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Fragebogen 2016

 

Das war ein seltsames Jahr, denn was in der Welt und in meinem Leben so passiert ist könnte diametraler nicht sein. Ich persönlich hatte ein großartiges Jahr, wenn nicht eins der besten der letzten zehn Jahre. Nachdem letztes Jahr quasi alles um mich herum zunächst in Schutt und Asche gelegt wurde, so dass ich vor lauter Aufräumen, Lecks abdichten und Status Quo aufrecht erhalten gar keine Zeit hatte, meine eigene Situation zu betrachten und zu steuern, dies aber am Ende dazu führte, dass ich mich auf einem komplett neuen Spielfeld wiederfand - vor allem durch die Entscheidung, mich endlich selbständig zu machen - konnte ich mich dieses Jahr so sehr auf den Aufbau meiner eigenen Wirklichkeit und auf das, was ich für mich wollte konzentrieren wie schon sehr lange nicht mehr.

Was mich freute war, dass mir dabei meine Erfahrungen zu pass kam, die ich inzwischen gemacht hatte. Ich bin kein Endzwanziger mehr, der sich nicht wirklich gut darin auskennt, weitreichende Entscheidungen zu treffen oder kritische Wissenslücken hat, die einen Plan mit zu vielen Unbekannten versetzen, um ihn umzusetzen. Ich konnte auf so viel Wissen, auf Können und auch auf gute Kontakte zurückgreifen, die ich in den letzten zwanzig Jahren gesammelt hatte, dass es mir nach diesem Jahr so vorkommt, als ob ich keine Minute ins Schlingern gekommen bin. Und besser noch, ich bin schon jetzt viel weiter, als ich geplant hatte: Das Geld reicht, ich habe mehr Zeit als je zuvor und das was ich tue macht schon jetzt so viel mehr Spass, ist thematisch und inhaltlich spannender, innovativer und cooler und es ist by the way auch so viel sinnvoller als ich dachte. Das ist ein großartiges Gefühl.

Die zusätzliche Zeit konnte ich in Themen und Projekte stecken, die ich seit Jahren vor mich herschob: Einen Podcast starten, LARPs organisieren und drüber reden, etwas mehr Sport treiben, viel mehr Musik machen. Es war für mich endlich ein Jahr, wie ich es mir lange wünschte: Wo viele Dinge ins Rollen kamen, mit denen ich mich in Zukunftt mehr beschäftigen will und kann.

Währenddessen sterben meine Helden - vor allem David Bowie und Leonard Cohen (mit dem ich dieses Jahr zum letzten mal in Gedanken zum gleichzeitigen Geburtstag anstoßen konnte), die Engländer und Amerikaner fallen auf die billigsten Rattenfänger rein und in Deutschland glauben viele Menschen, dass es wieder in Ordnung gehe, Menschen zu jagen und zu verletzen, die anders sind als sie selbst. Darauf hätte ich gerne verzichten können.

Nun aber zum alljährlichen Fragebogen:

(Und natürlich vorab auch wieder die Rückblicke auf 201520142013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003)

Zugenommen oder abgenommen? Ich glaube, ein bisschen abgenommen. Fühlt sich jedenfalls so an. Oder der "Sport" hat geholfen und vielleicht bin ich auch einfach nur fitter. Ich hab immer noch keine Waage.

Haare länger oder kürzer? Ich hab mich ja Ende letzten Jahres stark verkürzt, das ist - zumindest was die Frisur angeht - genug Veränderung an dieser Stelle gewesen und ich habe das dieses Jahr nicht noch weiter getrieben.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleich. Auch hier habe ich Ende letzten Jahres ja endlich mal ein Update gemacht, so dass sich da nichts mehr weiter verändert hat.

