweige denn dem C64, da gabs noch nicht mal Videorecorder!

Grundschüler lernen übrigens auch heute noch schreiben mit "Vater und Sohn" (1934-37) Bildergeschichten. Die Chance, dass sich bei so einem Schulsystem also irgendwann noch was zu meinen Lebzeiten tun wird hab ich daher abgeschrieben.

Das Einzige, das sich übrigens über jede Erwartung hinaus wie irre weiterentwickelt hat ist Unterhaltungstechnik.

Vielleicht sollte ich ein Stöckchen draus machen, mich interessiert brennend, ob ihr auch solche Dinge habt. Falls ihr also nen Blogartikel schreibt, schreibt mir das doch bitte in die Kommentare.

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March 11 2014

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David Bowie Perfect day screen test

March 10 2014

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