Mehr bewegt oder weniger? Tatsächlich mehr - ohne das jetzt genau beziffern zu können. Nicht dass ich jetzt plötzlich zum Sportler geworden wäre oder irgendwas regelmäßiges trainiert hätte. Aber ich hab mir im Sommer ein Rudergerät gekauft und nutze es seitdem tatsächlich mindestens zwei mal die Woche für 30 Minuten. Das hat meiner Meinung nach auch tatsächlich was gebracht, weil ich viel seltener meine eigentlich typischen Wetterkopfschmerzen hatte und auch das ganze Jahr nur ein mal (nämlich jetzt grade) krank war. Außerdem wandern Frauke und ich (ok, sagen wir, wir machen längere Spaziergänge) wann immer die Gelegenheit es erlaubt. 

Mehr Kohle oder weniger? Gefühlt mehr. Aber es kann gut sein dass das gar nicht stimmt, sondern dass ich anders damit umgegangen bin.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gefühlt weniger, zumindest was Ausgaben für mich persönlich angeht. Wahrscheinlich wars aber ein gutes Stück mehr. Anfang des Jahres ist die ganze Familie ein mal kreuz und quer umgezogen, was ein paar auch durchaus unerwartete Folgekosten verursacht hat. Viele der Ausgaben, die ansonsten hatte, waren daher vor allem Altlasten von mir oder jemandem anders. Durch einen ansonsten strikten Sparkurs konnte ich ohne allzu viel nachzurechnen mir liebe und wichtige Menschen unterstützen, was mir wichtiger war als irgendwas zu kaufen, was ich eh nicht brauche.

Warum Sparkurs? Ich hab vor allem mal Rücklagen gebildet, da ich als jetzt neu Selbständiger schlicht zu wenig Ahnung davon habe, was ich am Ende an Kosten habe werde. Da ich zusätzlich eine gewisse Panik vor allem habe, was mit Ämtern zu tun hat, war mir wichtig, sicher zu sein, dass ich nach der ersten Steuererklärung nicht plötzlich auf die Schnauze falle. Die erste Schätzung der Steuerberaterin hat gezeigt, dass das richtig war, denn das zurückgelegte Geld reicht selbst für das teuerste rechnerische Szenario aus. 

Der hirnrissigste Plan? Wie jedes Jahr muss ich diese Frage etwas uminterpretieren, da ich eigentlich nichts hirnrissiges im Sinne von etwas total beklopptem mache. Wenn man das so liest, dass es um was für meine Verhältnisse völlig wahnwitziges geht, dann gibt es was: Ich organisiere ein extrem aufwändiges, internationales high-budget LARP mit, das nächstes Jahr im Sommer stattfinden wird. Zum Glück sind da viele großartige Menschen dabei, die sowas in der ein oder anderen Form schon gemacht haben, aber für mich ist das ein spannender Schritt, denn wenn 'Zeitgeist' Erfolg hat, kann wirklich alles passieren.

Ein anderer hirnrissiger Plan ist nicht meiner, deshalb kann ich da noch nichts sagen. Ich nehme aber an, er wird nächstes Jahr unter dieser Rubrik auftauchen.

Die gefährlichste Unternehmung? Selbständig zu sein. Ich habe das Gefühl, dass es super geklappt hat. Sogar besser, als erwartet. Ich wäre aber nicht ich, wenn ich nicht ständig Angst davor hätte, dass ich irgendwas falsch gemacht habe und alles implodiert. Meine Steuerberaterin meint, es sei alles ok und meine Rücklagen wären auch ausreichend, egal was die Steuern sagen, aber das hilft meinen gelegentlichen Grübeleien mitten in der Nacht nicht wirklich. Ich habe mich aber andererseits noch nie beruflich so wohl gefühlt wie in diesem Jahr. Ich hatte noch nie so viel Zeit (das war ja mein Ziel: Gar nicht mal mehr Geld, sondern mehr Zeit zu haben), um irgendwelche tollen Projekte zu starten (wie z.B den hirnrissigen Plan) oder einfach mal spazieren zu gehen, wenn ich gerade Lust habe. Insoweit gibt es absolut kein Bedauern, aus der Tretmühle des Angestelltendaseins ausgestiegen zu sein.

Der beste Sex? 2015 war ja ein sehr anstrengendes Jahr, in dem ich sehr wenig Zeit oder Lust auf sexuelle Abenteuer hatte. Zweisamkeiten waren von allem Gelegenheiten zum Runterkommen und Ausruhen und ich brauchte das auch genau so. Dieses Jahr war es so ähnlich, aber aus zum Glück anderen Gründen. Ich musste ja sehr viel im Auge behalten und vor allem in den ersten Monaten war die Anspannung noch extrem groß, ob ich nach 20 Jahren als Angestellter mein Leben so radikal umstellen könnte. Daher war mir immer noch Rückhalt und die Sicherheit, dass mir liebe Menschen da sind und es uns zusammen gut geht, wichtiger und nicht, ob ich viel oder aufregenden Sex habe (keine Sorge, hatte ich auch). 

Die teuerste Anschaffung? Ein neuer Monitor.

Das leckerste Essen? Ich erinnere mich tatsächlich nicht an irgendwelche Highlights in diesem Jahr, aber ich habe mich mit FreundInnen eine Zeit lang Dienstags zum Schnitzel essen getroffen, was viel Spaß gemacht hat. Warum haben wir das eigentlich wieder aufgehört? Gleich mal nachhaken...

Das beeindruckendste Buch? Es gibt zwei Bücher, für die ich dieses Jahr Crowdfunding-Aktionen mitgemacht habe und beide haben sich gelohnt. Lustigerweise hatten beide dieselbe Idee, nämlich interessante Frauen der Geschichte vorszustellen. Unterschiedlich war lediglich der Design-Ansatz. Während das eine Buch sie wie abgelehnte Disney-Prinzessinnen katalogisierte, hat das andere Buch sie als Gutenachtgeschichten für Mädchen inszeniert. Die Disney-Idee ist als Ansatz sogar interessanter, leider limitiert das aber die Bildsprache und trägt auf dauer nicht wirklich. Textlich allerdings ist das Buch hervorragend umgesetzt. Das andere Buch hat auf jeden Fall die besseren Illustrationen von unterschiedlichen Künstlerinnen. Beide Bücher sind aber am Ende großartig gemacht und absolut empfehlenswert. Ich könnte nicht entscheiden, welches besser ist.

Der ergreifendste Film? Ich war dieses Jahr vor allem zur Unterhaltung im Kino. Die Filme waren spannend oder witzig, aber ergreifendes war da natürlich eher weniger dabei  Rogue One. Du meine Güte. Das hätte ich nicht gedacht.

Die beste CD? Blackstar, David Bowie. Was sonst.

Das schönste Konzert? Amanda Palmer in der Kantine Köln. Die Location war nicht so toll, aber sie spielte drei Stunden und war großartig.

Die meiste Zeit verbracht mit...? neuen Ideen. So viele neue Dinge wie in diesem einen Jahr hab ich in den letzten fünf Jahren nicht angefangen. Ich habe das Gefühl, ich war ständig damit beschäftigt, irgend was neues aufzugreifen und auf den Weg zu bringen. Was natürlich auch daran liegt, dass ich viele tolle mEnschen kenne, die tolle Ideen haben, die ich für unterstützenswert halte. Und da ich mehr Zeit hatte als je zuvor, konnte ich das auch tun.

Die schönste Zeit verbracht damit...? ...Babysitten. Im Ernst. Eva und Dominics kleine Luna, auf die ich während Evas Workshops oder auf den ifols aufgepasst habe, ist mir total ans Herz gewachsen. Sie zieht demnächst nach Regensburg, was mich ein bisschen besorgt, denn das ist schon sehr weit weg...

Vorherrschendes Gefühl 2016? Zufriedenheit. Tatsächlich. So häufig wie in diesem Jahr hatte ich noch nie das Gefühl, dass alles in meinem Leben gerade irgendwie richtig ist. Dass ich schon jetzt viel mehr von dem tun kann, was ich wirklich tun möchte, dass das was ich noch tun will mit jedem Tag in greifbarere Nähe kommt, dass sich alles so entwickelt wie ich es mir vorgestellt habe und besser noch, dass es sogar viel schneller geht als gedacht.

2016 zum ersten Mal getan? Ein Alternate Reality Game geschrieben. Das hat richtig Spaß gemacht und war für mich auch ein ganz persönliches Highlight. Denn genau da wollte ich ja hin: Weg von Marketing, Werbung und Standardkram sondern tolle und interessante Geschichten und Projekte machen, hinter denen mehr steckt als ein ödes Verkaufsziel.

2016 nach langer Zeit wieder getan? Mich um ein Baby gekümmert. Nicht nur eine Stunde oder so, sondern den ganzen Tag und für jeweils eine knappe Woche, mit all dem Schlafen legen, Windeln wechseln, füttern und mit Spielen und Spaziergängen bei Laune halten. Meine zwei eigenen sind ja seit diesem Jahr beide erwachsen, da ist sowas wirklich schon sehr lange her. Aber offenbar kann ichs noch. Und ich kann nur immer wieder sagen, dass es großartig ist, sich mit Kindern zu beschäftigen. Es gibt nichts, was einen mehr öffnet, in den Moment bringt, erdet und einem ein so grundsätzlich und bedingungslos positives Zukunftsbild weckt, als sich auf die ungebremste Neugier und klare Ehrlichkeit eines kleinen Kindes einzulassen. 

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Johannes' Selbstmord. Ich konnte nicht im Blog drüber schreiben. Ich hab ihn lange Zeit bewundert und war froh, ihn im Mai endlich mal persönlich kennenzulernen und festzustellen, dass er wirklich so ein großartiger Mensch ist wie er mir immer erschien. Und nur wenige Wochen später war er tot. Ich hab nur auf Facebook ein bisschen mit FreundInnen geschrieben und habe meine eigene Sprachlosigkeit mit einem Lied umgangen. 2. Der Aufstieg der Autokraten, der dieses Jahr die ersten echten politischen Implikationen außerhalb von eher kleinen Ländern wie Ungarn oder Polen hatte. Die Lust am Bürgerkrieg, die m.E. inzwischen ohne sich noch zu verstellen von Rechts hörbar ist, scheint aber immer noch zu wenig wahrnehmbar zu sein, um ein echtes Umdenken bei etablierten Politikern zu bewirken, die weitermachen, als ob nichts wäre. 3. Die Erkältung jetzt am Ende des Jahres. Ich hab mich in den letzten zehn noch nie so lange am Stück so gesund gefühlt, wie dieses Jahr. Da kommt mir diese blöde Grippe dazwischen und versemmelt mir den Highscore.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Dass ich noch viel besser bin, sobald ich nicht mehr in den eingefahrenen Strukturen arbeiten muss.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Das waren viele kleine Geschenke. Von vielen lieben Menschen (und Kindern). Das kann ich dieses Jahr nicht beantworten.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat? "Es wird ja auch Zeit, dass mehr Leute mitbekommen, wie gut Du bist." - Ja, das ist interessantweise der schönste Satz. Ich versuche ja immer, so knapp unterm Radar zu bleiben. Ob das aus Angst war, aus Faulheit, aus Schüchternheit oder wegen dieser preussischen Familientradition, hart zu arbeiten und bloß nicht den leisesten Anschein zu geben, man wolle damit angeben, ist wahrscheinlich letztlich egal: Ich habe mich dieses Jahr jedenfalls gefreut, dass ich diesen Satz so oder ähnlich von ganz unterschiedlichen Menschen zu ganz unterschiedlichen Themen gehört habe. Ich habe auch erkannt, dass mein Wunsch, mehr tolle Dinge machen zu können, auch nur erfüllt werden kann, wenn ich noch weiter aus meiner Komfortzone trete. Daher nehme ich ihn als Kompliment und Ansporn mit ins nächste Jahr.

2016 war mit 1 Wort...? Neuanfang.

Don't be the product, buy the product!

Schweinderl